Dominikanische Republik Auf der anderen Seite
Bringt das Erdbeben von Haiti die heile Welt der Dominikanischen Republik ins Wanken? Eindrücke vom Urlaub neben einem Katastrophengebiet
Haiti? Erdbeben? Angst, dass auch in Punta Cana Hotelwände wackeln könnten, hat Werner Klindworth zumindest nicht. »Da mach ich mir keinen Kopf. Vor ein paar Jahren hatten wir in Neuenkirchen auch ein Beben, natürlich nur ein kleines. Und zu Hause kannst du ja momentan auch vom Eiszapfen erschlagen werden«, sagt der 56-jährige Landwirt aus dem niedersächsischen Heidenau. Er sitzt in einem alten, strohgedeckten Schulbus, und sein akut größtes Problem sind die scharfen Palmwedel, die ihm mangels verglaster Fenster auf die nackten Arme peitschen. Der Bus karriolt über einen mit badewannengroßen Schlaglöchern übersäten Lehmweg in der Region Alta Gracia, ganz am östlichen Rand der Dominikanischen Republik. Draußen sind bunte Dörfer vorbeigezogen, Weiden mit Zeburindern, Bananenhaine, Teppiche von Kaffeebohnen, die zum Trocknen auf der Erde liegen. Drinnen verteilt der Reiseleiter Alberto »Vitamine« – ein suspektes Gemisch aus Rum und Sangria, das Leute, die am Leben hängen, besser mit reichlich Cola auffüllen. Die Stimmung unter Kleinworths dreißig Reisegefährten, allesamt TUI-Touristen aus Deutschland, steigt mit fortschreitender Fahrt. Nein, das Erdbeben, das vor knapp vier Wochen Haiti getroffen hat, die andere Seite der Insel Hispaniola, ist hier kein Thema.
Man hätte glauben können, dass den Deutschen die Lust auf eine ihrer Lieblingsinseln vergangen wäre, als Tagesschau und Tageszeitungen die schrecklichen Folgen der haitianischen Katastrophe beschrieben: Verschüttete, Amputationen ohne Narkose, verzweifelte Helfer, Hunger und Wassermangel, Plünderungen, Verwesungsgestank, drohende Seuchen. Und angeblich auch Flüchtlingsströme in das einzige Nachbarland, die Dominikanische Republik.
»Es ist merkwürdig, wenn man jetzt im Hotel die Berge von Essen sieht«
Die fröhlichen Ausflügler im Schulbus aber traten ihren gebuchten Urlaub an, und so haben es fast alle Pauschalurlauber mit diesem Reiseziel gemacht. Christopher Melz hat mit seiner Freundin für 14 Tage in Punta Cana 4200 Euro hingelegt. Kurz nachgedacht hat der Schornsteinfeger aus Leipzig schon, als die Bilder im Fernsehen liefen. Aber dann hat er sich gesagt: »Wenn in Italien die Erde wackelt, sorgt es mich in Leipzig doch auch nicht.« Seine Freundin hat nicht nur das eigene Risiko beschäftigt. »Es ist schon merkwürdig, wenn man von dem Elend in Haiti weiß und jetzt im Hotel die Berge von Essen sieht, die man nicht wegkriegt. Aber was soll man denn machen? Deshalb den Urlaub streichen? Das bringt doch auch nichts.«
Heute haben sie die Tagestour »Land und Leute« gebucht, weil sie einmal herauswollten aus dem ummauerten Komplex des RIU Palace Punta Cana. Auf zwei Kilometer Strandlänge hat die spanische Hotelkette, die in Deutschland mit TUI kooperiert, fünf Anlagen nebeneinandergesetzt, abgestuft nach Urlaubswünschen für unterschiedliche Kontostände. Das Palace Punta Cana ist die Topadresse und als Palast nicht schlecht umschrieben: ein zum Strand hin offenes U von 300 Meter Länge und 100 Meter Breite, strahlend weiße Architektur, die aussieht, als hätte ein verirrter Maharadscha sich einmal etwas Größeres gönnen wollen. Jedes der 612 Zimmer verfügt gleich hinter der Tür über einen Spirituosenspender – vier einsatzbereit über Kopf hängende Flaschen mit Wodka, Brandy, Gin und Rum, die täglich aufgefüllt werden.
