Kunstmarkt Stunde null

Das Ende der Malerei war ein Anfang: Die Zero-Kunst aus der Sammlung Lenz Schönberg bei Sotheby’s

Wenn man die beiden Abbildungen links anschaut, dann kann man ihre ungeheuerliche Wirkung kaum mit Worten beschreiben. Denn eigentlich sind dies keine Bilder mehr, sondern ermordete Leinwände. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust stellte eine traumatisierte und hochsensible Künstlergeneration die Möglichkeit der Wirklichkeitserfassung in der traditionellen Zweidimensionalität des Tafelbildes grundsätzlich infrage – moralisch und ästhetisch. Den radikalsten Schnitt mit der abendländischen Malereigeschichte vollzog dabei Lucio Fontana, der den Malgrund wieder kaltblütig aufschlitzte – dass aus diesem brutalen Zugriff dann Werke entstanden, die fast skulpturale Eigenschaften besitzen und den Weg in die Dreidimensionalität aufreißen. Das 60 mal 50 Zentimeter große Concetto Spaziale von Fontana aus dem Jahre 1967 wird jetzt von Sotheby’s in London am 10. Februar versteigert. Aus der gleichen Sammlung Lenz Schönberg stammt auch die unten gezeigte Arbeit von Günther Uecker: Wie bei Fontana entsteht bei ihm aus der brutalen Traktierung des Leinwandgrundes eine paradoxe neue Form von feierlicher Schönheit. Dem Nagelmeer, das er im Jahre 1964 in die weiß grundierte 150 mal 150 Zentimeter große Fläche trieb, gab Uecker dann auch den berauschten Titel Haar der Nymphen.

Die Auktion in London kann zu einem Markstein für die Bewertung vor allem der deutschen Kunst der sechziger und siebziger Jahre werden. Sotheby’s nennt die Sammlung des Unternehmerehepaares Lenz die »größte und umfangreichste Zero-Sammlung von musealer Qualität, die je zusammengestellt wurde«. Die Durchsicht des Kataloges bestätigt diesen Superlativ. Die 49 Werke aus der Sammlung Lenz Schönberg europäischer Nachkriegskunst, die jetzt in einer ersten Tranche versteigert werden, geben einen mustergültigen Einblick in diese radikale Kunstepoche. Im Gefolge der Heroen Fontana und Uecker, die sich in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt etabliert haben, tritt ein ganzes Dutzend von hochkarätigen Künstlern erstmals mit Aplomb in den internationalen Auktionsmarkt: Die sehr vorsichtigen Schätzpreise für Künstler wie Otto Piene, Adolf Luther, Raimund Girke und Roman Opalka, um nur ein paar Namen herauszugreifen, demonstrieren die bisherige Unklarheit über die angemessene Preisgestaltung. Doch es scheint, als sei jetzt, fünfzig Jahre nach der Entstehung von Zero, der Punkt für eine Neubewertung gekommen. 

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Die Leinwand morden: Lucio Fontana (oben) und Günther Uecker traktierten die Fläche mit Messer und Nägeln – und schufen Schönheit

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 10.02.2010 um 15:27 Uhr

    Wer Alfred Hitchcocks Film Psycho mag, der wird Fontanas aufgeschlitzte Leinwände auch mögen. Und sich vielleich sogar ausmalen, dass aus der Leinwand rote Farbe tropft...

    Wer sich sein Gartenhäuschen oder seinen Wintergarten selbst gezimmert hat, der wird die skulpturellen Reliefs von Günther Uecker ebenfalls mögen...

    Und der Rest? Desinteresse? Nein! Keineswegs!

    Bei uns im Bürogebäude hängt ein vielbewundertes zweiteiliges Nagel-Relief (150x300cm) von Günther Uecker aus dem Jahre 1986: "Tag und Nacht".

    Über seine Arbeiten hat Uecker selbst folgendes gesagt:

    "Ich schlage einen Nagel in die Wand, welcher mir hinterrücks entgegenkommt. Ein Gedanke, den ich räumlich sichtbar machen kann, ist hier der Gegenstand. Wo die Richtung einer Tat die Tat bestimmt. Wo der Finger in einen neuen Raum weist. Wo ein Raum sich in den anderen stülpt. Wo das Licht in mich hineinfällt, wo ich sehe. Wo mir die Realitivität des Sichtbaren bewusst wird. Hier vollziehe ich den Gedanken des Antiraumes als prozesshafte Erscheinung eines Augenblicks."

    Besser und präziser ist seine Kunst gar nicht zu beschreiben, zumal, wenn man bedenkt, dass sich fast alle Maler und Bildhauer sehr schwer damit tun, ihr eigenenes Wirken erläutern zu müssen.

    Zur ZERO-Künstlergruppe, 1958 gegründet, gehörten als Gründungsmitglieder Otto Piene und Heinz Mack. 1961 kam Günther Uecker dazu. Die Künstler suchten einen Neuanfang, eine "Stunde Null" - ZERO.

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