Schon Erstklässler wissen, was sie später auf keinen Fall sein möchten: ein »Honk«. Der Begriff ist ein gängiges Schimpfwort auf Berliner Pausenhöfen. Er steht für »Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse«. Gerade eingeschult, zeigen sich bereits Sechsjährige mit den Hierarchien des deutschen Schulsystems vertraut. Für die meisten Eltern ist das Bildungsziel ohnehin klar: Mehr als die Hälfte von ihnen streben für ihre Kinder den Besuch des Gymnasiums an.

Da ist die Frage, wer über den Übergang nach der vierten Klasse entscheidet, ein hoch brisantes Politikum. Jedes Bundesland hat sein eigenes Modell, wobei als Faustregel gilt: Im Süden haben die Lehrer das Sagen, im Norden zählt eher der Elternwille. Die klaren Parteilinien verwischen neuerdings jedoch immer mehr. So will die grüne Bildungssenatorin in Hamburg das bislang uneingeschränkte Elternrecht begrenzen und riskiert damit, dass ihre gesamte Schulreform scheitert. Der grüne Parteikollege im Saarland dagegen möchte das verpflichtende Schulgutachten abschaffen und macht sich dabei Feinde bei den Lehrern. In Niedersachsen kämpft die CDU für mehr Einfluss der Lehrer, während die bayerische CSU versprochen hat, den Elternwillen zu stärken.

Eine Reihe von neuen empirischen Untersuchungen, die ein Sonderheft der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft jetzt veröffentlicht, kann die Debatte mit einigen überraschenden Befunden erneut anheizen. Danach haben Übertrittsempfehlungen von Lehrern große Schwächen – und sind doch besser als ihr Ruf. Am ungerechtesten geht es dort zu, wo die Eltern bestimmen dürfen. Aber egal, wer entscheidet: In allen Studien wird der starke Einfluss der Herkunft der Schüler auf den Übertritt aufs Gymnasium deutlich. »Der soziale Einfluss lässt sich beim Kompetenzerwerb, den Schulnoten sowie den Übergangsempfehlungen nachweisen«, sagt Kai Maaz vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Akademiker schicken ihr Kind auch ohne Eignung auf das Gymnasium

Das ist brisant, denn die Schulzuweisung hat in Deutschland bis heute überragende Bedeutung. Ob jemand auf dem Gymnasium oder der Hauptschule landet, beeinflusst seinen späteren Beruf, das zukünftige Einkommen sowie den Status. Auch die Glaubwürdigkeit des gegliederten Schulsystems hängt an einer passgenauen Zuordnung: Wenn man davon überzeugt ist, dass Schüler ihre Talente am besten in homogenen Klassen entfalten und sie deshalb früh verteilt, darf man sich bei der Zuordnung keine Fehler erlauben.

Bislang gelingt dies bekannterweise nur schlecht. Dafür sind nicht nur die vielen Mädchen und (noch mehr) Jungen ein Beleg, die jedes Jahr vom Gymnasium auf die Realschule wechseln müssen – oder von dort auf die Hauptschule. Auch Studien wie Pisa oder Iglu zeigen immer wieder große Überschneidungen der Leistungen verschiedener Schulformen. »Schüler, die gerade einmal ein paar Sätze lesen und verstehen, bekommen eine Gymnasialempfehlung, während gute Leser auf der Hauptschule landen«, zürnte der Iglu-Koordinator Wilfried Bos schon vor Jahren.

Dass die Anzahl solcher Fehlplatzierung eventuell überschätzt ist, darauf weist nun Hartmut Ditton in seiner Untersuchung hin. Denn Testergebnisse, so der Münchner Bildungsforscher, können nicht alles abbilden, was Lehrer in ihren Eignungsempfehlungen berücksichtigen müssen. So kann ein Schüler durchaus intelligent sein. Wenn es ihm jedoch an Motivation, Neugier oder Anstrengungsbereitschaft mangelt, wird er es auf dem Gymnasium schwer haben. Ditton hat an bayerischen Grundschulen über zwei Jahre verfolgt, wie Lehrer zu ihrem Übergangsurteil kommen. Dabei gelangt er zum Schluss, dass die »Ergebnisse im Gesamtüberblick wenig Anlass bieten, die Empfehlungspraxis der Lehrkräfte generell anzuzweifeln«.

In jedem Fall orientieren sich Lehrer stärker an den tatsächlichen Leistungen als die Eltern. Diesen Befund bestätigen alle nun vorgestellten Studien. Insbesondere Eltern, die selbst einen hohen Bildungsabschluss haben, sind kaum gewillt, die fehlende Eignung ihres Kindes zu akzeptieren, und melden es häufig auch ohne entsprechende Empfehlung auf einem Gymnasium an. »Dieser Effekt vergrößert sich in Bundesländern, in denen der Elternwille freigegeben ist und keine weiteren Leistungsnachweise notwendig sind«, sagt MPI-Forscher Maaz. Dann verstärkt sich die soziale Ungleichheit am Übergang: Eltern aus weniger privilegierten Schichten folgen eher dem Lehrerurteil.