Karaoke-Taxi "Wer singt, pöbelt nicht"
Ein Münsteraner Taxifahrer hat gerne Stimmung im Auto. Deshalb läuft bei ihm Karaoke-Musik
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Karnevalssongs und Neue Deutsche Welle sind beliebt. Seit Nizamettin Kilincli (r.) seinen Taxigästen Karaoke bietet, muss er ab und zu eine Extrarunde drehen
DIE ZEIT: Herr Kilincli, Sie fahren in Münster ein Taxi, in dem man auch Karaoke singen kann. Wie kamen Sie denn auf diese Idee?
Nizamettin Kilincli: In den letzten Jahren lief das Geschäft immer schlechter. Da suchte ich nach einem Extra, das mich von anderen abhebt. Zufällig hatte ich einem Kollegen einen Wagen abgekauft, in dem bereits ein Bildschirm hingt. Ich dachte: Das musst du nutzen. Seitdem ich das Singen anbiete, habe ich mehr Buchungen. An den Wochenenden mache ich bis zu zehn Karaoke-Fahrten.
ZEIT: Das ist sicher anstrengend: Sie müssen sich auf den Verkehr konzentrieren, und hinten grölen die Fahrgäste.
Kilincli: Nein, ich bin ja routiniert, ich fahre seit Jahrzehnten Taxi. Und Schweigen ist viel schlimmer! Manche Gäste reagieren nicht einmal, wenn ich »Hallo, einen schönen Abend!« sa ge. Die Fahrt macht mehr Spaß, wenn Stimmung im Auto ist.
ZEIT: Und wie funktioniert das – Karaoke singen in einem Taxi?
Kilincli: Hinter meinem Sitz hängt ein Bildschirm von der Decke. Auf dem laufen in roter Schrift die Texte, die die Sänger ablesen. Vorne habe ich einen DVD-Player, mit dem ich die Lieder anwähle. Ich habe Platz für einen ganzen Chor: In mein Großraumtaxi passen acht Gäste.
ZEIT: Was kostet eine Karaoke-Fahrt?
Kilincli: Nicht mehr als eine normale. Aber manche Gäste bitten mich, noch ein paar Extrarunden um den Block zu drehen, bis das Lied zu Ende ist.
ZEIT: Wer bucht denn Ihr Taxi?
Kilincli: Das sind meist Gruppen, Studenten oder Leute zwischen 40 und 50 Jahren. Münster eignet sich sehr gut für mein Konzept, hier feiern die Menschen gern. Das ist wichtig, denn häufig buchen mich Leute, die auf dem Weg zu einer Party sind oder von einer Feier heimkehren. Manchmal bin ich ganz überrascht: Da steigen die Mitfahrer alle bunt kostümiert ein, obwohl gar kein Karneval ist. Ich habe auch einige Stammkunden, die mich buchen, wenn sie in die Disco fahren. Bei meinen Kindern – der Jüngste ist elf – kommt mein Karaoke-Taxi übrigens auch gut an. Am Wochenende drehen wir öfter mal eine Runde und singen.
ZEIT: Was für Lieder stehen zur Auswahl?
Kilincli: Ich habe sechs CDs mit englischen und deutschen Songs: Mallorca-Superhits, Karnevalslieder wie Viva Colonia, Deutsche-Welle-Hits und ein Best of Madonna und Michael Jackson.
ZEIT: Und welche sind besonders beliebt?
Kilincli: Ältere deutsche Hits wie Bruttosozialprodukt oder Der goldene Reiter. Da kennt jeder den Text.
ZEIT: Reizt es Sie, auch mal mit einzustimmen?
Kilincli: Eigentlich sin- ge ich lieber türkische Schlager und spiele dazu Saz, eine türkische Gitarre. Manchmal aber bitten mich die Gäste mitzusingen. Da kann ich natürlich nicht Nein sagen. Besonders gern mag ich den Karnevalshit Ich habe drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär.
ZEIT: Küren Sie am Ende der Fahrt einen Sieger?
Kilincli: Meistens singen alle gleichzeitig, und es geht nur um den Spaß. Aber ich werde auch manchmal gebeten, meine Meinung zu äußern.
ZEIT: Sind Sie dann ehrlich?
Kilincli: Ja, total. Ich sage schon, wenn jemand nicht singen kann. Und eins steht fest: Frauen singen besser als Männer. Ich könnte den ganzen Tag Musik hören. Aber wenn ein betrunkener Mann singt, ist das manchmal Krach. Wenigstens sind die Leute dann friedlich: Wer singt, pöbelt nicht.
Interview: Christine Dohler
- Datum 04.02.2010 - 15:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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