Juden in Deutschland Leben statt mahnenSeite 4/4

Lagodinsky kommt richtig in Fahrt, wenn er über diese »krude Dekonstruktion des jüdischen Selbst« spricht. Er ist eloquent, beherrscht Russisch, Deutsch und auch Englisch perfekt, seit er ein Stipendium an der Kennedy School in Harvard absolviert hat. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Sergey Lagodinsky nicht irgendwann eine prominentere Rolle als Sprecher der »Russen« im Zentralrat zufiele. Aber vielleicht ist ihm die jüdische Szene auch bald zu eng. Er hat eine Gruppe in der SPD gegründet, die vielleicht eine andere öffentliche Karriere ermöglichen wird: den »Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten«.

Rabbiner Yehuda Teichtal von der ultraorthodoxen Gruppe Chabad Lubawitsch wird sehr ungeduldig, wenn ihn Rabbinerkollegen immer noch fragen, ob es denn in Ordnung sei, dass Juden in Deutschland leben. Er ist im orthodoxen Viertel von Brooklyn aufgewachsen, lebt seit 10 Jahren in Berlin und hat vor zwei Jahren in Berlin Wilmersdorf ein großes Bildungszentrum mit Synagoge, Internat und Restaurant in Betrieb genommen: »Wir können nicht so tun, als wäre da noch etwas zu entscheiden. Die Juden sind hier. Punkt. Wir wollen ein schönes, entspanntes, offenes jüdisches Leben aufbauen.« Entspannt – man stutzt, wenn ausgerechnet ein Ultrakonservativer wie Teichtal so etwas sagt.

Mit seinem breitkrempigen Hut und dem Rauschebart sieht er im Unterschied zu den meisten progressiven Rabbinern bilderbuchartig jüdisch aus. Teichtal nutzt seine Marktlücke geschickt: »Mein Motto ist das gleiche wie vom Hard Rock Café: Love all, serve all.« Seine Gemeinde floriert, genau wie die Liberalen am anderen Ende des Spektrums. Seine freundliche Ultraorthodoxie, in der es keine Ungewissheiten und offenen Fragen gibt, ist attraktiv für die neuen deutschen Juden, die wenig über die Tradition wissen. Yehuda Teichtal ist der Enkel eines ungarischen Rabbiners, der nach Auschwitz verschleppt wurde und auf einem Transport zu Tode kam. Trotz dieses Erbes lehnt er es ab, dass Juden in Deutschland auf ewig »gemischte Gefühle« haben sollten: »Meine Antwort ist: Lasst uns die Schönheit der jüdischen Tradition wieder hier verwurzeln.«

Ach, die Schönheit der Tradition – wenn das so einfach wäre! Lena Gorelik muss sich dieser Tage entscheiden, ob sie ihren Sohn beschneiden lassen soll. Rabbi Teichtal wäre für Lena keine große Hilfe, weil er ihre Zweifel nicht verstünde. Und Oliver Polaks wüste Witze zum Thema findet sie auch nicht sehr passend: »Warum sind jüdische Männer beschnitten?«, heißt es in einem seiner Brüller. Antwort: »Weil eine jüdische Frau nichts anfasst, was nicht um mindestens 20 Prozent reduziert ist.«

Doch der fröhliche Fundamentalismus des Chabadniks, die neue Coolness jüdischer Comedy und die spirituelle Suchbewegung der Religionsfernen gehören zusammen zu dem sich allmählich herausschälenden neuen Judentum in Deutschland.

Für Lena Gorelik, deren Sohn am vergangenen Wochenende geboren wurde, gaben am Ende die Debatten mit ihren christlichen Freunden, die trotz Kirchenferne ihre Kinder taufen lassen wollten, den Ausschlag. Der Junge wird beschnitten. Die Geschichte geht weiter.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein sehr gelungener Beitrag, Herr Lau. Besonders gefiel mir, dass der selbstironische jüdische Humor, "die schönste Waffe einer Minderheit" (Paul Spiegel), den roten Faden bildet.

  2. ich bin auf die Pressemitteilung vom Zentralrat der Juden zu diesem Artikel gespannt ;)

  3. Die Berliner Gemeinde hat nicht 111.000 Mitglieder, wie im Beitrag angegeben, sondern 11.000 Mitglieder.

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    Redaktion

    vielen Dank, der Fehler wurde korrigiert.

