Jetzt beginnt sie wieder, die Zeit des Sterbens, sagt Nayem. Jedes Jahr im Winter, wenn die Stürme das Meer aufwühlen, wenn die Ägäis schäumt, kentern die Schiffe, ertrinken die Kinder. Ihre dicke Winterkleidung saugt sich voll Wasser und zieht die jungen Körper nach unten.

Vor wenigen Wochen zerschellte ein Boot an einem der Felsen, vier Kinder ertranken. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht: Lesbos, Europa . Sie konnten die Freiheitsstatue im Hafen von Mitilini, der Hauptstadt der griechischen Insel, schon sehen.

Die Wucht, mit der das Meer sie gegen die Felsen schlug, hat ihnen die Gesichter zerschmettert. Vier junge Afghanen. Zwei von ihnen hat Nayem am Strand gesehen. Seitdem schläft er nachts nur noch mit Licht. »Damit mir die Toten nicht erscheinen«, sagt er.

Nayem ist 30 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Mitilini. Er ist selbst Afghane. Auch er kam mit dem Schlauchboot aus der Türkei herüber, die zehn Kilometer zwischen Asien und Europa. An klaren Tagen kann er drüben die Minarette sehen. Den Osten. Jetzt ist Nayem der Mann, der sich im Westen um die Kinderleichen kümmert.

Auf dem St.-Panteleimon-Friedhof von Mitilini beerdigt Nayem die ertrunkenen Flüchtlingskinder, Winter für Winter. Der Friedhof ist klein, er liegt auf einem Hügel oberhalb der Stadt, mit Blick auf das Meer. Nur Beamte der Hafenpolizei und der örtlichen Präfektur sind dabei, keine Verwandten. Nayem kann nicht verstehen, dass den Toten ein Begräbnis nach islamischem Ritual verwehrt wird. Kein Mullah darf die Trauerrede halten, das übernimmt ein griechisch-orthodoxer Pope. »Nicht mal im Tod dürfen sie ankommen«, sagt Nayem.

Die Flüchtlinge werden ganz hinten an der Friedhofsmauer begraben, neben den Gartenabfällen. Ihre Gräber sehen wie große Maulwurfshügel aus. Keine Grabsteine, keine Blumen, kein Schmuck. 40 Ertrunkene habe er hier beerdigt, sagt Nayem, vielleicht auch 60. Er hat sie nicht gezählt und kann das auch nicht nachholen. Die Friedhofsverwaltung ebnet die Grabreihe alle drei Jahre ein. Anschließend lässt sie dort neue Flüchtlinge verscharren. Und dann stecken in neuen Grabhügeln wieder alte Holzbretter, auf denen steht: »Afghane Nr. 1«, »Afghane Nr. 2«, »Afghane Nr. 3«.

Europa hat kein Interesse an ihren Namen, weil Namen für Menschen stünden. Die Toten von Lesbos heißen bloß »Drittstaatsangehörige«, so ist es festgelegt in der »Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003«. Ein Regelwerk, von dem Nayem noch nie etwas gehört hat, das aber das Leben und Sterben an den Rändern Europas beeinflusst. Zehn Seiten Papier, deren Folgen in Mitilini den Friedhof füllen.

Es war ein kalter Tag im Dezember 2002, als Europas Innenminister an einem ovalen Tisch im Brüsseler Ministerrat die Verordnung 343/2003 verabschiedeten, kurz » Dublin II« genannt. Unter ihnen Otto Schily (SPD). In 29 Kapiteln ist geregelt, dass jeder Flüchtling in der Europäischen Union nur einen Asylantrag stellen darf – in dem Land, in dem er erstmals seinen Fuß auf europäischen Boden setzte. Dublin II heißt die Verordnung, weil sie Dublin I aus dem Jahr 1997 noch verschärfte.

Beamte der Küstenwache schickten den 16-Jährigen zurück aufs Meer

Es gab Gezerre und Taktiererei damals, denn das Gesetz, um das gestritten wurde, war vor allem für Länder wie Deutschland gut, für Staaten, die umgeben sind von anderen EU-Mitgliedern. Deutschland wurde damit quasi unerreichbar. Fragt man Otto Schily heute, was er von dem Tag noch in Erinnerung hat, an dem sich Deutschland das Elend der Welt vom Halse hielt, sagt er nur: »Herrgott, das weiß ich doch jetzt nicht mehr. Ich sitze ja nicht hinterm Ofen.«

