Theater-Projekt Brennen müsste das!Seite 2/2
Der Soziologe sagt: »Nehmt Abschied vom Warten und seid, was ihr seid!«
Wenn wir den Soziologen Heinz Bude, Englers Gesprächspartner auf der Bühne, recht verstehen, dann wäre das keine schlechte Sache. Die Ostdeutschen könnten den Westdeutschen das Überleben in Würde beibringen. Allerdings leben die Wittenberger derzeit noch in einer gewissen Verblendung, suggeriert Bude; sie tragen sozusagen noch Kostüm, obwohl es keinen Ball mehr geben wird. Oder, in Budes Worten: »In Wittenberge hängen alle noch an der Idee der industriellen Moderne. Nach 20 Jahren könnte man ja vielleicht mal sagen: Ist vielleicht ne falsche Idee.« In Orten des Abbaus gestalte sich die ideale Anpassung an die Realität wie folgt: Auf eine Zeit der Erwartung (bald wird es besser) folge eine Zeit des Wartens (das kann doch nicht alles gewesen sein), und das Warten werde schließlich vom »Sein« abgelöst. Wenn das Projekt Über Leben im Umbruch irgendeine Botschaft an die Wittenberger enthalte, sagt Bude, dann diese: »Bitte nehmt Abschied vom Warten und seid, was ihr seid.«
Man muss sich dieses Sein, according to Bude, als einen erhabenen Zustand vorstellen. Wer ihn erreiche, so Bude, der warte nicht mehr, dass etwas besser oder anders werde; er erlange, trotz gewisser »wölfischer« Anteile, eine Würde und Größe, die man als Zuschauer zur Kenntnis nehmen müsse.
Es kehrt hier, durchs bescheidene Einfallstor Wittenberge, die Tragik zurück ins Theater. Üblicherweise ordnen wir die Dinge unseres Lebens in jene, die wir tun, und in jene, die wir erleiden. »Es gibt aber das Dritte«, sagt Bude, »das Widerfahrnis.« Dessen Folgen lassen sich studieren – in Wittenberge. Der Kapitalismus, so wird dort klar, hat längst den Rang des allergrößten Widerfahrnisses erreicht. Man ergibt sich seiner Macht in wölfischer Würde.
»Echte Tragik ist nicht zu trennen vom Mysterium der Ungerechtigkeit, von der Überzeugung, daß der Mensch ein prekärer unbestätigter Gast in einer Welt bleibt, in der die Mächte der Unvernunft eine finster verborgene Herrschaft ausüben.« Das ist ein Satz des Literaturwissenschaftlers George Steiner, der, auf Wittenberge angewendet, heißen könnte: Der Mensch ist ein prekär unbestätigter Gast in einer Welt, in der die Mächte der Vernunft eine finstere Herrschaft ausüben; er hat diese Mächte selbst geschaffen.
Ist Wittenberge tatsächlich die Ostbühne des reinen Seins, beleuchtet für die Zuschauer im Westen, die ahnungslos in den Schleifen der Erwartung und des Wartens schweben? Nein, so weit ist es noch nicht. Die Figuren von Thomas Freyer jedenfalls haben zu viel bockige Wut, als dass sie das reine Sein verkörpern könnten. Und der süffisante Wolfgang Engler sagte zu Heinz Bude, er halte dessen Ideal für so schön wie uneinlösbar. Die Coolness, die es verlange, sei schier übermenschlich. Ina, die Heldin aus Im Rücken die Stadt, sagt es, voller Ungeduld, so: »Wie schnell ist so ein Leben? Wann ist das denn voll?«
Dass auch Heinz Bude dem Konzept des gelassenen Seins im Gewitter der Widerfahrnisse nicht traut, zeigt ein Vortrag, den er kürzlich in Pirmasens, einem anderen Ort der Krise, gehalten hat – über Wittenberge, die ferne Bruderstadt im Unglück. Da sprach Bude: »Es gibt natürlich auch immer den Punkt der Rebellion gegen das Bestehende. Wer rebelliert, kann ganz viel Zeit verbrauchen in einem Moment, weil die Zeit sich verdichtet im Augenblick der rebellischen Äußerung. Wie so eine Atomkernschmelze… Davon ist in Wittenberge wenig zu spüren. Man bräuchte ein paar solche Momente, die auf einen Schlag eine enorme Menge Zeit verbrauchen.«
Auch das klingt nicht ganz unzynisch. Als hätte er sagen wollen: Wenn die untätigen Massen ihre Zeit verlieren, ist schon viel gewonnen.
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- Datum 04.02.2010 - 10:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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Wittenberge und andere Orte. Mmmmm.
Habe im Berliner Inforadio von dieser Studie gehört. Bürgermeister und befragte Bürger hatten da in der Regel eine ganz andere Sicht. Zu der Frage, welchen Blick Soziologen auf Menschen, das Objekt ihrer Forschung, haben, fiel mir folgender Titel ein, der am gleichen Tag (04. März 10) erschienen ist:
Pierre Verdrager
Ce que les savants pensent de nous et pourquoi ils ont tort
[Was die Gelehrten von uns denken und warum sie sich irren]
http://www.editionsladeco...
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