Nordkorea/Birma Die Unterwelt der Generäle
Christian Schmidt-Häuer berichtet über die Verbindungen zwischen Myanmar und Nordkorea
© Eric Wishart/AFP/Getty Images

Eingang zu einem Tunnel unter der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Ähnliche unterirdische Bauwerke errichten Nordkoreaner in Myanmar
Kein Laut am Ende des Tunnels. Die Kanarienvögel in ihrem Käfig vor dem Drahtverhau langweilten sich sang- und klanglos. »Das ist gut so. Sie sind unser Frühwarnsystem«, sagte mir der südkoreanische Begleiter, der mich vor ein paar Jahren durch den Stollen führte. Würden sie unruhig flattern und flöten, könnte es bedeuten, dass Gas einströmt. Aus dem nordkoreanischen Teil der Röhre in die südliche Hälfte des Tunnels, rund fünfzig Kilometer von Seoul entfernt. Mit mindestens zwanzig solcher Infiltrationstunnel hatten die Steinzeit-Kommunisten aus dem Norden früher die demilitarisierte Zone auf beiden Seiten der Grenze untergraben. Die Südkoreaner führen noch immer Polit-Touristen in den Stollen. Und malen ihnen dazu aus, wie sich das Regime im Norden eine ganze Unterwelt, von Raketenanlagen bis zu Fluchtwegen, gegraben hat.
Inzwischen ist Pjöngjang darauf gekommen, sein unterirdisches Fachwissen auch auf ausländischen Märkten zu nutzen. Was bisher fehlte, war ein klarer Beleg dafür, dass Nordkorea Tunnelsysteme exportiert. Jetzt liegt er vor. Die Generaljunta von Myanmar – dem früheren Birma – hat melden lassen, dass ein Sondertribunal zwei ehemalige Angehörige von Militär und Regierung wegen der Weitergabe geheimer Informationen zum Tode verurteilt habe. Damit bekräftigt das Regime die Echtheit brisanter Berichte und Fotos, die 2009 in birmesischen Exil-Gemeinden aufgetaucht waren. Sie zeigen Myanmars Generalstabschef in nordkoreanischen Raketenfabriken und bei der Unterzeichnung eines Militärabkommens. Darin werden, so der Bericht aus der geheimen Quelle, auch gemeinsame Anstrengungen im Tunnelbau festgeschrieben. Weitere Unterlagen und Bilder verweisen auf ein bereits existierendes, ausgedehntes Tunnelsystem. Die von Nordkoreas Experten entworfenen Untergrundkomplexe sind rund um den neu erbauten Regierungssitz Naypyidaw im gebirgigen Landesinnern angelegt worden, der 2005 die alte Hauptstadt Rangun abgelöst hatte. Auch andere strategisch wichtige Orte wurden für Waffenarsenale und Fluchtwege bombensicher unterbunkert.
Die Beziehungen zwischen Nordkorea und Birma waren nicht immer so erdverbunden. 1983 hatten Pjöngjangs Agenten in Rangun eine Bombe gezündet, die 18 offizielle Besucher aus Südkorea, darunter vier Minister, tötete. Birmas Regierung ließ einen nordkoreanischen Major hängen und warf alle Diplomaten hinaus.
Im April 2007 nahmen die zwei Armenhäuser wieder diplomatische Beziehungen auf. Für die isolierten Regime hat die militärische Zusammenarbeit Vorrang. Im Gegensatz zu China, dem Hauptpartner Myanmars, ist Nordkorea bereit zu Tauschgeschäften. Mit ihnen lässt sich allerdings kein unterirdisches Atomprogramm bestreiten. Was Pjöngjang seit 1960 (und zunächst mit sowjetischer Hilfe) entwickelt hat, könnte Myanmars Junta – auch wenn sie davon träumen mag – erst in Jahrzehnten gelingen.
So hat vor allem die Bunkermentalität der beiden paranoiden Führungen zu ihrer tiefschürfenden Solidarität geführt. Doch wen konkret fürchten Myanmars Generäle, die in diesem Jahr für eine neue Verfassung und Pseudowahlen ihre Camouflage-Uniformen gegen Nadelstreifenanzügen tauschen? Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi halten sie in Hausarrest. Die buddhistischen Mönche und Nonnen, die im Herbst 2007 auf die Straßen gingen, haben sie blutig in die Klöster zurückgejagt.
Bleiben als stärkste Gegner die ethnischen Minderheiten an den Rändern des von Indien, China, Laos und Thailand umgebenen Landes. Deren Rebellentruppen lassen sich nicht kampflos in den einheitlichen Nationalstaat »Myanmar« pressen, mit dem die Generäle die multiethnische Staatskonzeption des alten Birma untergraben haben. Und unter dessen Flagge sie die Naturschätze des Landes für den eigenen Bedarf ausbeuten und ihren goldenen Käfig mit Tunneln sichern.
- Datum 08.02.2010 - 11:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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