Auf Lesbos schaut Nayem aufs Meer. Ein neuer Sturm ist angekündigt. Seit 2002, seit jenem Tag im fernen Brüssel, wird auf Lesbos ein Stellvertreterkrieg geführt. Ein Krieg von Arm gegen Reich. Ein Krieg von Ansturm und Abwehr. Ein Krieg, etwas widerwillig geführt von den Griechen. Wie eine Exklave liegt Lesbos in einer weiten Bucht der türkischen Westküste, ein verlockender Flecken für Flüchtlinge, viel leichter zu erreichen als Lampedusa, viel schlechter zu bewachen als Gibraltar. 146000 Flüchtlinge sind im vorvergangenen Jahr in Griechenland aufgegriffen worden, die meisten kamen mit dem Boot.

Nayem würde gern weg von hier, weggehen von dieser Insel, an deren Küsten sich Touristen sonnen, die für ihn aber nur Leid und Tod bedeutet. Doch er sitzt fest. Die Polizei hat seine Fingerabdrücke. Damit ist er überall in Europa registriert, auch das ist in Dublin II geregelt. Selbst wenn es Nayem gelänge, sich nach Frankreich oder Deutschland durchzuschlagen und dort um Asyl zu bitten, er würde sofort nach Griechenland zurückgebracht.

Weil Nayem gut Englisch spricht, machte ihm die Polizei in Mitilini das Angebot, bei den Verhören afghanischer Flüchtlinge als Dolmetscher zu arbeiten. Er berichtet nun von Fluchten, die in Kabul, Baghlan und Kandahar begannen, und mit jeder Übersetzung hat er das Gefühl, Verrat zu begehen, weil er Wege, Routen und Verstecke offenlegt.

»Der Preis, den ich dafür zahle, heißt Verzweiflung«, sagt Nayem. Dafür bekam er eine Duldung. Neben dem Dolmetscherjob arbeitet er als Kammerjäger; so kommt er auf genügend sozialversicherungspflichtige Arbeitsstunden, um bleiben zu dürfen. Verliert er seine Jobs, muss er das Land verlassen.

 

Da draußen, weiß Nayem, ist eine neue Völkerwanderung im Gange, ausgelöst durch Kriege und durch Völkermorde, manchmal durch entlegene Stammesfehden, manchmal aber auch durch eine Armut, an der die Reichen eine Mitschuld haben. Nayem kennt die Statistiken und Karten, die die Polizisten zeichnen und nach Athen oder Brüssel schicken, Europakarten voller Pfeile, die für Flüchtlingsströme stehen: Da ist die »West Africa Route« von Marokko Richtung Kanaren. Da ist die »Central Mediterranean Route« von Libyen über das Mittelmeer nach Süditalien. Und da ist die »South Eastern European Route«, auf der Iraker, Kurden und Afghanen über die Türkei Richtung Europa wollen. Der Pfeil ist dick und versehen mit einem Wort, das eine Warnung ist: »Increase!«, Zunahme.

Er zeigt direkt auf Lesbos.

Nayem weiß von keiner Flucht, die glücklich ausgegangen wäre. Erst recht nicht, wenn sie in die Verhörzimmer der griechischen Polizei geführt hat. Griechenland, seit Dublin II so etwas wie ein sich selbst überlassener Außenposten der EU, behandelt alle Flüchtlinge als illegale Einwanderer und wirft sie ins Gefängnis. Auch die Kinder, was gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstößt und auch gegen griechisches Recht. Die meisten von ihnen stammen aus Afghanistan , und sie sind allein unterwegs, ohne Eltern und Familie. Wie der 16-jährige Milad*, der behauptet, eine Kriegswaise zu sein.

Milad setzte gemeinsam mit einer Zufallsgemeinschaft afghanischer Flüchtlinge von der türkischen Küste nach Lesbos über. »Wir hatten ein kleines Boot zum Aufpumpen«, sagt er. Gegen zwei Uhr nachts seien sie aufgebrochen und gegen die Strömung angerudert. Nach sechs Stunden, etwa 300 Meter vor der griechischen Küste, habe sie ein Schiff der Küstenwache entdeckt. Das Boot habe sie mit hoher Geschwindigkeit umkreist, sagt Milad, so schnell, dass sie in den Wellen fast gekentert wären. »Irgendwann warfen uns die Polizisten eine Leine zu, und wir wurden an Bord geholt.« Sie seien durchsucht worden, ihr Geld hätten ihnen die Polizisten abgenommen, sagt Milad. Er habe gedacht, dies sei eine zwar etwas rüde Rettung, aber immerhin eine Rettung. Bis die Polizisten Miland und seine Begleiter ins Schlauchboot zurückgestoßen, es in türkische Gewässer zurückgeschleppt und etwa zwei Kilometer vor der türkischen Küste die Leine gekappt hätten.

