Einer von Lena Goreliks liebsten jüdischen Witzen geht so: Landet ein jüdischer Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel. Jahre später wird er gefunden und zeigt seinen Rettern die Insel. Er hat zwei kleine Synagogen gebaut. "Warum zwei?" wollen seine Besucher wissen. "Das ist die, in die ich gehe. Und in die hier gehe ich auf keinen Fall!"

Gorelik, eine 28-jährige Münchner Autorin russisch-jüdischer Herkunft mit dunkelblonden Locken, erzählt diesen Witz in ihrem preisgekrönten zweiten Roman Hochzeit in Jerusalem. Das heißt: Eigentlich erzählt ihn Goreliks autobiografisch gefärbte Heldin Anja. Der jüdische Robinson – ein Gestrandeter, ein Überlebender, der gleich zwei Synagogen baut – ein passendes Gleichnis für das Judentum in Deutschland nach dem Holocaust.

Für Lena Gorelik, als Kind russischer Einwanderer 1991 nach Deutschland gekommen, hat es eine persönliche Bedeutung. Denn auch sie hat neuerdings zwei Synagogen, mit denen sie ihr Judentum definiert. Sie hat Anschluss an die liberale jüdische Gemeinde Beth Schalom gefunden, die seit Kurzem in München das progressive Judentum amerikanischer Prägung praktiziert. Lena ist nicht religiös aufgewachsen in Sankt Petersburg, wo ihre Familie herkommt. Doch nun, da sie ihren ersten Sohn erwartet, ist es ihr doch wichtig, an eine Gemeinde anzudocken. Und die Liberalen waren offen für ihre religiösen Suchbewegungen.

Zum Gottesdienst in der orthodoxen Münchner Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde, die sich am Jakobsplatz im Stadtzentrum ein prächtiges Zentrum mit Veranstaltungssaal und Museum errichtet hat, sagt Gorelik, würde sie allerdings nie gehen: verschlossen, konservativ, "gefangen in einer Bunkermentalität". Diese Münchner Gemeinde ist nach Berlin die zweitgrößte in Deutschland. Und sie wird seit 25 Jahren von Charlotte Knobloch geführt, der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, die seit vier Jahren das öffentliche Bild des Judentums hierzulande bestimmt. Als das neue Gemeindezentrum vor wenigen Jahren eröffnet wurde, ging Knoblochs Lebenstraum in Erfüllung. Doch junge Juden wie Lena Gorelik wenden sich ab von den etablierten Strukturen.

Was es heute heißt, Jude in Deutschland zu sein, muss neu bestimmt werden. Die Herausforderungen sind gewaltig. Das Judentum wird ohne Zentrierung auf den Holocaust auskommen müssen. Auch Israel rückt weiter an den Rand. Eine selbstbewusste Diaspora will im Hier und Jetzt leben lernen, als eine Minderheit unter anderen. Die jüdischen Repräsentanten müssen eine neue Rolle finden. Sie haben über dem Warnen vor Antisemitismus, Neonazismus und Antizionismus versäumt, ein positives Bild vom Judentum zu zeichnen. In der jahrelangen Mahnroutine hat sich der Zentralrat als moralische Instanz offenbar abgenutzt. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats, räumt ein: "Wir können uns nicht nur als der Stachel im Fleisch der anderen verstehen. Der Zentralrat muss sich mit allen Fragen befassen, die Juden als Teil dieser Gesellschaft betreffen. Und die Jungen brauchen das Gefühl, sie können dabei mitgestalten."

Am kommenden Sonntag wird auch für die Öffentlichkeit offensichtlich werden, dass das Judentum hierzulande vor dem größten Umbruch der Nachkriegszeit steht. Die Zentralratsvorsitzende Knobloch wird bekanntgeben, dass sie für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung steht. Wenn die 77-jährige Holocaust-Überlebende sich zurückzieht, wird deutlich: Die Generation der Zeitzeugen und Überlebenden der Schoah tritt ab. "Die Selbstdefinition des Jüdischen über die Massenvernichtung", sagt die Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, Cilly Kugelmann, "ist ans Ende gekommen." Kugelmann ist selbst das Kind von Überlebenden aus Polen, die nach dem Krieg in Deutschland hängen geblieben waren. Sie sagt so etwas nicht leichtfertig, weil es auch die Historisierung des Judentums der Generation ihrer Eltern bedeutet.

