Arbeitslose Akademiker Zahlenteufel

Arbeitslose Akademiker: Kein Grund zur Panik

Zahlen lügen nicht. Wenn in Deutschland des Nachts minus 20 Grad gemessen werden, gilt dies als untrüglicher Beweis dafür, dass es doch noch Winter gibt. Soll der Klimawandel bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wenn Frauen in Deutschland, statistisch gesehen, nur 1,4 Kinder bekommen, heißt das, dass ein ganzes Land ausstirbt. Und wenn, wie gerade geschehen, gemeldet wird, dass die Akademikerarbeitslosigkeit 2009 so stark angestiegen ist wie seit der Dotcom-Blase und ihrem Platzen nicht mehr, nämlich um 11,3 Prozent, dann muss es schlimm bestellt sein um die Nachwuchsingenieure und die Neulings-Philosophen.

Muss es wirklich? Dass Krisen und ihre Ausläufer auf dem Arbeitsmarkt allgemein – bildlich gesprochen – keine gemütliche Jahreszeit darstellen, es also mitnichten kuschelig warm und generell unkündbar zugeht, das mag intuitiv einleuchtend sein. Dass ein Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit 2009 um 11,3 Prozent im Laufe des Jahres aber kein Grund zur Panik ist, ist deutlich schwerer zu vermitteln. Ein zweiter Blick könnte helfen: In absoluten Zahlen bedeutet eine Steigerung um gewaltig klingende 11,3 Prozent deutschlandweit 17.000 neue arbeitslose Akademiker. Bei insgesamt 3,3 Millionen Arbeitslosen.

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Anders ausgedrückt: Da die Arbeitslosigkeit unter Akademikern traditionell niedrig und im Aufschwung noch weiter abgesunken ist, übersetzt sich schon ein moderater Anstieg der Arbeitslosigkeit in scheinbar dramatische Prozentzahlen. Wie paradiesisch der Akademikerarbeitsmarkt immer noch ist, zeigt der Zehnjahresvergleich: 1999 waren im Dezember – bei insgesamt deutlich weniger Akademikern – rund 195.000 von ihnen arbeitslos. Ende 2009 waren es trotz der 11,3 Prozent Zunahme nur 16.7000.

Interessant ist auch die Entwicklung der Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne Berufsabschluss. Sie ist von Januar bis Dezember 2009 um 10 Prozent gefallen – um den Wert etwa, um den die Arbeitslosigkeit der Akademiker gestiegen ist. Das heißt aber eben nicht, dass es heutzutage die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit wäre, keine Ausbildung abzuschließen. Im Dezember waren immer noch 1,26 Millionen Menschen ohne Ausbildung ohne Arbeit und im Januar dieses Jahres sogar schon wieder 1,36 Millionen. Dennoch sollte die gute Nachricht nicht verschwiegen werden: Trotz Krise sind das immer noch gut 40000 Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die im Laufe des Jahres eine Stelle fanden oder in qualifizierte Weiterbildung vermittelt wurden – etwa im Gesundheits- und Sozialwesen.

Zahlen lügen nicht, aber nicht immer müssen große Zahlen auch besonders schlechte Nachrichten bedeuten.

 
Leser-Kommentare
    • Brauki
    • 05.02.2010 um 14:17 Uhr

    Frau Scholter hat sich leider nicht die Mühe gemacht, die offiziellen Statistiken zu hinterfragen. Dann wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass Studienabsolventen ohne Arbeit nicht als Arbeitslose sondern als Arbeitssuchende geführt werden. Als solche erscheinen sie aber nicht in der Arbeitslosenstatistik. Sie erhalten kein Arbeitslosengeld, können an keinen bezahlten Weiterqualifikationsmaßnahmen teilnehmen und müssen sich darüber hinaus auch noch selbst krankenversichern. Oft haben sie sogar noch Schwierigkeiten, wenigsten einen Praktikumsplatz zu erhalten, denn gerade Firmen, die sich dem sogenannten "fair company" - Abkommen angeschlossen haben, sind in dieser Krisenzeit nicht flexibel genug, diesen ansich löblichen Ansatz zu lockern. So laufen seit Ende 2008 ganze Absolventengenerationen Gefahr, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu bleiben. Ein Lichtblick am Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen. Und auch dieser Nebelkerzenartikel spendet nicht gerade Aufhellung