»Aber vorher machten sie uns noch ein kleines Loch ins Boot«, sagt Milad.

Es war ein türkischer Fischer, der die Flüchtlinge rettete.

Bei einem zweiten Versuch gelang es Milad, Lesbos zu erreichen. Die Polizei brachte ihn ins Gefängnis. Bei seiner Entlassung einige Wochen später bekam er ein Schreiben auf Griechisch in die Hand gedrückt, das er nicht lesen konnte und dessen Inhalt ihm niemand erläuterte. Darin wurde er aufgefordert, das Land innerhalb von 30 Tagen zu verlassen.

Aus der Toilette im Knast läuft braune Kloake in die Matratzen

Nur wie? Schwimmend? Und wohin? Es gibt keine Schlepperbanden, die sich die Mühe machten, Kinder wieder nach Afghanistan zurückzubringen. Und kein Geld, das Menschen wie Milad geblieben wäre.

Lesbos war vom Ziel zur Falle geworden. Und das nicht nur für ihn.

So endet die »South Eastern European Route«, dieser alarmierend dicke Pfeil auf den Observierungskarten der Europäischen Union, vor allem für Kinder in einem staubigen Gewerbegebiet nördlich von Mitilini: Pagani. In einem Lagerhaus, das einmal zum Stapeln von Waren erbaut wurde, nicht zur Unterbringung von Menschen. Wie in einem Schweinestall reiht sich Box an Box, Zelle an Zelle. Der Boden ist aus Beton, drei von vier Wänden der riesigen Halle sind fensterlos, nur die Frontseite ist offen, ein Gitter, durch das im Sommer die Sonne brennt und im Winter kalter Wind weht. Für höchstens 300 Menschen bietet die heruntergekommene Halle Platz, doch im vergangenen Sommer waren hier bis zu 1000 Menschen eingepfercht. Das Gelände ist mit Stacheldraht umzäunt. Es gibt keinen Hofgang und keinen Kontakt zur Außenwelt. Es stinkt beißend nach Exkrementen.

Pagani ist der Kinderknast von Lesbos. Ein Ort des Verdrängens und Vergessens. Der Ort, an dem wortreiche europäische Asylpolitik, an dem Dublin II, diese zehn Seiten Papier, zu einer Wahrheit wird. Zu einer Demütigung.

Zweimal, manchmal dreimal in der Woche steht Nayem, der traurige Dolmetscher, vor diesem Lagerhaus der Kinder, an seiner Seite Toulina Demeli, eine Anwältin, die sich um die Gefangenen von Lesbos kümmert. »Wir dürfen die Zellen nicht betreten«, sagt sie. Wer mit den Kindern reden will, muss durch das Gitter rufen. »Die weiter hinten stehen, kann ich nicht erreichen.«

Rastlos führt die Anwältin Demeli Gespräche ohne Blickkontakt, Nayem übersetzt.

»Warum sind wir hier eingesperrt?«

»Weil du die Landesgrenze ohne gültige Papiere überschritten hast.«

»Wann werden wir freigelassen?«

»Das liegt alleine an der Polizei.«

»Was, wenn es mir gelingt, abzuhauen?«

»Dann gibt es nur noch mehr Probleme.«

Europa kennt auf die Fragen der Kinder nur drei Antworten: Polizei, Papiere und Probleme.

In die Lebensgeschichten, die Toulina Demeli durch die Gitter von Pagani zugerufen bekommt, haben sich der Krieg und Zerfall Afghanistans gefressen. Die Familien der meisten Jugendlichen haben sich aufgelöst, manche sind ausgelöscht. Die nächsten Verwandten sind untergetaucht oder ums Leben gekommen. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind ohne Schutz, das macht sie zunehmend zu Freiwild. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ( UNHCR ) hat deshalb Richtlinien zum »Schutzbedarf afghanischer Asylsuchender« erlassen, an denen sich die Staaten bei ihren Asylentscheidungen orientieren sollen. Kinder seien die am meisten gefährdete Bevölkerungsgruppe in Afghanistan. Sie würden »in einer immer weiter steigenden Zahl getötet, ausgebeutet und misshandelt«. Bewaffnete Gruppen aller Art würden sie gefangen nehmen und zu Selbstmordattentaten zwingen. Sie würden Opfer »sexueller Gewalt, von Kinderarbeit unter ausbeutenden Umständen und von Kinderhandel«. Der Staat gewähre keinen Schutz, im Gegenteil, auch von Polizei und Armee würden Kinder misshandelt und missbraucht. Das UNHCR legt den reichen Ländern daher nahe, afghanische Kinder als Asylbewerber anzuerkennen, auch wenn sie keine individuelle Verfolgung nachweisen können.