Die Antworten auf die neuen Fragen werden nicht mehr nur vom Zentralrat kommen, wer auch immer Knoblochs Nachfolger wird. Auch nicht von der Handvoll Publizisten, die heute noch die deutsch-jüdische Debatte bestimmen, oft einander in hingebungsvoller Abneigung verbunden: Henryk M. Broder und Michel Friedman, Maxim Biller, Rafael Seligmann oder Michael Wolffssohn.

 

Eine neue Generation meldet sich zu Wort. Zum Beispiel der Comedian Oliver Polak, dessen erstes Buch ein Riesenerfolg ist. Der Titel lässt ahnen, dass er Spaß am Vermessen der Grenzen des guten Geschmacks hat: Ich darf das, ich bin Jude. Auf dem Cover sieht man den Autor mit einem Schäferhund, der eine Wehrmachtsmütze auf dem Kopf und einen Davidstern um den Hals trägt. Der Zufall will es, dass Polaks erste Show in der gleichen Woche Premiere hat, in der sich Charlotte Knobloch zurückzieht. Der Titel des Varietéprogramms, das kommende Woche in Berlin uraufgeführt wird, setzt auf produktives Missverständnis: die Jud süß-sauer- Show. Es soll, verspricht Polak, "irgendwo zwischen Udo Jürgens, Iron Maiden und Siegfried und Roy auf Jüdisch" irrlichtern.

Oliver Polak ist der Sohn eines Schoah-Überlebenden, den es als einzigen Juden nach dem Krieg ins heimische Papenburg im Emsland zurückzog. Er hat eine Weile im Privatfernsehen moderiert und in schlechten Serien mitgespielt, bis er sein Thema fand: die wilde und manchmal rührend traurige Komik eines Lebens als dicklicher Junge mit Kraushaar, der eigentlich wie jeder andere in der deutschen Provinz aufwächst – wenn da nicht der Umstand wäre, dass er eben Polak heißt, Jude ist und sein Vater das "wandelnde schlechte Gewissen Papenburgs": "Und dann kam auch noch ich: ›Mahnmal – the next Generation‹ . Ob ich wollte oder nicht."

Einer wie Oliver Polak will, wie er sagt, kein "Klassensprecher" für junge Juden sein. Er will auch nicht, dass in seinem Namen permanent mahnend gefaxt und gemailt wird: "Wenn ich mal schlecht gelaunt oder deprimiert bin", ätzt er, "dann googel ich die aktuellen Pressemitteilungen des Zentralrats der Juden. Und dann geht es mir gleich besser, weil ich sehe, dass ich im Vergleich doch gar nicht so mies drauf bin."

Polak distanziert sich zwar vom Zentralrat, aber eben nicht vom Judentum. Im Gegenteil. Er sei sehr glücklich und geborgen aufgewachsen, insistiert er, trotz der Traumata seines Vaters und des gelegentlich auch im Emsland sein Haupt reckenden Antisemitismus. Für Polaks Kunst ist das jüdische Leben sein bestes Material – vom wärmend-erdrückenden Familiensinn der Mutter über die 613 Gebote der Thora ("Mir waren schon die 10 zu viel, auf die Moses den Herrn runterhandeln konnte") bis zu den Abenteuern einer orthodox-jüdischen Internatserziehung. Juden sind anders, und Oliver Polak spricht – beinahe – angstfrei davon. Aber sie sind eben keine Freaks. Polak kann sehr einleuchtend davon erzählen, wie er sich als einziger Jude in Papenburg mit dem Außerirdischen Alf aus der gleichnamigen Fernsehserie identifizierte. Viele nicht jüdische Jugendliche im Publikum, die auch auf Identitätssuche sind, können es ihm offenbar nachfühlen.

