Catherine Millet Ich habe mich geschämt

Catherine Millet, die französische Kämpferin für die weibliche Promiskuität, entdeckt plötzlich die Qualen der Eifersucht

Catherine Millet durchwühlte die Taschen ihres Ehemannes

Catherine Millet durchwühlte die Taschen ihres Ehemannes

Für ein solches Eingeständnis brauchte es Mut. Sieben Jahre nachdem sie das unglaubliche Register ihres von jedem Tabu befreiten Sexuallebens veröffentlicht hat, gibt Catherine Millet zu, dass sie die Qualen der Eifersucht sehr intensiv erlebt hat, auch auf die Gefahr hin, dass sie von den Moralisten mit Häme überschüttet würde: »Da sieht man’s mal wieder! Das hat sie jetzt davon!« Ist Eifersucht nicht die wohlverdiente Strafe für die Libertinage? Nun ist die Treulose ihrerseits zum Opfer der Untreue geworden. »Es sei ja wohl der Gipfel, dass ausgerechnet ich, das Paradebeispiel für eine freie Sexualität, wegen einer Geschichte zu ihm [meinem Ehemann] käme, die einem Boulevardstück gleiche.«

Im Jahr 2001 veröffentlicht Catherine Millet Das sexuelle Leben der Catherine M., in dem sie ihre zahllosen Affären mit klinischer Präzision dekliniert. Tableau einer Jagd, das auch den zwanghaftesten Don Juan erröten lassen würde. Die Spiele der Catherine M. finden selbstverständlich nicht zwischen den autorisierten Laken des Ehebettes statt, das sie mit dem Schriftsteller Jacques Henric teilt, sondern überall sonst: in Autobahnraststätten, auf Friedhöfen, in Besenkammern, in Swingerclubs, in allen anatomisch denkbaren Stellungen, mit Hunderten von Partnern. Gleichzeitig publiziert Jacques Henric einen Bildband mit Aktfotos seiner Frau, was böse Zungen zu dem Kommentar veranlasst, dieses Paar funktioniere wie ein mittelständisches Unternehmen. Man vernahm also ein Duett auf die vollkommen geglückte sexuelle Befreiung.

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Zunächst erscheint Das sexuelle Leben der Catherine M. in einer Auflage von etwa 4000 Exemplaren. Der Verlag macht sich keine Illusionen über das kommerzielle Potenzial, das in den Bekenntnissen dieser zierlichen Frau mit ihrem braven und gutbürgerlichen Auftreten stecken könnte. In der zeitgenössischen Kunstkritik kommt man an Catherine Millet nicht vorbei, bei der Biennale von Venedig hat sie den französischen Pavillon kuratiert, und sie leitet Art Press, ein sehr anspruchsvolles und sehr schickes Magazin. Diese Geständnisse, so glaubt der Verleger, werden höchstens die anzüglichen Gespräche im Mikrokosmos der Pariser Intelligenzija beflügeln; hier wird man die eigenen histoires de cul, die Arschgeschichten – ein so französischer Ausdruck, während das Deutsche den verschämten Euphemismus der »Bettgeschichten« vorzieht – wiedererkennen, die man nach einem gut angefeuchteten Abendessen gern austauscht. Doch Überraschung: Innerhalb weniger Tage erklimmt das Buch den Olymp der Bestseller. Man reißt es sich aus den Händen: in den Buchläden von Saint-Germain des Prés, in den Bahnhofskiosken, in den riesigen Supermärkten der Provinz zwischen Käse und Putzmitteln… Selbst im Ausland ist man elektrisiert. Die ganze Welt erörtert die sexuelle Vitalität der Französinnen. Sind sie womöglich freier als die anderen? Eine Horde von Nymphomaninnen ohne Glauben und Moral? Das sexuelle Leben der Catherine M. wird in 45 Sprachen übersetzt. Und verkauft sich mehr als zwei Millionen Mal.

Monatelang ist Catherine Millet allgegenwärtig: auf den Gesellschaftsseiten der angesagten Zeitschriften, als Kultfigur auf einer Doppelseite von Le Monde, in den Talkshows von Brasilien bis Italien. Catherine Millet versteckt sich nicht. Souverän lässt sie sich von der wild gewordenen Medienmaschinerie tragen. Immer gelassen, selbst als die Times sich nicht entblödet, sie als »Madame Sex« zu bezeichnen. Sogar als ein australischer Journalist lüstern fragt: »Wie finden Sie die Australier?«