 

Die Griechen ignorieren das. Im vergangenen Jahr wurden die hygienischen Zustände im Lager von Pagani immer katastrophaler. Die Gefangenen mussten vom Boden essen, das Trinkwasser war oft ungenießbar. 160 Kinder teilten sich eine Toilette. In einem Trakt floss aus einer defekten Kloschüssel wochenlang braune Kloake in die Matratzen auf dem Boden. Das führte zu Streit, »wer in der Scheiße liegen muss und wer oben liegen darf«, erinnert sich Salinia Stroux, eine deutsch-griechische Ethnologin, die mit der Anwältin Demeli die Flüchtlinge auf Lesbos betreut. Selbst Ärzte durften die Zellen nicht betreten, ihre Untersuchungen beschränkten sich auf Blickdiagnosen durch das Lagergitter.

Für den Exchef der Küstenwache sind die Kinder islamische Krieger

Als die Zustände in Pagani unerträglich wurden, traten mehrere Häftlinge in einen Hungerstreik. Salinia Stroux und anderen Helfern gelang es, eine Videokamera ins Lager zu schmuggeln. Insassen filmten damit das Gefängnis. Das Video, das mittlerweile im Internet auf YouTube zu sehen ist, zeigt unter anderem einen 13-jährigen Jungen, der bewegungslos in seinem Bett liegt. »Er ist krank! Er spricht nicht mehr!«, ruft ein anderes Kind aufgeregt in die Kamera. Ein weiterer Junge fleht: »Das ist das schlimmste Gefängnis der Welt. Bitte helft uns!«

Wenig später besuchte eine Abordnung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen das Lager Pagani. »Die Bedingungen in der Einrichtung sind schockierend«, erklärte die Delegation anschließend, vor allem die Situation der Minderjährigen sei »inakzeptabel«. Schon ein Jahr zuvor hatte das Flüchtlingshilfswerk der griechischen Regierung »Empfehlungen« zur Überarbeitung des Asylsystems gegeben, vor allem der »Schutz Asyl suchender Kinder« müsse dringend verbessert werden.

Nichts davon wurde umgesetzt, im Gegenteil, Griechenland verschärfte noch einmal seine Einwanderungsgesetze, die zweite von drei Instanzen für Asylanträge wurde ersatzlos abgeschafft. Außerdem hat die Regierung die Dauer einer zulässigen Inhaftierung von drei auf sechs Monate verlängert, nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder – entgegen dem Appell des UNHCR.

Die Kinder saßen weiter in den Zellen. Weiter wehte der Wind durch die ungeschützte Halle. Und weiter führte die Anwältin Demeli Hilfsgespräche – wenn auch in einem kleinen Raum im ersten Stock, den die Polizei ihr nun zur Verfügung stellt. Dort stellen die Kinder weiter ihre Fragen. Warum sind wir hier? Wo sollen wir hin? Was ist aus dem Dorf meiner Eltern geworden, mitten im Kriegsgebiet? Haben Sie meine kleine Schwester gesehen? Und Toulina Demeli weiß keine Antworten.

Im Winter, nach stürmischen Tagen, sind die Strände von Lesbos übersät mit Schwimmwesten, Plastikflaschen und verlassenen Schlauchbooten. Bei der Hafenpolizei in Mitilini stapeln sich Außenbordmotoren, daneben Schlauchboote und kleine Ruderboote. Im Hafen dümpeln die schnittigen Schiffe der Küstenwache, grau-weiß getarnt; moderne italienische Schnellboote vom Typ Lambro 57 III, die mit ihren 3000 PS starken Motoren bis zu 100 Stundenkilometer erreichen. Martialisch wie Kriegsschiffe sehen sie aus, mit Radar- und Flutlichtanlagen auf dem Dach und einer Lafette auf dem Bug, auf die ein Maschinengewehr aufgesetzt werden kann. Nacht für Nacht stechen sie in See, um Bootsflüchtlinge abzufangen. Kinder wie Milad, denen sie ein Loch ins Boot stechen. Kinder, deren Namen man nicht kennt, weil sie es nicht geschafft haben. Und von denen man nie erfahren wird. Denn das Meer ist ein stummer Zeuge.

