Theater-Projekt Brennen müsste das!

Die Tragödie ist wieder da, und sie kam aus dem Osten: Am Berliner Gorki-Theater beginnt die Dramen-Reihe "Über Leben im Umbruch"

Auftaktstück der Dramen-Reihe im Gorki-Theater ist "Im Rücken der Stadt" von Thomas Freyer mit Leon Ullrich (rechts)

Auftaktstück der Dramen-Reihe im Gorki-Theater ist "Im Rücken der Stadt" von Thomas Freyer mit Leon Ullrich (rechts)

Die Stadt Wittenberge, zwischen Berlin und Hamburg gelegen, erleidet, als werde sie von den beiden Metropolen zerrissen, seit der Wende einen unaufhaltsamen Bedeutungsverlust. Die Zahl der Einwohner ist von 30.000 auf 18.000 zurückgegangen, und die einzigen Zuzügler sind die Soziologen, die durch die leeren Straßen wandern und beobachten, wie man so lebt in der Stille.

Einmal, so erzählt der (ostdeutsche) Soziologe Wolfgang Engler, sei ein Stadtforscher mit der Kamera durch Wittenberge gezogen und habe die totesten Stellen der Stadt fotografiert. Und während er weiter ging, merkte er, dass er verfolgt wurde. Ein kleiner Zug von »Eingeborenen«, so Engler, sei dem Mann auf den Fersen geblieben. Er konnte sie nicht abschütteln; sie griffen ihn nicht an, aber sie waren alarmiert; sie wollten sich, so Engler, nicht abfinden mit dem »beschämenden Gefühl, von anderen in der eigenen Misere beobachtet zu werden«.

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Wittenberge, die schrumpfende Stadt, als Ort der neuen Dramatik?

Aber genau das ist zum Wittenberger Schicksal geworden. Wer ein Fotoprojekt über schrumpfende Städte macht, geht nach Wittenberge, wer Filmkulissen braucht, findet sie dort – Christian Petzold drehte in Wittenberge Yella, den Schlussfilm seiner Gespenster-Trilogie, und die (westdeutschen) Soziologen, unter ihnen der berühmte Heinz Bude, sind schon lange dort, um den Zustand des »kommunikativen Beschweigens« (ein Begriff von Hermann Lübbe) zu erforschen, der diesen Ort der Niederlage beherrscht.

Nun sind auch noch Theaterleute angerückt, um das kommunikative Beschweigen zu beenden – vier Dramatiker (Fritz Kater, Thomas Freyer, Philipp Löhle und Juliane Kann) haben sich, beauftragt vom Berliner Maxim Gorki Theater, nach Wittenberge aufgemacht und überlegt, wie es wohl klingen würde, wenn die Wittenberger doch sprächen. Das Projekt heißt Über Leben im Umbruch; es dauert bis Juni.

Das erste Stück stammt von Thomas Freyer (geboren 1981 in Gera) und heißt Im Rücken die Stadt . Es handelt von der mühsamen Verständigung zwischen den Alten, die dageblieben sind, und den Jungen, die Wittenberge verlassen haben. Und es handelt vom Kampf zwischen den jungen Dagebliebenen, die sich Hoffnungen machen, und denen, die alle Hoffnung aufgegeben haben. Einer von denen, die keine Hoffnung mehr haben, spricht so: »Manchmal denk ich. Müsste man anzünden. Eigentlich. Das alles. Ist so ein Reißen. Im Kopf manchmal. Brennen müsste das. Im Rücken. Die ganze Stadt.«

Sie alle reden nur das Nötigste. Es sind Helden des kollektiven Beschweigens, und was sie sagen, hat etwas Beleidigtes, Aufgestörtes, Fetzenhaftes, als sei jemand gekommen und habe es ihnen entrissen. In Thomas Freyers Stück reden die Jungen, die noch gar nichts erlebt haben, vorbei an den Alten, denen das, was sie erlebt haben, zu nichts zerfällt – weil nach der Wende das, was sie selbst für ein Leben gehalten hatten, als B-klassiger Ostkram, als ein großes Hingehaltenwerden klassifiziert wurde. Ich habe das Stück nur in einer szenischen Lesung erlebt, aber vielleicht wurde es gerade dadurch kenntlich: Die Regisseurin Nora Schlocker, die für ihre erkrankte Hauptdarstellerin einsprang, peitschte den Abend mit raschem Atem voran, sie wendete die Seiten, als spiele sie scharf eine Karte nach der anderen, und so machte sie kenntlich, dass in diesem Stück vom Warten und Ausrollen eine wahnsinnige Ungeduld steckt.

Jetzt sprechen die Wittenberger also – wenn auch fernab ihrer Stadt und nicht mit eigenen Stimmen. Welche Folgen hat ein solches Projekt wohl für die Betroffenen, die Beobachteten? Wolfgang Engler nennt in einem Podiumsgespräch vor der Lesung am Gorki-Theater den deutschen Osten ein »völlig überforschtes« Gebiet. Wer aber zu lang beobachtet wird, der weiß von seinen Beobachtern und ändert sein Verhalten. Er lebt seinen Forschern etwas vor. Wird also der Osten zum prophetischen Theater für den deutschen Westen?