Die Juden erleben eine extreme Form des Prozesses, den das Land im Ganzen durchläuft, indem es zum Einwanderungsland wird: 90 Prozent der Mitglieder in den jüdischen Gemeinden sind Neueinwanderer und deren Kinder. Sie kamen in den letzten beiden Jahrzehnten aus der ehemaligen Sowjetunion . In Wahrheit sind viele von ihnen zwar ursprünglich Ukrainer, Weißrussen, Letten, Litauer, Kasachen oder Moldawier, doch bis heute spricht man verallgemeinernd von den "Russen".

Die viel beschworene "Renaissance des deutschen Judentums" beruht in Wahrheit auf dieser politisch gewollten Einwanderungswelle – von Kohl initiiert, von Schröder forciert. So ist die jüdische Community in Deutschland in die merkwürdige Lage gekommen, dass die Verhältnisse der Einwanderungsgesellschaft in ihren Gemeinden Kopf stehen: Eine kleine Minderheit soll die neue Mehrheit integrieren. Innerhalb von kaum zwei Dekaden sind aus 29089 (1990) registrierten jüdischen Gemeindemitgliedern 106435 (2008) geworden. Im Jahr 2002 wanderten sogar mehr postsowjetische Juden nach Deutschland ein als nach Israel. Die Jewish Agency drängte den deutschen Staat daraufhin erfolglos, die Bedingungen für die russischen Juden zu verschärfen, damit mehr von ihnen nach Israel kämen. Welche Ironie: der deutsche Staat – von jüdischer Seite aufgefordert, nicht so großzügig zu Juden zu sein.

Unterdessen gehen die Zahlen zwar zurück, vor allem weil der Auswanderungsdruck mit der Verbesserung der Verhältnisse in den postsowjetischen Ländern nachlässt. Doch die demografische Zusammensetzung der Juden in Deutschland ist unwiderruflich radikal verändert. Man schätzt, dass mit den Nichtorganisierten, die keiner Gemeinde beigetreten sind, heute etwa 200.000 Juden in Deutschland leben. Das ist immerhin ein Drittel der Population vor der Massenvernichtung, und Deutschland ist damit zur Heimstatt der drittgrößten ostjüdischen Diaspora nach Israel und den USA geworden.

Und dann ist da neben dem Generationswechsel und der Zuwanderung noch ein dritter Faktor, der den Blick auf das jüdische Thema verändert: Die Minderheit mit einer verwandten und doch fremden Religion, von der sich die Mehrheitsgesellschaft in ihrer Identität herausgefordert fühlt – das sind heute nicht die Juden, sondern die Muslime. Wie denn auch anders: Es gibt 20-mal mehr Muslime als Juden hierzulande, mit entsprechend viel gravierenderen Integrationsproblemen. Die Selbstdefinition der Gesellschaft fand einst im Medium von Debatten wie dem Historikerstreit, der Diskussion um Martin Walsers Friedenspreis-Rede oder um das Berliner Mahnmal statt. Heute aber dient die Integrationsdebatte um den Islam dem Bedürfnis zu definieren, wer "wir" sind und wen dieses "Wir" zu welchen Bedingungen einschließt.

 

Es ist die sichtbare Präsenz von Muslimen, an der die deutsche Öffentlichkeit die Identitätsfrage verhandelt. Während Synagogenneubauten heute der Stolz vieler Kommunen sind, entzündet sich an Moscheebauten immer wieder erbitterter Streit. Viele Juden sehen das durchaus mit gemischten Gefühlen. Sie fürchten zwar den muslimischen Antisemitismus, der auch in mancher Moschee zu Hause ist. "Aber wenn Minarette verboten werden sollen", sagt etwa die Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, "dann fühle ich mich betroffen."

Die quirlige Süsskind muss in Berlin eine Gemeinde von etwa 11.000 Mitgliedern zusammenhalten, in der Ultraorthodoxe, die Frauen keine Hand geben, ebenso vertreten sind wie eine weibliche Rabbinerin, die nach amerikanischem reformiertem Ritus Gottesdienst abhält, den Orthodoxen verpönte Orgelmusik inklusive. Nicht zu vergessen die zahlreichen "jüdischen Atheisten", zu denen viele "Russen" rechnen.

