Winter in Hamburg Aufs Eis!
Wenn alle Jubeljahre einmal die Alster zufriert, findet Hamburg seine Mitte. Bericht einer Überquerung
Je näher die sibirische Kaltfront an Hamburg heranrückte, umso heißer wurden wir von der Vorfreude auf das »Alstereisvergnügen« erfasst, umso hitziger geriet der Streit darüber, ab welcher Eisdicke die Alster für ein Volksfest mit Glühweinständen und Bratwurstbuden tauglich wäre. Im vergangenen Jahrtausend hatte es sich ereignet, dreizehn Jahre war es her, dass wir Hamburger, damals rund eine Million, zum Tanzen aufs Eis gegangen waren, als hätten wir uns zu wohl gefühlt.
Die Liebe der Hamburger zu ihrem 164 Hektar großen Binnensee muss Fremden närrisch vorkommen. Vielleicht rührt sie daher, dass Hamburg keinen Mittelpunkt hat wie Wien oder Berlin. Unser Mittelpunkt ist die Alster. Normalerweise gehen wir nur drumrum, die Mitte bleibt uns versagt. Es sei denn, wir wären Segler, aber auf dem Boot ist alles immerzu in Bewegung, die Mitte schwimmt. Kurz: Wir können unsre wahre Mitte nur besichtigen, wenn die Alster zugefroren ist. Deshalb lauerten alle: Würde es endlich wieder klappen?
Ach nein, die Umweltbehörde wollte auf einer »20 cm starken Schicht Kern- oder Klareis« bestehen. Unmut wurde laut. Weshalb, so sagten viele, begnügen sich die Hannoveraner für ihren Maschsee mit 13 Zentimetern, und warum hatten noch 1997 für die Alster 15 Zentimeter genügt? Alles wird teurer, wer wüsste das besser als wir Hamburger, aber wieso muss das Eis immer dicker werden? Eine Intrige schien da im Spiel, womöglich die Profitgier der Alstertouristik GmbH, die zur Empörung vieler Hamburger nicht davon ablassen wollte, ihre Schiffe auf sogenannten Punschfahrten derart durch die Eisdecke pflügen zu lassen, dass es weithin hörbar krachte. Dagegen kam selbst der gutwilligste Frost nicht an.
Dann aber wurde der Frost bitter, die Schiffe blieben stecken, die Alster fror zu, Schnee kam, und die vertraute Fläche, die wir je nach Himmel und Wetter als blau oder grau oder schwarz kennen, wurde vollkommen weiß. Und dann kam Regen, aber nur ganz kurz, und jetzt wurde der Frost ernstlich böse und fing an zu klirren. Da erinnerte ich mich an mein eigenes Eisvergnügen, als ich mir (sie waren fast ausverkauft) rasante Schlittschuhe ergattert hatte und auf der schwarzblanken Eisfläche davongefegt war, gar nicht so übel. Zum ersten Mal fiel mir damals auf, dass die Alster eigentlich immer im Weg ist. Will man von Uhlenhorst nach Harvestehude oder von St. Georg nach Eppendorf: Immer liegt sie dazwischen und zwingt zu Umwegen. Nur wenn sie gefroren ist, kommt man geradewegs zu seinem Ziel.
Ich beschloss, die »Freigabe der Alster« durch die Umweltbehörde nicht abzuwarten, sondern ins Büro zu wandern, quer über den See. Leider hatte ich am Dienstag, da Frost und Sonne um die Wette eiferten, keine Zeit. Aber der Mittwoch! Der Himmel war bedeckt, das Thermometer zeigte nur noch vier Grad minus. Gleichviel, heute war der Tag. Dummerweise fand ich die Schlittschuhe nicht. Dreizehn Jahre sind eine lange Zeit, vor allem in einem unaufgeräumten Keller. Dennoch: Meine Mission würde daran nicht scheitern. Ich zog die Stiefel an und machte mich auf den Weg. Schon von ferne nahm sich die Alster wie ein niederländisches Gemälde aus: Auf der riesigen Fläche tummelte sich das Volk. Allerdings merkte ich, dass mein Schuhwerk für das blanke Eis unbrauchbar war.
- Datum 04.02.2010 - 13:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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DAS kann nur Hamburg!
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