    Redaktion

    vielen Dank, der Fehler wurde korrigiert.

  4. Die Information, dass Frau Knobloch am kommenden Sonntag bekanntgeben wird, dass sie für eine zweite Amtszeit nicht zur Verfügung steht, ist wohl nur ein Gerücht. In einem aktuellen Gastbeitrag in der sz vom 06.02.2010 schließt sie mit den Worten:

    "Für diese Ziele stehe ich, dafür möchte ich meine Energie in den nächsten Jahren verwenden. Auch während meiner Amtszeit an der Spitze des Zentralrats."

    http://www.sueddeutsche.d...

    Der ganze Beitrag klingt nicht danach, dass Knobloch nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung steht. Ob sie gewählt wird, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

  5. die Juden in Deutschland haben - außer Frau Knobloch - begriffen, dass die nächste Gefahr für sie nicht von Neonazis ausgeht, sondern von einigen noch viel älteren Feinden. Was die Zukunft betrifft, zeigt Frankreich bereits durch einige Vorfälle in der jüngeren Vergangenheit, wie die abscheuliche Folterung eines jungen Juden, in welche Richtung die Reise auch in Deutschland geht.
    Auch an Berliner Schulen, an die Herr Wowereit seine Kinder nie schicken würde, soll es schon lange zu tätlichen Übergriffen gekommen sein. Über die Anfänge sind auch wir schon heraus.

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    "... soll es schon lange zu tätlichen Übergriffen gekommen sein. Über die Anfänge sind auch wir schon heraus."

    War ja klar, dass der erste 'Die Moslems sind unser Unglück'-Trittbrettfahrer nicht lange würde auf sich warten lassen.

    "... soll es schon lange zu tätlichen Übergriffen gekommen sein. Über die Anfänge sind auch wir schon heraus."

    War ja klar, dass der erste 'Die Moslems sind unser Unglück'-Trittbrettfahrer nicht lange würde auf sich warten lassen.

  6. Redaktion

    vielen Dank, der Fehler wurde korrigiert.

  7. 7. Klar

    "... soll es schon lange zu tätlichen Übergriffen gekommen sein. Über die Anfänge sind auch wir schon heraus."

    War ja klar, dass der erste 'Die Moslems sind unser Unglück'-Trittbrettfahrer nicht lange würde auf sich warten lassen.

    Antwort auf "Ich glaube"
  8. Ich bin Deutscher christlicher Herkunft (Jahrgang 1959) und tue mich schwer mit dem Judentum ...

    Ich bewundere dieses Volk für seine Intelligenz und das allgemeine Bildungsniveau, das die Juden schon seit so vielen Jahrhunderten sich erarbeitet haben und mit so viel Einsatz pflegen & erhalten ...

    Aber als Christ werden mir wohl diese interessanten Menschen (leider) immer relativ fern bleiben (wollen?). Allerdings erfreut mich die in diesem Artikel zum Ausdruck gebrachte Entwicklung jüdischer Gemeinden. Sie wird helfen das Zusammenleben in Deutschland positiver zu gestalten. Meinen ganz persönlichen Dank an den Autor dieses sehr gelungenen Artikels!

    Vielleich noch eine Frage ... nein, besser Anmerkung:

    Ich denke das die meisten Mitbürger jüdischen Glaubens gar nicht erahnen (können) welch heftige Identitätskrisen in deutschen Elternhäusern (wie auch in meinem ...) u.a. in den 1970zigern tobten. Obwohl mein Vater schon mit 17 Jahren (in Siebenbürgen) Wehrmachtssoldat wurde und nur 2 Jahre später im zarten Alter von 19 Jahren für 11 Jahre nach Sibirien in die Krieggefangenschaft verbracht wurde war mir nicht wirklich möglich mit ihm die Verbrechen der Nationalsozialisten zu diskutieren ... das hat micht sehr von ihm entfernt ...

    Die Gnade der späten Geburt hilft auch nicht, wenn ich zu Gast in der Familie meiner französischen Frau bin. Es gibt einfach tiefgreifende Vorbehalte .. die ich ja durchaus nachvollziehen kann .. aber ich würde mir schon mehr Normalität wünschen.

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