Lala Süsskind weiß also aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, religiösem Pluralismus einen politischen Rahmen zu geben. Sie fürchtet, dass die Debatte um den Islam im Zeichen von Burka, Minarett und Kopftuch zur Abwehrschlacht der verunsicherten Mehrheit gegen eine multireligiöse Gesellschaft gerät. Eine paradoxe Entwicklung: Die jüdische Minderheit ist gewachsen, doch das öffentliche Interesse an ihr ist relativ gesunken. Das muss nichts Schlechtes sein. Es macht eine neue Gelassenheit möglich, oder, um das Tabuwort in deutsch-jüdischen Dingen zu benutzen: eine Annäherung an Normalität.

Vielleicht hat aber gerade diese Normalisierung die offiziellen Vertreter des Judentums in eine Art Panik versetzt. Durch immer schrillere Interventionen haben sie zuletzt den verspürten Bedeutungsverlust zu kompensieren versucht. Im letzten Jahr blieb Charlotte Knobloch den Feierlichkeiten des Bundestages zum Holocaust-Gedenken fern – einzig und allein, weil sie vom Bundestagspräsidenten Lammert nicht gesondert begrüßt werden sollte. Generalsekretär Stephan Kramer forderte Harald Schmidt im September zu einer öffentlichen Entschuldigung auf – für einen Witz über die Agentur für Arbeit ("Wachstum schafft Arbeit"), in dem er eine Relativierung von Auschwitz ("Arbeit macht frei") entdeckt haben wollte. In der jahrelangen Mahnroutine hatte sich der Zentralrat als moralische Instanz offenbar abgenutzt.

Unter den russischen Juden in den Gemeinden trifft das Agieren der höchsten Vertreter seit Jahren auf Unverständnis. Das hat nicht nur damit zu tun, dass diese Gruppe im Zentralrat nicht repräsentiert ist. Sie sind durch andere Erfahrungen geprägt und haben, was den Zweiten Weltkrieg angeht, ein vollkommen anderes Geschichtsgefühl mitgebracht. Nicht wenige der alten Herren in den Gemeinden waren Rotarmisten und also Sieger des "großen vaterländischen Krieges". Trotzdem haben sie im Sowjetreich und danach Antisemitismus erfahren. In ihrem russischen Pass stand unter Punkt fünf: "Volkszugehörigkeit Jude".

Lena Gorelik erzählt in ihren gewitzten Romanen den Weg der jungen Anja, die aus einer solchen Familie stammt – wie die Autorin selbst. Es ist der fünfte Punkt im Pass, der das jüdische Bewusstsein dieser Einwanderer geprägt hat: "An den Universitäten in Russland gibt es Klauseln, wie viele Juden aufgenommen werden müssen. Viele Russen schimpfen, es seien immer noch zu viele. Später, in Deutschland, werden mich meine Eltern fragen, was denn hinter dieser Walser-Debatte steckt, worüber man sich eigentlich so aufregt. Antisemitismus ist, wenn er vom Staat kommt."

Vom Staat kam in Deutschland aber Sozialhilfe, kostenfreier Deutschunterricht und freies Wohnen, wenn auch erst mal im Asylbewerberheim. In den jüdischen Gemeinden wiederum trafen viele der Neuen auf eine ablehnende Haltung. Können sie keine jüdische Mutter, sondern nur einen jüdischen Vater nachweisen und gelten also nach dem religiösen Gesetz der Halacha nicht als Juden, werden sie vielerorts zurückgewiesen. In Russland als Jude abgestempelt, in Deutschland von anderen Juden nicht anerkannt – wie bitter. Lena Goreliks Kurzgeschichte über diese Erfahrung trägt den Titel: "Herr Grinblum, sie sind kein Jude!"

Aber auch diejenigen, deren Stammbaum der Halacha genügt, finden sich oft genug als "unechte Juden" bezeichnet, weil sie zu wenig religiöse Bildung vorweisen können. Das bringt Sergey Lagodinsky regelmäßig auf die Palme. Der Jurist wurde 1975 in der Sowjetunion geboren und kam 1993 nach Deutschland. Er ist seit Kurzem im Präsidium der Berliner Gemeinde und hat sich als Publizist zu einer Stimme der "jungen Russen" entwickelt. Er wurde nicht nur areligiös, sondern antireligiös erzogen. Doch man war stolz auf die "ethnisch-kulturelle" jüdische Identität, gerade weil sie so stigmatisiert war. Und nun soll einem ausgerechnet in Deutschland diese Identität von anderen Juden bestritten werden, weil "nur ein religiöser Jude ein guter Jude" sei?

