Geschichtstheorie Kalkulierte Unschärfe
Ein Chor aus Solisten: Siegfried Kracauers Fragment über Geschichtsdenken versöhnt Philosophen und Historiker

Der Journalist, Soziologe und Filmwissenschaftler Siegfried Kracauer
In der Gewissheit, dass eine bestimmte Methode zur Wahrheit führe, liege die Ursache für das Totalitäre. Die gefährlichste Hybris aber bestehe darin, dieser einen Methode den Geschichtsverlauf interpretatorisch zu unterwerfen und aus der so gewonnenen Ideologie eine Rezeptur für politisches Verhalten zu entwerfen: Diese suggestive These ist oft als Schlüssel für das Verständnis einer sich selbst infrage stellenden Moderne benutzt worden. Sehr unterschiedliche Denker wie Adorno und Horkheimer, Karl Popper oder Leszek Kołakowski haben Variationen davon vertreten. Dass diese in ihrer Kritik an philosophischen Überhöhungen der Realgeschichte ihrerseits negative Teleologien ausbildeten, war der entscheidende Grund für die Wiederholung eines Schismas, das sich schon einmal folgenschwer ereignet hatte. Fichte, Hegel und Schelling auf der einen, Droysen, Ranke und auch Burckhardt auf der anderen Seite sorgten im 19. Jahrhundert für tiefe Gräben zwischen Philosophen und Historikern. Nach dem Holocaust lässt sich eine ähnliche Lagerbildung beobachten, auch wenn das Ereignis selbst meist nur indirekt eine Rolle spielte: Geschichtsphilosophie und Geschichtstheorie gelten seitdem als verfeindete Geschwister. Denn was dem einen die »Systematik«, sind dem anderen die »Quellen«; ein gemeinsames Drittes scheint es nicht zu geben. Und die Kompromissvorschläge, die unter dem Stichwort »Historismus« angeboten wurden, gingen im Mahlstrom des 20. Jahrhunderts unter.
Angesichts dieser tief verwurzelten ideengeschichtlichen Konfliktkonstellation mag man es kaum glauben, dass Siegfried Kracauer, der Theoretiker des Films, Freund von Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und vielen anderen Intellektuellen während der Weimarer Republik und im Exil, sich nach eigener Aussage erst spät mit Grundfragen der Geschichte beschäftigt haben soll. Denn er hatte als Feuilletonredakteur der Frankfurter Zeitung in den zwanziger Jahren die soziologischen und philosophischen Debatten präzise kommentiert und dabei stets deren Bezug auf die politischen und sozialen Begebenheiten hervorgehoben. War also die Selbsteinschätzung nur ein augenzwinkerndes Understatement? Kracauer sah in den fünfziger Jahren, dass die Entzweiung von Geschichtsphilosophie und Geschichtstheorie zu einer weitgehenden Erstarrung der Positionen geführt hatte. Als flexibler, über Fachgrenzen hinausgreifender Denker konnte ihn diese Beobachtung nicht unberührt lassen.
Liest man vor diesem Hintergrund Kracauers Fragment gebliebene Schrift Vor den letzten Dingen, so wird man deren Bedeutung, die der Autor ihr selbst zumaß, kaum leugnen können. Denn die 1959 im Alter von 70 Jahren begonnene, bei Kracauers Tod im November 1966 nicht abgeschlossene Untersuchung ist ein bis heute aktuelles Angebot in Sachen »Theorie der Geschichte«. Zudem lässt sich das Buch als konsequente Fortsetzung früherer Arbeiten zu Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit (1937) und zur Studie Von Caligari zu Hitler (1947) begreifen.
Das liegt auch an einer mutigen Vorentscheidung, die mitverantwortlich für die ausbleibende Resonanz auf seine Reflexionen sein dürfte: Großbegriffe und grobflächige Allgemeinheiten werden rundherum abgelehnt. Verabschiedet werden all jene Methoden, die sich einzig der Systematisierung des vorgefundenen Materials widmen und dazu Jahrhunderte aus der Vogelperspektive auf den einen, vermeintlich entscheidenden Punkt zusammenschnurren lassen. Aber auch die Kategorie des »Fortschritts« findet keine Gnade: Man könne ihn weder in der Weltgeschichte noch innerhalb der Geschichtswissenschaften selbst finden. Kracauer ist schlicht davon überzeugt, dass es seit Thukydides nichts Neues gebe. Nicht minder scharf werden die Sirenenklänge von Max Webers »Idealtypen« und die auf die »Gegenwart« fixierte Theorie Benedetto Croces des Feldes verwiesen.
Gleichfalls verdächtig sind ihm die geschichtsphilosophischen Moden seiner Zeit. So sehr Kracauer deren generelle Vorbehalte gegen universalgeschichtliche Mythenschauen teilt, so wenig kann er den Fluchtversuchen Karl Löwiths in die Kosmologie oder Adornos in die Dialektik folgen, von Heideggers »Geschichtlichkeit« ganz zu schweigen.
Grundsätzlich sieht er Philosophen und Historiker aufeinander angewiesen, denn der Gegenstandsbereich »Geschichte« kenne keine privilegierten Zugänge. Die Konsequenz daraus ist radikal: Kracauer vermisst das Feld der Geschichte neu. Die Zeit- und Raumanalysen von Baudelaire und Proust ermöglichten erst, die »Reisen« des Historikers in die Vergangenheit als solche zu begreifen. In den Schriften des jungen Philosophen Hans Blumenberg, mit dem er korrespondiert, sieht er eine neue Chance der »Morphologie« von Ideen nachzugehen, die jenseits des Schemas von Kontinuität und Bruch liegt. Nicht minder bedeutsam sind die Versuche, Makro- und Mikrogeschichte miteinander in Beziehung zu setzen. Hierzu bedarf es keines starren Kategoriensystems, vielmehr des Mutes, »Zufall und Freiheit« als historische und anthropologische Konstanten anzuerkennen.
In der Folge dieser Entscheidung, der Pluralität der Geschichte einen gut ausgewählten Chor aus lauter Solisten gegenüberzustellen, werden nicht nur die klassischen Fragen nach der Relativität von Geschichte und dem Standort des Historikers neu verhandelt, sondern es wird auch eine erkenntnistheoretische Neuerung eingeführt, die weitreichende Folgen hat. Kracauer plädiert nämlich für eine reflektierte Unschärfe, um Geschichte denken und schreiben zu können. Sie wird damit in einem »Vorraum« lokalisiert und somit philosophischen und theologischen Generalisierungen und Indienstnahmen entzogen. Diese Unschärfe setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: »Genauigkeit im Approximativen«, so Kracauer, »kann statistische Einzelheiten an Präzision übertreffen.«
- Datum 08.02.2010 - 15:04 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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