Die Ostküste Hispaniolas ist dicht an dicht mit solchen Resorts besetzt, von denen die meisten all-inclusive anbieten. Den Urlaubstag strukturiert das Animationsangebot, das auf einer Tafel vor der Lobby angezeigt wird. Im halbstündigen Wechsel Stretching, Boule, Aquagymnastik, Polonaise am Strand und dergleichen. Beim Dinner zur festgelegten Zeit entschädigen Champagner und Hummer vom Grill für die Mühen des Tages. Was das Inklusive weitgehend ausschließt, ist die Wahrnehmung des Landes, das man besucht. Die Schulbustruppe von der »Land und Leute«-Tour ist da schon die Informationselite. Sie hat am Ende des Tages unter anderem einen Voodoo-Priester getroffen, sich in einer Landschule von Mulattenkindern vorsingen lassen, die Basilika von Higüey gesehen und vom Reiseleiter eine Menge Vordergründiges über das Leben der Einheimischen erfahren.
Armin Kaestner findet, dass man den Wert solcher Exkursionen nicht geringschätzen darf. »Bekommt denn ein Individualtourist in, sagen wir, Griechenland mehr von der ihn umgebenden Wirklichkeit mit?«, fragt der deutsche RIU-Manager, der für den Verkauf in Florida und der Karibik zuständig ist. Er hat sich vor 18 Jahren hier niedergelassen, damals vor allem wegen der guten Bedingungen zum Windsurfen. Inzwischen hat er mit einer Dominikanerin eine Familie gegründet.
Als er von der Naturkatastrophe im Nachbarland hörte, fürchtete er gleich, dass der Tourismus in der Dominikanischen Republik darunter leiden würde. Tatsächlich sind die Neubuchungen schlagartig auf die Hälfte gesunken. »Wir haben aber einen durchschnittlichen Vorlauf von drei Monaten zwischen Buchung und Reiseantritt«, sagt Kaestner, »das heißt, dass vielleicht der Februar schlecht wird. Im März kann es sich schon wieder einpendeln.« Über das Jahr rechnet er mit zehn Prozent Umsatzminus. Stornierungen gebe es bis jetzt aber nicht, darum sehe es in den Urlaubsrevieren nach dem Beben genauso aus wie davor. Gilt das nur für Punta Cana, den Punkt der Dominikanischen Republik, der mit rund 600 Kilometern von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince am weitesten entfernt ist? »Nein«, sagt Kaestner, »wenn Sie sich in den grenznahen Tourismusorten umschauen, sehen Sie das Gleiche. Das sind dort ja immer noch 400 Kilometer bis Port-au-Prince. Hispaniola ist doch keine kleine Strandinsel mit einer Palme drauf, sondern nach Kuba die größte Insel der Karibik. Und zwischen uns und Haiti liegt das Zentralmassiv mit 3000 Meter hohen Gipfeln.« Die Zerstörungen, so heftig sie auch seien, beschränkten sich auf Teile von Port-au-Prince und Pétionville. Die Menschen dort seien aufs Land geflüchtet, aber nicht über die Grenze. »Vor zwei Wochen war Haiti ein vergessenes Land«, sagt Kaestner, »und ich vermute, in drei Wochen wird es das wieder sein.«
Es war wohl etwas dran an den Beschwichtigungsparolen, die das dominikanische Tourismusministerium am 20. Januar in die Welt schickte. Deren erster Teil lautete: »In allen Städten und Tourismusresorts herrscht der normale Betrieb.« Im zweiten Teil musste man zwischen den Zeilen lesen: »Die Regierung hat Militär, Polizei und Einwanderungsbeamte an der Grenze, welche die Hilfsflüsse steuern und unterstützen. Starke Grenzkontrollen lassen nur die Helfer durch.« Tatsächlich haben die Dominikaner am schnellsten von allen und nach besten Kräften in Haiti geholfen. Zugleich haben sie aber auch die Nachbarn auf Abstand gehalten.