Der Soziologe sagt: »Nehmt Abschied vom Warten und seid, was ihr seid!«

Wenn wir den Soziologen Heinz Bude, Englers Gesprächspartner auf der Bühne, recht verstehen, dann wäre das keine schlechte Sache. Die Ostdeutschen könnten den Westdeutschen das Überleben in Würde beibringen. Allerdings leben die Wittenberger derzeit noch in einer gewissen Verblendung, suggeriert Bude; sie tragen sozusagen noch Kostüm, obwohl es keinen Ball mehr geben wird. Oder, in Budes Worten: »In Wittenberge hängen alle noch an der Idee der industriellen Moderne. Nach 20 Jahren könnte man ja vielleicht mal sagen: Ist vielleicht ne falsche Idee.« In Orten des Abbaus gestalte sich die ideale Anpassung an die Realität wie folgt: Auf eine Zeit der Erwartung (bald wird es besser) folge eine Zeit des Wartens (das kann doch nicht alles gewesen sein), und das Warten werde schließlich vom »Sein« abgelöst. Wenn das Projekt Über Leben im Umbruch irgendeine Botschaft an die Wittenberger enthalte, sagt Bude, dann diese: »Bitte nehmt Abschied vom Warten und seid, was ihr seid.«

Man muss sich dieses Sein, according to Bude, als einen erhabenen Zustand vorstellen. Wer ihn erreiche, so Bude, der warte nicht mehr, dass etwas besser oder anders werde; er erlange, trotz gewisser »wölfischer« Anteile, eine Würde und Größe, die man als Zuschauer zur Kenntnis nehmen müsse.

Es kehrt hier, durchs bescheidene Einfallstor Wittenberge, die Tragik zurück ins Theater. Üblicherweise ordnen wir die Dinge unseres Lebens in jene, die wir tun, und in jene, die wir erleiden. »Es gibt aber das Dritte«, sagt Bude, »das Widerfahrnis.« Dessen Folgen lassen sich studieren – in Wittenberge. Der Kapitalismus, so wird dort klar, hat längst den Rang des allergrößten Widerfahrnisses erreicht. Man ergibt sich seiner Macht in wölfischer Würde.

»Echte Tragik ist nicht zu trennen vom Mysterium der Ungerechtigkeit, von der Überzeugung, daß der Mensch ein prekärer unbestätigter Gast in einer Welt bleibt, in der die Mächte der Unvernunft eine finster verborgene Herrschaft ausüben.« Das ist ein Satz des Literaturwissenschaftlers George Steiner, der, auf Wittenberge angewendet, heißen könnte: Der Mensch ist ein prekär unbestätigter Gast in einer Welt, in der die Mächte der Vernunft eine finstere Herrschaft ausüben; er hat diese Mächte selbst geschaffen.

Ist Wittenberge tatsächlich die Ostbühne des reinen Seins, beleuchtet für die Zuschauer im Westen, die ahnungslos in den Schleifen der Erwartung und des Wartens schweben? Nein, so weit ist es noch nicht. Die Figuren von Thomas Freyer jedenfalls haben zu viel bockige Wut, als dass sie das reine Sein verkörpern könnten. Und der süffisante Wolfgang Engler sagte zu Heinz Bude, er halte dessen Ideal für so schön wie uneinlösbar. Die Coolness, die es verlange, sei schier übermenschlich. Ina, die Heldin aus Im Rücken die Stadt, sagt es, voller Ungeduld, so: »Wie schnell ist so ein Leben? Wann ist das denn voll?«

Dass auch Heinz Bude dem Konzept des gelassenen Seins im Gewitter der Widerfahrnisse nicht traut, zeigt ein Vortrag, den er kürzlich in Pirmasens, einem anderen Ort der Krise, gehalten hat – über Wittenberge, die ferne Bruderstadt im Unglück. Da sprach Bude: »Es gibt natürlich auch immer den Punkt der Rebellion gegen das Bestehende. Wer rebelliert, kann ganz viel Zeit verbrauchen in einem Moment, weil die Zeit sich verdichtet im Augenblick der rebellischen Äußerung. Wie so eine Atomkernschmelze… Davon ist in Wittenberge wenig zu spüren. Man bräuchte ein paar solche Momente, die auf einen Schlag eine enorme Menge Zeit verbrauchen.«

Auch das klingt nicht ganz unzynisch. Als hätte er sagen wollen: Wenn die untätigen Massen ihre Zeit verlieren, ist schon viel gewonnen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Wittenberge und andere Orte. Mmmmm.

  2. Habe im Berliner Inforadio von dieser Studie gehört. Bürgermeister und befragte Bürger hatten da in der Regel eine ganz andere Sicht. Zu der Frage, welchen Blick Soziologen auf Menschen, das Objekt ihrer Forschung, haben, fiel mir folgender Titel ein, der am gleichen Tag (04. März 10) erschienen ist:

    Pierre Verdrager
    Ce que les savants pensent de nous et pourquoi ils ont tort
    [Was die Gelehrten von uns denken und warum sie sich irren]

    http://www.editionsladeco...

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