 

Lagodinsky kommt richtig in Fahrt, wenn er über diese "krude Dekonstruktion des jüdischen Selbst" spricht. Er ist eloquent, beherrscht Russisch, Deutsch und auch Englisch perfekt, seit er ein Stipendium an der Kennedy School in Harvard absolviert hat. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Sergey Lagodinsky nicht irgendwann eine prominentere Rolle als Sprecher der "Russen" im Zentralrat zufiele. Aber vielleicht ist ihm die jüdische Szene auch bald zu eng. Er hat eine Gruppe in der SPD gegründet, die vielleicht eine andere öffentliche Karriere ermöglichen wird: den "Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten".

Rabbiner Yehuda Teichtal von der ultraorthodoxen Gruppe Chabad Lubawitsch wird sehr ungeduldig, wenn ihn Rabbinerkollegen immer noch fragen, ob es denn in Ordnung sei, dass Juden in Deutschland leben. Er ist im orthodoxen Viertel von Brooklyn aufgewachsen, lebt seit 10 Jahren in Berlin und hat vor zwei Jahren in Berlin Wilmersdorf ein großes Bildungszentrum mit Synagoge, Internat und Restaurant in Betrieb genommen: "Wir können nicht so tun, als wäre da noch etwas zu entscheiden. Die Juden sind hier. Punkt. Wir wollen ein schönes, entspanntes, offenes jüdisches Leben aufbauen." Entspannt – man stutzt, wenn ausgerechnet ein Ultrakonservativer wie Teichtal so etwas sagt.

Mit seinem breitkrempigen Hut und dem Rauschebart sieht er im Unterschied zu den meisten progressiven Rabbinern bilderbuchartig jüdisch aus. Teichtal nutzt seine Marktlücke geschickt: "Mein Motto ist das gleiche wie vom Hard Rock Café: Love all, serve all." Seine Gemeinde floriert, genau wie die Liberalen am anderen Ende des Spektrums. Seine freundliche Ultraorthodoxie, in der es keine Ungewissheiten und offenen Fragen gibt, ist attraktiv für die neuen deutschen Juden, die wenig über die Tradition wissen. Yehuda Teichtal ist der Enkel eines ungarischen Rabbiners, der nach Auschwitz verschleppt wurde und auf einem Transport zu Tode kam. Trotz dieses Erbes lehnt er es ab, dass Juden in Deutschland auf ewig "gemischte Gefühle" haben sollten: "Meine Antwort ist: Lasst uns die Schönheit der jüdischen Tradition wieder hier verwurzeln."

Ach, die Schönheit der Tradition – wenn das so einfach wäre! Lena Gorelik muss sich dieser Tage entscheiden, ob sie ihren Sohn beschneiden lassen soll. Rabbi Teichtal wäre für Lena keine große Hilfe, weil er ihre Zweifel nicht verstünde. Und Oliver Polaks wüste Witze zum Thema findet sie auch nicht sehr passend: "Warum sind jüdische Männer beschnitten?", heißt es in einem seiner Brüller. Antwort: "Weil eine jüdische Frau nichts anfasst, was nicht um mindestens 20 Prozent reduziert ist."

Doch der fröhliche Fundamentalismus des Chabadniks, die neue Coolness jüdischer Comedy und die spirituelle Suchbewegung der Religionsfernen gehören zusammen zu dem sich allmählich herausschälenden neuen Judentum in Deutschland.

Für Lena Gorelik, deren Sohn am vergangenen Wochenende geboren wurde, gaben am Ende die Debatten mit ihren christlichen Freunden, die trotz Kirchenferne ihre Kinder taufen lassen wollten, den Ausschlag. Der Junge wird beschnitten. Die Geschichte geht weiter.