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    @Brauki
    Ich glaube da liegt ein Irrtum vor. Erstens hat man als Hochschulabsolvent unter den gleichen Voraussetzungen wie jeder andere Anspruch auf Arbeitslosengeld II (das setzt keine vorherige Einzahlung in die Arbeitslosenversicherung voraus, sondern ist steuerfinanziert). Da ist übrigens auch die Krankenversicherung mit drin. Zweitens hängt die Frage, ob man als "arbeitslos" in die Statistik eingeht, nicht davon ab, ob man Arbeitslosengeld bekommt. Zuletzt gab es etwa 400.000 Fälle, in denen jemand keine (finanziellen) Leistungen bezog, aber trotzdem als arbeitslos registriert war.

    @Brauki
    Ich glaube da liegt ein Irrtum vor. Erstens hat man als Hochschulabsolvent unter den gleichen Voraussetzungen wie jeder andere Anspruch auf Arbeitslosengeld II (das setzt keine vorherige Einzahlung in die Arbeitslosenversicherung voraus, sondern ist steuerfinanziert). Da ist übrigens auch die Krankenversicherung mit drin. Zweitens hängt die Frage, ob man als "arbeitslos" in die Statistik eingeht, nicht davon ab, ob man Arbeitslosengeld bekommt. Zuletzt gab es etwa 400.000 Fälle, in denen jemand keine (finanziellen) Leistungen bezog, aber trotzdem als arbeitslos registriert war.

  1. als akademiker muss ich mich alle 2 jahre arbeitssuchend melden. da alle akademiker im öffentlichen dienst zeitverträge haben, muss sich hier jeder andere genauso arbeitssuchend melden. oder ins ausland gehen wo das leben schöner ist.

    zumindest mich hätten diese zahlen mal interressiert. um mal einen gediegenen überblick über die gesamtsituation zu bekommen. und sich nicht nur irgendwelche rosinen anzuschauen, die genau so in jedem anderen artikel auch dargestellt werden.

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    Es ist schlicht falsch, dass _alle_ Akademiker im öffentlichen Dienst Zeitverträge haben. Dies trifft wahrscheinlich nicht mal auf einen nennenswerten Prozentsatz zu.

    Es ist schlicht falsch, dass _alle_ Akademiker im öffentlichen Dienst Zeitverträge haben. Dies trifft wahrscheinlich nicht mal auf einen nennenswerten Prozentsatz zu.

    • SeppD
    • 05.02.2010 um 15:35 Uhr

    Kann mich meinem Vorredner anschließen, daß Absolventen nicht als Arbeitslose gezählt werden. Desweiteren sollte man darauf hinweisen, daß viele Akademiker weit unter ihren Qualifikationen arbeiten. So arbeiten viele Absolventinnen z.B. als Sekretärinnen. Und leider ist es zumindest in Deutschland so, daß eine gewisse Zeit in einer "niedrigeren" Tätigkeit die Erlangung einer angemessenen Stelle beinahe unmöglich ist. Berücksichtigt man die nötige Begabung, Fleiß, einkommenslose Jahre und das Risiko des Scheiterns, dann ist ein Studium durchaus nicht immer attraktiv verglichen mit anderen Berufswegen.

  2. Etwa 20% aller Hochschulabsolventen wandern aus. Wieviele Menschen ohne Berufs- oder Schulabschluss wandern jedes Jahr aus? Mit Uniabschluss ist es wesentlich einfacher im Ausland eine Stelle zu finden als ohne Schulabschluss. Und auch schon vor Bologna sind Uniabschluesse anerkannter als Berufsausbildungen.

    Wenn Hochschulabsolventen, wie andere Bevoelkerungsgruppen, sich in Deutschland arbeitlos melden wuerden waere die Akademikerarbeitslosenquote insgesamt auf einen Schlag bei 25%.