Als hätten sie Einsatzbefehle wie zu Kriegszeiten, löschen die Boote beim Verlassen des Hafens ihre Positionslichter. Und wie im Krieg scheinen sich die Küstenwachenoffiziere auch zu fühlen. In einem Gespräch mit der Stiftung Pro Asyl, die eine Dokumentation über den Umgang Griechenlands mit den Kinderflüchtlingen veröffentlicht hat, sagte der bis vor Kurzem amtierende Chef der Küstenwache von Lesbos, Apostolos Mikromastoras, er betrachte afghanische Flüchtlinge allesamt als Feinde, auch die Kinder: »Das sind alles Krieger!« Sie seien jung und »sehr gut trainiert«. Für ihn seien das keine Schutzbedürftigen, sondern Angreifer, in Marsch gesetzt mit dem Ziel, »in Europa zuzuschlagen«. Er glaube fest daran, sagte der Küstenwachenchef, »dass es sich hier um eine islamische Invasion handelt«.

Die Küstenwache von Lesbos hat ihren Sitz in einem weißen Haus am Hafen von Mitilini. Die Räume wirken heruntergekommen. Uniformierte Männer und Frauen laufen türenschlagend von Zimmer zu Zimmer. Ganz am Ende des Gangs sitzt der neue Chef, Antonis Sofiadelis, ein großer, kräftiger Mann um die vierzig. Hält auch er die jungen afghanischen Flüchtlinge allesamt für islamische Krieger? »Darauf möchte ich nicht antworten«, sagt er knapp. »Es ist nicht meine Aufgabe, über das Asylsystem zu sprechen.«

Die Stiftung Pro Asyl behauptet in ihrer Dokumentation, die Küstenwache versuche, jedes Flüchtlingsboot in türkisches Gewässer zurückzubugsieren, egal wie und mit welchem Ergebnis, auch solche mit Kindern. Dabei komme es immer wieder zu gefährlichen Konfrontationen mit der türkischen Küstenwache, die versuche, die Boote wieder in griechisches Seegebiet zu drängen. Auch hätten die Griechen Kinder auf dry islands ausgesetzt, Inseln ohne Wasser und Nahrung. In der Dokumentation wird die Schilderung eines 16-Jährigen wiedergegeben: Seine Flüchtlingsgruppe sei von der Küstenwache aufgegriffen und verprügelt worden, anschließend hätten die Griechen die Flüchtlinge auf einer unbewohnten Insel ausgesetzt. Nach drei Tagen seien sie von der türkischen Küstenwache gerettet worden.

Eine Gruppe von Kindern als Spielball der Mächte, zerrieben zwischen unterschiedlichen Interessen. Kann es sein, dass die Griechen sich mit ihren schnellen Schiffen unbeobachtet jene Probleme vom Hals schaffen wollen, die Länder wie Deutschland ihnen aufgebürdet haben?

»Die Vorwürfe treffen nicht zu«, sagt Küstenwachenchef Sofiadelis, ein Frontsoldat in diesem Krieg der Welten, in dem es immer auch um Bilder und um Worte geht. Seine Beamten brächten Flüchtlinge nicht in Gefahr, sondern in Sicherheit. Er öffnet den Laptop und spielt ein Video ab. Es zeigt eine Rettungsaktion der Küstenwache. Ein überbesetztes Flüchtlingsboot schaukelt in stürmischer See. Einige Insassen klettern Schutz suchend auf einen schmalen Felsen. Am Bildrand sieht man den Bug eines Küstenwachbootes. Man hört Stimmen, die den Flüchtlingen etwas zurufen. »30 Flüchtlinge hatten sich auf diesen kleinen Felsen gerettet«, sagt Sofiadelis. »Zwei Stunden später wäre der Felsen überflutet gewesen. Wir haben sie gerettet.«

»Natürlich«, sagt Sofiadelis dann, »wenn das jeden Tag geschieht, sinkt die Moral ein bisschen.« Seine Beamten kämen kaum noch dazu, all die anderen Aufgaben zu erfüllen. Fähren kontrollieren, Umweltdelikte aufklären. Seine Leute seien vom nicht abreißenden Strom der Flüchtlinge »erschöpft und müde«.

