Jetzt beginnt sie wieder, die Zeit des Sterbens, sagt Nayem. Jedes Jahr im Winter, wenn die Stürme das Meer aufwühlen, wenn die Ägäis schäumt, kentern die Schiffe, ertrinken die Kinder. Ihre dicke Winterkleidung saugt sich voll Wasser und zieht die jungen Körper nach unten.

Vor wenigen Wochen zerschellte ein Boot an einem der Felsen, vier Kinder ertranken. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht: Lesbos, Europa . Sie konnten die Freiheitsstatue im Hafen von Mitilini, der Hauptstadt der griechischen Insel, schon sehen.

Die Wucht, mit der das Meer sie gegen die Felsen schlug, hat ihnen die Gesichter zerschmettert. Vier junge Afghanen. Zwei von ihnen hat Nayem am Strand gesehen. Seitdem schläft er nachts nur noch mit Licht. »Damit mir die Toten nicht erscheinen«, sagt er.

Nayem ist 30 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Mitilini. Er ist selbst Afghane. Auch er kam mit dem Schlauchboot aus der Türkei herüber, die zehn Kilometer zwischen Asien und Europa. An klaren Tagen kann er drüben die Minarette sehen. Den Osten. Jetzt ist Nayem der Mann, der sich im Westen um die Kinderleichen kümmert.

Auf dem St.-Panteleimon-Friedhof von Mitilini beerdigt Nayem die ertrunkenen Flüchtlingskinder, Winter für Winter. Der Friedhof ist klein, er liegt auf einem Hügel oberhalb der Stadt, mit Blick auf das Meer. Nur Beamte der Hafenpolizei und der örtlichen Präfektur sind dabei, keine Verwandten. Nayem kann nicht verstehen, dass den Toten ein Begräbnis nach islamischem Ritual verwehrt wird. Kein Mullah darf die Trauerrede halten, das übernimmt ein griechisch-orthodoxer Pope. »Nicht mal im Tod dürfen sie ankommen«, sagt Nayem.

Die Flüchtlinge werden ganz hinten an der Friedhofsmauer begraben, neben den Gartenabfällen. Ihre Gräber sehen wie große Maulwurfshügel aus. Keine Grabsteine, keine Blumen, kein Schmuck. 40 Ertrunkene habe er hier beerdigt, sagt Nayem, vielleicht auch 60. Er hat sie nicht gezählt und kann das auch nicht nachholen. Die Friedhofsverwaltung ebnet die Grabreihe alle drei Jahre ein. Anschließend lässt sie dort neue Flüchtlinge verscharren. Und dann stecken in neuen Grabhügeln wieder alte Holzbretter, auf denen steht: »Afghane Nr. 1«, »Afghane Nr. 2«, »Afghane Nr. 3«.

Europa hat kein Interesse an ihren Namen, weil Namen für Menschen stünden. Die Toten von Lesbos heißen bloß »Drittstaatsangehörige«, so ist es festgelegt in der »Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003«. Ein Regelwerk, von dem Nayem noch nie etwas gehört hat, das aber das Leben und Sterben an den Rändern Europas beeinflusst. Zehn Seiten Papier, deren Folgen in Mitilini den Friedhof füllen.

Es war ein kalter Tag im Dezember 2002, als Europas Innenminister an einem ovalen Tisch im Brüsseler Ministerrat die Verordnung 343/2003 verabschiedeten, kurz » Dublin II« genannt. Unter ihnen Otto Schily (SPD). In 29 Kapiteln ist geregelt, dass jeder Flüchtling in der Europäischen Union nur einen Asylantrag stellen darf – in dem Land, in dem er erstmals seinen Fuß auf europäischen Boden setzte. Dublin II heißt die Verordnung, weil sie Dublin I aus dem Jahr 1997 noch verschärfte.

Beamte der Küstenwache schickten den 16-Jährigen zurück aufs Meer

Es gab Gezerre und Taktiererei damals, denn das Gesetz, um das gestritten wurde, war vor allem für Länder wie Deutschland gut, für Staaten, die umgeben sind von anderen EU-Mitgliedern. Deutschland wurde damit quasi unerreichbar. Fragt man Otto Schily heute, was er von dem Tag noch in Erinnerung hat, an dem sich Deutschland das Elend der Welt vom Halse hielt, sagt er nur: »Herrgott, das weiß ich doch jetzt nicht mehr. Ich sitze ja nicht hinterm Ofen.«

Auf Lesbos schaut Nayem aufs Meer. Ein neuer Sturm ist angekündigt. Seit 2002, seit jenem Tag im fernen Brüssel, wird auf Lesbos ein Stellvertreterkrieg geführt. Ein Krieg von Arm gegen Reich. Ein Krieg von Ansturm und Abwehr. Ein Krieg, etwas widerwillig geführt von den Griechen. Wie eine Exklave liegt Lesbos in einer weiten Bucht der türkischen Westküste, ein verlockender Flecken für Flüchtlinge, viel leichter zu erreichen als Lampedusa, viel schlechter zu bewachen als Gibraltar. 146000 Flüchtlinge sind im vorvergangenen Jahr in Griechenland aufgegriffen worden, die meisten kamen mit dem Boot.

Nayem würde gern weg von hier, weggehen von dieser Insel, an deren Küsten sich Touristen sonnen, die für ihn aber nur Leid und Tod bedeutet. Doch er sitzt fest. Die Polizei hat seine Fingerabdrücke. Damit ist er überall in Europa registriert, auch das ist in Dublin II geregelt. Selbst wenn es Nayem gelänge, sich nach Frankreich oder Deutschland durchzuschlagen und dort um Asyl zu bitten, er würde sofort nach Griechenland zurückgebracht.

Weil Nayem gut Englisch spricht, machte ihm die Polizei in Mitilini das Angebot, bei den Verhören afghanischer Flüchtlinge als Dolmetscher zu arbeiten. Er berichtet nun von Fluchten, die in Kabul, Baghlan und Kandahar begannen, und mit jeder Übersetzung hat er das Gefühl, Verrat zu begehen, weil er Wege, Routen und Verstecke offenlegt.

»Der Preis, den ich dafür zahle, heißt Verzweiflung«, sagt Nayem. Dafür bekam er eine Duldung. Neben dem Dolmetscherjob arbeitet er als Kammerjäger; so kommt er auf genügend sozialversicherungspflichtige Arbeitsstunden, um bleiben zu dürfen. Verliert er seine Jobs, muss er das Land verlassen.