    Gruss von einer britischen Uni bei der 10% aller Stellen mit deutschen Akademikern besetzt sind.

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    Ich kenne eine ganze Reihe von Hochschulabsolventen, aber praktisch kaum einen, der ausgewandert ist. Gibt es einen Beleg für die 20%?

    Ich kenne eine ganze Reihe von Hochschulabsolventen, aber praktisch kaum einen, der ausgewandert ist. Gibt es einen Beleg für die 20%?

    • diaa_2
    • 05.02.2010 um 20:36 Uhr

    Bei diesen Artikeln frage ich mich regelmäszig, wer sie bestellt und evtl. auch bezahlt hat! Wenn man sich die reinen Zahlen (die noch öffentlich zugänglich sind) anschaut, so kann man zu diesem Schlusz nicht kommen.
    Beim IAB (Institut für Arbeit und Beruf > ForschungsInstitut des "Arbeitsamtes" neusprech "Arbeitsagentur") finden sich folgende Zahlen (ArbeitslosenQuote) für einige ausgewählte Berufe:
    Ingenieure allg. > 2005: 8,6%
    Ingenieure Maschinen- und Fahrzeugbau > 2005: 9,1%
    ChemieIngenieure, Chemiker > 2005: 11,6%
    ElektroIngenieure EnergieTechnik > 2005: 5,8%
    Juristen > 2005: 23,9%
    WiSoBerufe u.a. Psychologen, Volks- Betriebswirte > 2005: "-" >> 37,8% läszt sich als Quotient aus den vorhanden Daten bilden!
    Geisteswissenschaftliche Berufe > 2005: "-" >> 70,6% läszt sich als Quotient aus den vorhanden Daten bilden!

    2007 und 2009 wurden die aktuellen Zahlen noch nicht veröffentlicht! Ob die nochmal kommen? Und wann die Zahlen für 2005 und früher gelöscht werden sei dahingestellt!
    Sie können die Zahlen im Internet finden über:
    diaa.de > zur DIAA-HomePage > Politik > sechste Unterseite: Zahlen zur Akademikerarbeitslosigkeit > Dort die einzelnen Berufe anklicken!

    • Reisel
    • 06.02.2010 um 11:02 Uhr

    Sicherlich, gute Ausbildung kann die Gefahr von Arbeitslosigkeit senken. Auch akademische...
    Aber es so darzustellen, dass es keinen Grund zur Besorgnis für Absolventen gäbe, ist falsch. Gerade in den Geisteswissenschaften, gibt es eine riesige Zahl von Absolventen, die der Statistik nicht bekannt sind. Auswanderung, massenhafte Ausbeutung von Praktikanten und Trainees, Arbeit unter Qualifikationsniveau, Durchschlagen mit Minijobs (z.B. Kellnern, Lektorieren usw.), Schreiben einer wissenschaftlich sinnlosen Doktorarbeit sind die massenhaften Versuche von Absolventen, sich irgendwie durchs Leben zu schlagen. Insofern ist die unreflektierte Darstellung in Ihrem Artikel weder korrekt noch zielführend. Tatsache ist, dass Absolventen passende Stellen nicht in adäquatem Maße angeboten werden und dass so eine Abkoppelung vom Arbeitsmarkt stattfindet, wie einige Foristen schon herausgearbeitet haben. Diese Abkopplung ist noch nicht so sichtbar wie in anderen Ländern (Italien, Spanien usw.), wird sich aber auch nicht ändern, wenn die mediale Diskussion mit Artikeln wie dem Ihren vernebelt wird...

  3. Es ist schlicht falsch, dass _alle_ Akademiker im öffentlichen Dienst Zeitverträge haben. Dies trifft wahrscheinlich nicht mal auf einen nennenswerten Prozentsatz zu.

  4. Ich kenne eine ganze Reihe von Hochschulabsolventen, aber praktisch kaum einen, der ausgewandert ist. Gibt es einen Beleg für die 20%?

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