Haiti und die Dominikanische Republik, das sind zwei Welten auf einer Insel. Abgebrannt das eine Land, mit gutem Wirtschaftswachstum das andere, auch wegen des Tourismus. Das Armutsgefälle erzeugt Wanderungsdruck. Die Haitianer sind bei den Nachbarn nicht willkommen, offiziell jedenfalls. Zu Jahresbeginn erst hat Staatschef Leonel Fernández die Verfassung so ändern lassen, dass die Kinder illegaler Einwanderer keine Bürger werden können. Inoffiziell nämlich hält sich eine geschätzte halbe Million Haitianer ohne Erlaubnis im Nachbarland auf. Mit Arbeit zu geringsten Löhnen halten sie hier die Wirtschaft in Gang – als Bauarbeiter, Zimmermädchen und vor allem bei der Zuckerrohrernte.
Der Weg von Punta Cana in die Plantagen ist nicht weit. Man muss hindurch, wenn man die 150 Kilometer in die Hauptstadt Santo Domingo im Mietwagen fährt, was kaum ein Urlauber tut. Die ersten 40 Kilometer bis zur Provinzstadt Higüey reichen, sich auf die Fahrweise der Dominikaner einzustellen. Auf der Straße spielen Spuren und Richtungen keine Rolle. Man sollte sich nicht wundern, wenn einem auf einer autobahnähnlichen Strecke auf der Überholspur ein Moped entgegenkommt.
Gleich hinter Higüey stehen beiderseits der Straße Wände von Zuckerrohr. Die Felder ziehen sich hin bis zur bläulichen Bergkette der Cordilliere Oriental in weiter Ferne. Wo abgeerntete Ackerstücke den Blick freigeben, sind Männer zu sehen, die mit Macheten die Pflanzen schlagen – Haitianer, die offenbar so billig sind, dass sich der Kauf von Erntemaschinen nicht lohnt. Wohlfahrtsorganisationen berichten, sie hausten auf den Plantagen in Elendsquartieren, sogenannten bateyes . Von der Straße erkennt man nur wellblechgedeckte Hütten aus Palmholz, vor denen dunkelhäutige Frauen sich im Staub das Haar frisieren.
Die Strecke nach Santo Domingo führt an der Südküste entlang. Sehr mutige Fahrer schaffen sie in drei Stunden, für Mitteleuropäer ohne Killerinstinkt können leicht fünf daraus werden. Die Einfahrt in die Hauptstadt ist abschreckend. Eine von massiven Betonleitplanken flankierte Hochstraße führt durch Ensembles roher Gebäudekästen, von denen viele unvollendet bleiben werden. Striplokale, Autowerkstätten, allerlei schwer zu erkennendes Gewerbe. Santo Domingos touristischer Reiz ist überschaubar, er konzentriert sich auf die zona colonial, die Altstadt. Hier hat Christoph Kolumbus 1492 angelegt. Die Sandsteinpaläste und Festungen, die seine Familie und deren Herrschaftsnachfolger errichtet haben, stehen da in unterschiedlichen Stadien malerischen Zerfalls. Wer gern betrachtet, wie tropisches Klima und der Zeitlauf auf diverse Sorten Mauerwerk wirken, kommt hier auf seine Kosten. Das Hospital San Nicolas hat 1911 ein Taifun in eine grandiose Ruine verwandelt, durch deren gotische Fensterbögen die Tauben segeln.
Aber Spuren und Folgen des Haiti-Bebens in der Stadt? Der Weg ins Zentrum führt durch die Puerta de la Misericordia, ein Stadttor in verwaschenem Ocker. Die Barmherzigkeit, an die es erinnert, kam von den Priestern, die hier nach einem Erdbeben eine Zeltstadt für Versehrte und Obdachlose errichteten, aber das war 1842. Die Suche nach aktuellen Zeichen führt ins Geflecht der Gassen. Die Putzfassaden der zweistöckigen Häuser leuchten in abenteuerlichen Farben. Von gusseisernen Balkonen wuchern Bougainvilleen. Die schmalen, hohen Bürgersteige sind vielfach von Müllsäcken blockiert. Die Wohnzimmer im Parterre liegen gleich zur Straße, oft nur durch Gatter oder offen stehende Flügelfenster nach außen begrenzt, sodass jedermann am Familienleben in den schattigen Gelassen teilhaben kann. Laut ist es. Merenguemusik aus den offenen Eckbars, Autofanfaren, das gequälte Dröhnen der Diesel von altersschwachen Mack-Trucks, dazwischen die Töne menschlicher Kommunikation, die hier grundsätzlich in Ruflautstärke stattfinden muss.