 

Antonis Sofiadelis und seine Beamten sind Vollstrecker einer Verordnung aus Brüssel, und es fällt dem Chef der Küstenwache schwer, zu verschweigen, dass er sich hier auf Lesbos von Europa allein gelassen fühlt. Mit einer Aufgabe und mit Vorwürfen. Laut UNHCR wurden 2008 allein auf Lesbos 13.252 Flüchtlinge aufgegriffen – mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Mehr als 3600 davon waren Kinder. Seit Italien und Spanien dank bilateraler Abkommen mit den nordafrikanischen Küstenstaaten ihre Seegrenzen für Flüchtlinge aus Afrika nahezu unerreichbar gemacht haben, nehmen auch diese Flüchtlinge nun den Weg über die Türkei.

Taqi, 16, will nichts mehr essen, Farhat, 17, hat graue Haare

Wer es schafft, dem Gitterkäfig von Pagani zu entkommen, hat nach gültigem Gesetz keine andere Wahl, als sich zu verstecken, sich nach Athen durchzuschlagen und dort zu verschwinden. Unsichtbar zu werden auf dem Festland.

Wem dies nicht gelingt, der findet Zuflucht hoch oben in den Bergen von Lesbos – und die Frage ist, ob es Glück ist oder Unglück, hier zu landen. In der Mitte der Insel, 40 Kilometer von Mitilini entfernt, oberhalb des Bergdorfs Agiassos, liegt sehr abgelegen die Villa »Azadi«. Das Wort stammt aus dem Farsi und bedeutet: Haus der Freiheit.

Das Haus nennt sich jedoch nur Villa, tatsächlich ist es ein nüchternes, mehrgeschossiges Gebäude, mitten im Wald. In den dreißiger Jahren diente es als Sanatorium für Tuberkulosekranke. Ein griechischer Zauberberg, mit dem Unterschied, dass hier Kinder leben.

Die Villa Azadi ist Griechenlands erste Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge, gegründet nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Kritik an der griechischen Asylpolitik. Sie wird betrieben von einer NGO und erhält Geld vom Staat, doch ihr Bestand ist nirgendwo geregelt, von heute auf morgen kann sie wieder geschlossen werden. Rund 100 junge Afghanen zwischen 14 und 18 Jahren leben hier. Manche, weil sie kein Geld haben, um weiterzuziehen. Die meisten, weil ihnen jegliche Kraft fehlt.

Da ist Mustafa, 17, der nicht mehr spricht.

Da ist Qabir, 15, der nachts, im Schlaf, schreiend um sich schlägt.

Da ist Jamil, 17, dessen Schwester entführt wurde; seine Eltern haben nicht das Geld, sie freizukaufen. Jede zweite Nacht schreit er, weil er starke Herzschmerzen hat.

Da ist Yaqub, 15, der mit ansah, wie ein Onkel seine Eltern tötete, für ein Stück Land. Er hat jetzt öfter Atemnot.

Da ist Taqi, 16, dessen Freund auf der Flucht von Schleppern vergewaltigt wurde und der seit Tagen nichts mehr essen will.

Da ist Farhat, 17, mit den grauen Haaren, der sich nachts mit Rasierklingen die Arme aufschneidet.

Und da ist Said, 16, der sich kürzlich auf eine Straße legte und darauf wartete, dass ihn ein Auto überfährt.

Die Kinder schlafen in metallenen Krankenhausbetten, in Vierbettzimmern, deren Lazarett-Ambiente sie mit den letzten persönlichen Gegenständen mildern, die ihnen geblieben sind. Abgegriffene Fotos von Verwandten, geschundene Stofftiere.

Noyan, der sein Alter mit 17 angibt und humpelt, sagt, seine Familie sei seit Jahren auf der Flucht. Und er habe sie verloren. Er stamme aus Razni westlich von Kabul. 2004 seien sein älterer Bruder und sein Vater bei einer Bombenexplosion ums Leben gekommen. 2006 habe er mit seiner Mutter entschieden, dass er versuchen solle, nach Europa zu gelangen, in ein besseres Leben. Er habe zunächst ein Jahr in Iran gearbeitet, auf einem Feld, um Geld für die Flucht zu verdienen. Anfang 2009 sei er aufgebrochen.

Noyan erzählt sprunghaft, sein Gesicht ist ständig in Bewegung. In einem Augenblick lacht er ein breites Lachen, das kräftige Zähne entblößt, im nächsten Moment ist sein Gesicht verschlossen, der Blick leer.

