Am Anfang steht der revolutionäre Impuls. Fast alle religiösen Bewegungen haben ihren Ursprung in einem Aufbegehren gegen erstarrte Glaubensdoktrinen. Nach einiger Zeit allerdings, wenn aus der neuen Lehre selbst eine gefestigte religiöse Tradition geworden ist, neigt diese – wie jede in die Jahre gekommene Revolution – verstärkt zur Beharrung, zum Widerstand gegen Veränderungen und damit letztlich zur Verkrustung.

So gesehen, müssten die Theologen dem Wissenschaftsrat für seine Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften eigentlich dankbar sein – sollen diese doch der drohenden Verkrustung der Theologie entgegenarbeiten. Denn die Strukturen an den hiesigen Universitäten, so kritisiert der Wissenschaftsrat, sind »nach wie vor an den Wissenschaftslogiken des 19. Jahrhunderts orientiert und haben noch nicht im ausreichenden Maße auf die Herausforderungen einer religiös pluralisierten Welt reagiert«.

Das Erstarken des Islams in Deutschland, die »Rückkehr der Religionen«, die Herausbildung neuer Religionsgemeinschaften – all diese Entwicklungen spiegeln sich an den Hochschulen kaum wider. Schon länger müssen sich die theologischen Fakultäten den Vorwurf der Gegenwartsferne gefallen lassen. Nun stellt auch der Wissenschaftsrat fest: »Mancherorts entwickeln die Fakultäten oder Institute erkennbar einseitig auf Traditions- und Statussicherung zielende Bestrebungen.« Mit anderen Worten: Die Theologie, die sich gerne als ureigenste Lebenswissenschaft begreift, igelt sich ein. Deshalb macht das höchste Beratungsgremium der Wissenschaftspolitik ernst und fordert:

  • mehr Profil von der christlichen Theologie, die sich stärker an interdisziplinären Forschungsprojekten beteiligen solle.
  • einen eigenständigen Ausbau der Judaistik sowie der Religionswissenschaft
  • und an »zwei bis drei Standorten« größere Zentren für islamische Studien, die sowohl Religionslehrer als auch islamische Religionsgelehrte ausbilden.

Natürlich birgt jede einzelne dieser Empfehlungen erheblichen Zündstoff. Wie etwa werden künftig die muslimischen »Beiräte« besetzt, die bei der Berufung der neuen Islamprofessoren ein ähnliches Mitbestimmungsrecht haben sollen wie die christlichen Kirchen bei »ihren« Theologen? Werden die christlichen Theologen sich der interdisziplinären Zusammenarbeit stellen oder verstärkt in private kirchliche Hochschulen abwandern? Und wie reagiert insbesondere der Vatikan auf »die dringende Bitte« des Wissenschaftsrats an die Kirchen, sich »aus der Beteiligung an den Habilitationsverfahren zurückzuziehen« und die Beteiligung in Berufungsverfahren »verlässlicher und transparenter zu gestalten«?

Keine Frage, den theologischen Fakultäten stehen bewegte Zeiten bevor. Doch in ihrem eigenen Interesse ist es allemal besser, den Schwung der Revolution zu nutzen, als friedlich der Bedeutungslosigkeit entgegenzudämmern.