An einer Straßenecke nahe der Kathedrale Santa Maria de la Incarnacion hängt ein Plakat, auf dem kubanische und dominikanische Musiker ein Benefizkonzert »Cantamos por Haiti« ankündigen. Ein kleines Hotel in der Calle Duarte, das Palacio, weckt Neugier, weil an der Fassade groß das Kölner Stadtwappen hängt. »Mein Partner kommt aus Köln«, sagt Joachim Wagner, einer der beiden Eigner. Auf dem Tresen der Rezeption stehen ein Kästchen »Donations for Haiti«. Vierhundert Dollar sind bislang zusammengekommen. Die Summe ist bescheiden, aber, so sagt Wagner, die Spender selbst sind in diesem Fall die eigentliche Gabe. Das Geld stammt von internationalen Helfern, die in den vergangenen Wochen auf dem Weg nach Haiti hier untergekommen sind. Das Hotel war permanent ausgebucht, viel Stress für den Chef, der auch seinen Beitrag geleistet hat: »Ich habe den Helfern dreißig Prozent Rabatt gegeben.«
Die illegalen Einwanderer aus Haiti stehen unter Generalverdacht
Inzwischen ist es ruhiger geworden. Die Fernsehteams, die auch hier logierten, rücken allmählich ab. Das Tourismusgeschäft in der Stadt geht wieder seinen üblichen Gang. Es sei etwas flau, meint Wagner, wie auch schon im Vorjahr. Grund sei schlicht die Wirtschaftskrise, die vor allem die amerikanische Kundschaft getroffen habe. Auf der Calle el Conde ist das zu sehen. Die bescheidenen Läden auf der zentralen Einkaufsmeile bieten schrille karibische Fließbandmalerei feil, Zigarren, Viagra, Rum. Auf den Bänken davor hängen Einheimische ab, an Tischen wird Domino gespielt. Nur selten ziehen Touristen vorbei. Umso präsenter ist die Policia del Turismo, die die Regierung vor drei Jahren als vertrauensbildende Maßnahme aufgestellt hat. In dunkelblauen Hosen und hellblauen Polohemden stehen die Helfer an fast jeder Ecke. Die Testfrage nach dem Hotel Palacio, das nur drei Straßenzüge entfernt liegt, führt allerdings zu einer zehnminütigen Beratung unter fünf zusammenströmenden Beamtinnen, die dann per Mehrheitsentscheid eine ungefähr richtige Auskunft geben.
© ZEIT Grafik
In der kleinen Polizeistation sitzt Wachtmeister Alexander Rejes. Er versucht erst einmal, mit dem Reporter ins Geschäft zu kommen. »Arbeiten Sie allein?«, fragt er, »dann könnte ich Ihnen doch helfen. Das kostet natürlich.« Der Polizist ist auf Nebeneinnahmen angewiesen, von umgerechnet 200 Euro im Monat kann er die Familie nicht ernähren, er hat deshalb einen Zweitjob als Friseur im Geschäft seines Bruders. Auch ohne Bezahlung gibt er Auskunft über die Sicherheitslage. »Taschendiebe, Bettelei, Prostitution – das sind die häufigsten Delikte.« Und was geschieht mit den Tätern? »Wir schauen, woher sie kommen, ob sie eine Aufenthaltsberechtigung haben. Kommen sie aus Haiti, übergeben wir sie der Policia Nacional.« Haitianer sind die üblichen Verdächtigen in der Dominikanischen Republik. Wenn die Regierung von eigenen Misserfolgen ablenken will, führt sie gern einmal Massenverhaftungen bei ihnen durch. Im Dienstwappen von Wachtmeister Rejes Uniform steht das Kürzel der Touristenpolizei. Irgendwie passend: Es heißt »Politur«.
- Datum 04.02.2010 - 10:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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