Von der Route, von den Mittelsmännern, für die sich die Polizisten auf Lesbos so brennend interessieren, erzählt Noyan nur wenig Konkretes. Aus Angst vor Verrat – Beamte der in Warschau ansässigen EU-Grenzschutzagentur Frontex versuchen Flüchtlinge auszuhorchen, geben sich dabei auch als Journalisten oder Menschenrechtler aus. Aber Noyan könnte seinen Weg selbst kaum nachvollziehen. Eine Flucht ist immer ein Vor und Zurück, ein Warten und Loslaufen. Sie wird in Etappen organisiert, erfolgt meist in Lieferwagen, von Versteck zu Versteck, von Grenze zu Grenze, von Afghanistan über Iran, das kurdische Grenzgebiet bis in die Türkei. Die Schlepper sind meistens Kurden, Jugendliche wie Noyan sind ihnen vollends ausgeliefert, in jeder Hinsicht.

Es ist auch Scham, die sie nicht reden lässt.

Einmal, sagt Noyan, hätten Polizisten ihn erwischt und sein Knie zertrümmert. Deshalb das steife Bein. Deshalb die Villa Azadi. Dieser Ort der geretteten Gescheiterten und gescheiterten Geretteten.

Manchmal, erzählen die Kinder, die auf den Betten der Villa Azadi sitzen, würden sie im Dorf Agiassos von den alten Männern angeraunzt. Der Kurs für Sex mit einem Unerwünschten steht derzeit bei 25 Euro.

Immer wieder bringt die Ethnologin Salinia Stroux die Jungen aus der Villa nach Mitilini hinab, zum Fährhafen, wo Schiffe Richtung Festland ablegen. Niemand hält die Jugendlichen in der Villa zurück; wenn sie gehen wollen, können sie gehen. Wer 18 wird, muss die Villa ohnehin verlassen. Salinia Stroux weiß, dass sie die meisten in den Straßen von Lesbos wiedersehen wird.

Und die, die sie nicht wiedersieht, haben nicht unbedingt Glück gehabt.

Deutschland hält sich die Asylbewerber vom Hals

Damals, 2003, am ovalen Tisch im Brüsseler Ministerrat, da lag noch ein anderer Vorschlag für Dublin II auf dem Tisch. Es ging darin um Flüchtlingsquoten für Drittstaaten. Quoten, die den Ansturm verteilt hätten. Quoten, die Inseln wie Lesbos, Außenposten Europas, nicht mit dem Problem allein gelassen hätten. Aber Deutschland, gut abgeschirmt mitten in Europa, stimmte so vehement gegen den Vorschlag, bis er vom Tisch war. Seit 2003 gehen die Flüchtlingszahlen in Deutschland rapide zurück.

Einen Tag dauert die Überfahrt von Lesbos nach Piräus, in den Hafen von Athen. Manchmal wartet dort Karl Kopp, der Europareferent von Pro Asyl. Ständig pendelt er zwischen Athen, Lesbos im Osten und Patras im Westen, um Essen oder Unterkünfte für die Kinder zu organisieren.

 

Flüchtlingshilfe in Griechenland ist alles andere als staatlich.

»Sie steigen aus ohne einen Cent, ohne etwas zu trinken oder zu essen, und wissen nicht, wohin«, sagt Kopp. Griechenland hat kein funktionierendes Asylsystem, keine Unterkünfte, keine medizinische Versorgung. Aus der Haft werden die Flüchtlinge ohne Geld in die Obdachlosigkeit entlassen. Der Außenposten der EU gibt sich entschlossen grimmig.

Mit etwas Glück findet Kopp einen Schlafplatz für die Asylsuchenden in einem der sogenannten Afghani-Hotels rund um den Attikiplatz im Zentrum von Athen. Hier sammeln sich Flüchtlinge aus dem ganzen Land, von Tag zu Tag werden es mehr. In den Abbruchhäusern des Viertels schlafen die Kinder in Schichten, immer vier Stunden, weil der Platz sonst nicht reicht.

Wer kein Bett findet, schläft draußen auf einer Parkbank. Tagsüber, nicht nachts, dann ist es zu gefährlich. Bürgerwehren machen Jagd. Im Dunkeln sind die Kinder ständig in Bewegung. Und sie nehmen jeden Job an, um Geld für einen neuen Schlepper zu verdienen. Rund um den Attikiplatz wächst der Minderjährigenstrich. »Alle Arten menschlicher Ausbeutung«, sagt Karl Kopp, erlebten die afghanischen Kinder auf ihrer Flucht – einer Flucht ohne Ankunft und Ausweg.

