Gibt es Gott? Wenn es Gott gibt, so ließ sich der Islamkritiker Henryk Broder in einer Talkshow einmal sinngemäß vernehmen, dann stecke er in diesem Winzling. Sprach’s und zauberte einen Speicherstick für Computer aus dem Jackett. Ist dieses Gerät nicht ein Wunder? So viel Geist in einem kleinen göttlichen Ding!

Broder gab dem Zuschauer Gelegenheit, seinen Einfall fortzuspinnen. Wäre es nicht besser um die Menschheit bestellt, wenn sie endlich friedfertige Götter anbeten würde, die säkularen Götter von Technik und Wissenschaft?

So originell der Vorschlag klingt, er zählt zur Standardfigur der klassischen Religionskritik, und schon radikale Aufklärer wie La Mettrie oder Paul Thiry d’Holbach beherrschten sie im Schlaf. Gläubige Menschen, schrieb d’Holbach (1723 bis 1789), geraten sofort in Streit und schneiden sich im Namen eines imaginierten Gottes die Kehle durch. Alles Unheil, dessentwegen der Mensch »seine tränengebadeten Augen zum Himmel erhebt, entstehen durch die leeren Fantome, die seine Einbildungskraft dort angesiedelt hat«. Darum müssten die religiösen »Hirngespinste« verschwinden und durch den transparenten Gauben an die Vernunft, an Fortschritt und Wissenschaft ersetzt werden.

Wer heute die aufgeheizte Debatte um einen radikalisierten Islam beobachtet, der fühlt sich unwillkürlich an den Streit erinnert, den die Aufklärer im 17. und 18. Jahrhundert untereinander um die Wahrheit der Religion ausgetragen haben. Dieser Streit war ein großes intellektuelles Drama, und die Parallelen zu den aktuell brennenden Fragen sind verblüffend. Was tun gegen Fanatiker? Welche Rechte hat die Religion, und wo beginnt das Recht, von ihr verschont zu werden? Gibt es auch einen Fundamentalismus der Vernunft?

Keineswegs waren die Aufklärer, wie zuletzt Rainer Forst in seiner Studie Toleranz im Konflikt (Suhrkamp) gezeigt hat, militante Gegner der Religion, nicht alle dachten so wie d’Holbach. Sie waren keine Säkularisten, die die »Geisteskrankheit des Fanatismus« (Voltaire) kurzerhand durch die Abschaffung der Religion heilen wollten. Intellektuelle wie Pierre Bayle, Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und Lessing besaßen sogar ein ausgeprägtes Gespür dafür, dass auch die religionskritische Aufklärung von einem Fundamentalismus bedroht wird. Nicht von einem Fundamentalismus der Tat, der Andersgläubigen das Messer ins Herz bohrt. Sondern von einem Fundamentalismus des Geistes, der denselben Fehler macht wie die verhassten »Pfaffen«: Seine Toleranz duldet nur das, was er selbst als tolerierbar definiert hat.

Damit kein Irrtum entsteht: Die von Verfolgung bedrohten Aufklärer fürchteten den »blutdürstigen Sklaven des Aberglaubens« wie die Pest. Ihnen schauderte vor dem Fanatiker, der »davon überzeugt ist in den Himmel zu kommen, wenn er einem den Hals abschneidet«. Und trotzdem, so Voltaire (1694 bis 1778) weiter, dürfe man die »Tollwut der Intoleranz« nicht mit der »Narretei des Atheismus« austreiben. Kein Bürger dürfe gezwungen werden, über metaphysische Fragen »auf gleiche Art« zu denken wie alle anderen. Ganz ähnlich auch Rousseau: »Die geistige Welt ist voller unbegreiflicher Wahrheiten«; die Vernunft könne sie »nicht berühren, sondern nur wahrnehmen«.

Den scharfsinnigsten Blick im Streit um Glauben und Vernunft aber hatte der Philosoph Pierre Bayle (1647 bis 1706), ein früher Held der Aufklärung. Obwohl er selbst der klerikalen Gedankenpolizei zum Opfer fiel, weil er standhaft den Atheismus verteidigte, witterte er bei seinen Mitstreitern neue Denkverbote – den Hochmut einer Aufklärung, die über ihre Endlichkeit nicht aufgeklärt ist. Die reine Vernunft sei ein »ätzendes Pulver« und voller »Gebrechen«, sie werde niemals alle Fragen des Menschen beantworten können. Ja, die Religionen müssen entgiftet werden, aber die Aufklärer dürfen ihre eigene Wahrheit nicht an deren Stelle setzen. Mag auch der Glaube im Jenseits der Vernunft spekulieren, so sei er damit noch lange nicht »widervernünftig«. Aus solchen Einsichten schmiedete Lessing später sein dramatisches Experiment der Brüderlichkeit, die berühmte Ringparabel im Nathan aus dem Jahre 1779.