Geschichtstheorie Kalkulierte UnschärfeSeite 2/2

Was damit gemeint ist, erschließt sich erst, wenn man die Idee der »Annäherung« mit der der »Mehrdeutigkeit« verschränkt. Danach wird aus der Geschichte ein Prozess, innerhalb dessen sich lediglich Vorläufigkeiten erkennen lassen und der selbst nur Vorläufiges hervorbringt. Diesem Prozess kann man sich auf einer Makro- und einer Mikroebene annähern, ja man muss es sogar, will man im unendlichen Meer der Fakten Unterscheidungen treffen können. Allerdings muss man dies unter der Voraussetzung tun, dass sich kein Ereignis, weder durch Kontextualisierung noch durch methodische Sonderung, vollständig erkennen lässt.

Es wäre fatal, so Kracauer weiter, diese Beschränkung auf die eingestandene Unschärfe selbst noch einmal definitorisch eingrenzen zu wollen. Damit würde seine zentrale Einsicht, dass der Komplexität der Lebenswelt jene der Geschichte entspreche, zunichte gemacht. Das Gewebe, das beide Sphären miteinander verbindet, kann nur behauptet, nicht aber dargestellt werden. Dieses Gewebe sei letztlich »eine terra incognita in den Hohlräumen zwischen den Gebieten, die wir kennen«. Mit diesem Satz endet Kracau ers Buch, das in einer umfassenden, keine Wünsche offenlassenden Neuedition von Ingrid Belke jetzt erneut zur Diskussion steht. Sie hat in einer gewaltigen Anstrengung die offensichtlichen und geheimen Quellen dieses Torsos zusammengetragen und präsentiert sie mit ihrem Kommentar gleichsam als eine zweite Monografie innerhalb dieser Ausgabe. So darf man nunmehr gespannt sein, was die neue Historikergeneration Kracauer, dem Anwalt der Unschärfe, antworten wird.

 
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