In Athen werden die Freier immer brutaler.

In Lesbos warten schreckliche Erinnerungen.

Und in Patras, wo die Fähren nach Italien übersetzen, in eine Welt, die Flüchtlinge dem Vernehmen nach besser behandelt als Griechenland, ist nun auch die Jagdsaison eröffnet.

Seit die Polizei im vergangenen Sommer ein Flüchtlingscamp in Hafennähe niederriss, einen Slum mit 1500 Menschen, hausen die Afghanen in den Wäldern nördlich der Stadt und die Afrikaner auf dem Güterbahnhof im Süden, unter ausrangierten Waggons.

»Ich bitte um Vergebung für den Mangel an Humanität«

Ein meterhoher Metallzaun sichert das Hafengelände. Die Rampe hinauf zu den Fähren, das Tor in den Westen, zum Wohlstand. Immer wieder versuchen Kinder, sich unter die Fahrgestelle von Lastwagen zu hängen. Jungen wie der 16-jährige Hassan aus Masar-i-Scharif. Dieser Hafen, diese Rampe, sie sollten das Ende seiner endlosen Flucht sein, die vor einem Jahr in einem Marmorsteinbruch in Iran begann, wohin seine Familie einige Jahre zuvor geflohen war. Im Südosten der Türkei hielten Kurden ihn und andere Kinder gefangen, um von ihren Eltern Lösegeld zu erpressen. Wenn für jemanden nicht gezahlt wurde, schnitten sie ihm Nase und Ohren ab. Auf der Überfahrt nach Lesbos, im Schlauchboot, zerbrach Hassan das einzige Paddel, er ruderte mit seinen Schuhen weiter. Auf der Insel erwischte ihn die Polizei und steckte ihn in den Kinderknast von Pagani.

Dann, in Patras, wollte Hassan gerade hinten in den Laderaum eines der vielen wartenden Lastwagen klettern, sich zwischen all den Paketen verstecken, da gab der Fahrer des nachfolgenden Lasters Gas und klemmte den Jungen ein. Hassan erlitt eine Lungenquetschung, zwei Monate lag er im Koma im Krankenhaus in Patras. Jetzt ist er wieder auf Lesbos, in der Villa Azadi.

Und in Athen, im siebten Stock eines weithin sichtbaren Hochhauses, hebt Spyros Vougias, der neue Vizeminister des zuständigen »Ministeriums zum Schutz der Bürger«, mit großer Unschuldsgeste die Hände. Sehr entrückt blickt man von hier oben auf die weiße Stadt. Zwar sind es nur wenige Metrominuten bis zum Attikiplatz, wo sich Nacht für Nacht die minderjährigen Afghanen verkaufen, doch durch die Fenster des Ministers ist das da draußen kaum mehr als eine Fototapete.

Als die Sozialisten bei der Parlamentswahl im Oktober 2009 die Konservativen ablösten, versprachen sie, dass sie eine andere Flüchtlingspolitik machen wollten als die Vorgängerregierung. Der neue Vizeminister Vougias reiste ins Lager Pagani und sagte in einem Interview mit dem griechischen Fernsehen: »Ich bitte um Vergebung für den Mangel an Humanität in diesem Lagerhaus der Seelen, gegen das Dantes Inferno verblasst.« Er versprach die rasche Schließung und kündigte den Bau neuer »humaner« und »würdevoller« Einrichtungen an. Ja, und eine Umkehr in der griechischen Asylpolitik.

Inzwischen ist das berüchtigte Lager, nach kurzer Pause, wieder in Betrieb. Nun sind es Afrikaner, die hier eingesperrt werden. Die Anwältin Demeli sucht wieder tröstende Worte. Der Küstenwachenchef Sofiadelis schickt wieder seine Schiffe los. Der Dolmetscher Nayem begräbt wieder ertrunkene Kinder. Der einstige deutsche Innenminister erinnert sich nicht mehr an den Tag, an dem er für Dublin II stimmte. Und in Athen mag Vizeminister Vougias nicht mehr von einer neuen Asylpolitik Griechenlands sprechen. Eine neue Asylpolitik, das hieße ja: Unterkünfte bauen, ein Versorgungssystem errichten, Personal einstellen. Griechenland hat derzeit andere Probleme, ihm droht der Staatsbankrott.

Eigentlich wäre das ein Grund zu fliehen.

* Die Namen der Jugendlichen wurden geändert