Gesellschaftskritik Schweinsteigers Brille

Mit seiner neuen Brille könnte der FC-Bayern-Spieler als Kunststudent in Berlin-Mitte durchgehen. Florian Illies über die modischen und sportlichen Aspekte von Sehhilfen

Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Bart. Wenn Bastian Schweinsteiger nun noch die Rasur einstellen würde, wäre er optisch endgültig nicht mehr vom Kunststudenten in Berlin-Mitte zu unterscheiden. Das kolossale Brillengestell, das Schweinsteiger Ende Januar beim Training des FC Bayern trug, schlug deutschlandweit Wellen.

Als wenige Tage später dann sein Münchner Landsmann Hans Magnus Enzensberger beim Einzug des Suhrkamp Verlags in Prenzlauer Berg mit einer verwegenen Sonnenbrillenkreation die Literaturjournalisten irritierte, wurde der Paradigmenwechsel augenfällig: Wenn Fußballer schon ständig darum wetteifern, wer den intelligentesten Pass spielt, dann dürfen sie auch endlich die Intellektuellenbrillen tragen. Und wenn Suhrkamp ständig umzieht, dann sind Pilotenbrillen, die sonst immer nur die Fußballer auf den Flügen zu Champions-League-Spielen trugen, auch für die Verlagsautoren das angemessene Accessoire.

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Dass mehr hinter Schweinsteigers Entscheidung für diese Brille steckt als eine plötzliche Dioptrienschwäche, verriet er mit dem schönen Satz, er trage sie »nicht nur aus modischen Gründen«. Wir schließen also daraus, dass aus modischen Gründen momentan alles für die Brille spricht. Ob die Tatsache, dass Boris Becker gerade für die Firma Rodenstock neue Brillenmodelle entworfen hat, diese These stützt oder eher unterläuft, ist eine andere Frage. Interessanter ist, warum sich bei Bastian Schweinsteiger wie auch bei Justin Timberlake ein Trend zur Chemiebrille durchsetzt, mit der sie von dem Gleichmaß ihrer jugendlichen Gesichter ablenken wollen, während parallel dazu alle Politiker der CDU zur randlosen Brille greifen, die das Gleichmaß in ihren jugendlichen Gesichtern eher betont.

In der Politik soll die randlose Brille Modernität mit »Augenmaß« (Angela Merkel) demonstrieren, das Kulturschaffenden-Modell bei Schweinsteiger hingegen die Fähigkeit zur Ironie, also zum »Doppelpass« (Günter Netzer) mit der öffentlichen Erwartungshaltung. Das wirkt dann alles doch recht durchschaubar, und zwar nicht nur aus modischen Gründen.

 
Leser-Kommentare
    • mühli
    • 05.02.2010 um 19:13 Uhr

    Herr Schweinsteiger auch nicht klüger! Er sieht damit zumindest nicht mehr ganz so "pubertär" aus!

  1. Endlich werden die Gläser bzw. Gestelle wieder größer. Ich als totale Blindschleiche habe mich über die winzigen Gucklöcher und Sehschlitze, die in den letzten Jahren als "Intelligenzverstärker"im Angebot waren, nur geärgert. Und mir bei fast allen Tätigkeiten und beim Treppen hinabsteigen den Hals verrenkt, um durchs Glas scharf zu sehen.

    Wenn Herr Schweinsteiger weiterhin den Ball treffen will, ist die Brille schon in Ordnung. Da kann man den Ball nämlich auch sehen, wenn er nicht direkt von vorn in Augenhöhe geflogen kommt.

    (Jetzt muss er sich nur noch ein dickes Fell zulegen, um die allfälligen Kommentare und "Brillenschlange! Brillenschlange!"-Rufe an sich abperlen zu lassen --na gut, manche formulieren etwas eleganter.)

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