Catherine Millet irritiert. Wenn Philippe Sollers die Klarheit würdigt, mit der diese Frau akribisch schildert, wie sie ihre Sexualität auslebt, geißelt der Nouvel Observateur, Organ der Kaviar-Linken, diese »mit einer Abhandlung in Aerobic angereicherte anatomische Darstellung«, und Mario Vargas Llosa greift zur Feder, um die »fleischlichen Turnübungen ohne Gefühl und Emotion« anzuprangern. Und dann ist da noch diese kleine Frage, entwaffnend in ihrer Naivität und so fehl am Platz wie ein Haar in der Suppe, die viele Leser beschäftigt: »Aber Madame, waren Sie denn nie eifersüchtig?« Catherine Millet weicht höflich aus. Sie schämt sich. Und sie wird mehrere Jahre brauchen, bis sie es wagt, darüber zu schreiben. »Die Zerrissenheit rührt daher, dass man sich seine eigene Miesheit einfach nicht eingestehen kann«, sagt sie in einem Interview mit dem Szenemagazin Les Inrockuptibles . »Schließlich ist es nicht gerade toll, wenn man die Taschen des Mannes durchwühlt, den man liebt. Ich habe mich wirklich geschämt. Und dafür, dass ich es auch noch erzählt habe! So wenig es mir ausgemacht hat, über mein Sexualleben zu schreiben – da war ich selbstverständlich frei von Schamgefühl –, so sehr musste ich mich zusammenreißen, um bestimmte Sachen wiederzugeben.«

Eifersucht ist eine gewissenhafte, präzise, fast technische Bestandsaufnahme des entfremdenden Mahlstroms, in dem Catherine Millet jahrelang gefangen war, trotz ihrer so nachdrücklich eingeforderten und ausgelebten sexuellen Freiheit unfähig, die zahlreichen diskreten Abenteuer von Jacques Henric zu ignorieren. Als sie eines Tages in einem verborgenen Kuvert zufällig das von ihrem Gefährten aufgenommene Foto einer nackten jungen Schwangeren entdeckt, entsteht in ihr der obsessive Verdacht und in seinem Gefolge das Leiden. Catherine Millet entwickelt »Perfektionismus in der Kunst des Schnüffelns«, ihre »inquisitorische Hartnäckigkeit« nimmt »Züge einer Sucht« an. Sie beschreibt die »grausame physische Reaktion, eine trockene eisige Welle«, die sie mehrfach »an den Rand der Ohnmacht« bringt. Nun, da sie vom heimlichen Sexualleben Jacques’ ausgeschlossen ist, wird Catherine Millet zur Voyeurin. Sie strandet an der Küste von Wahnsinn und Selbstzerstörung.

Eifersucht ist ein kleinliches Verhalten und gehört nicht zu den noblen Gefühlen, wie sie in den emanzipierten Kreisen gepflegt werden, die Catherine Millet frequentiert, als sie aus ihrer Pariser Vorstadt nach Saint Germain des Prés aufbricht. 1968 ist Catherine Millet 20 Jahre alt. Sie verehrt Françoise Sagan, jung, berühmt, frei am Steuer ihres Sportwagens. Sie klebt am Dogma der freien Liebe, das von dem sagenumwobenen Paar Sartre/Beauvoir gepredigt wird. Sie ist von der toleranten Koexistenz von »notwendiger« und »kontingenter« Liebe überzeugt. Setzt man sich für die Freiheit des anderen ein und kämpft gegen den Erstickungstod im Schoß der Paarbeziehung, dann ist die Eifersucht ein »aufgequollenes« und »kleinbürgerliches« Gefühl.

In ihrem neuen Buch schlägt Catherine Millet ein weiteres Loch in das edle Gebäude, das die intellektuellen Zirkel von Paris errichtet haben. Schon seit einigen Jahren ist bekannt, dass Simone de Beauvoir unter heftiger Eifersucht auf manche von Jean-Paul Sartres Abenteuern litt. Gisèle Halimi, große Priesterin des Feminismus à la française, berichtete in einer von Frédéric Mitterrand (heute Kulturminister und Autor einer Autobiografie, La mauvaise vie – Das schlechte Leben, in der er unter anderem seine Suche nach homosexuellen Freuden beschreibt, in einem Hotel in Pigalle und bei jungen nordafrikanischen Adonissen) moderierten Talkshow, dass sie eine Eifersuchtsszene zwischen Simone de Beauvoir und Sartre miterlebte: »Zu entdecken, dass Beauvoir eifersüchtig war«, gab Gisèle Halimi bewegt zu, »das muss ich jetzt einfach so sagen: Das hat mich so glücklich gemacht! Sie darf eifersüchtig sein, während ich es mir verbiete, im Namen der Freiheit des anderen, der Vernunft, der Intelligenz…«

»Wenn unser Typ nebenan mit einer anderen Frau vögelte, bissen wir vor Wut und Schmerz ins Kopfkissen, aber um nichts in der Welt hätten wir zugegeben, dass wir eifersüchtig waren«, gesteht heute eine weitere Mitbegründerin der französischen Frauenbewegung. Legendär auch das Verhalten eines bedeutenden Kriegsberichterstatters, der auf allen vieren auf das Autodach seiner Freundin krabbelte, um ihr Rendezvous mit einem anderen zu verhindern. Und dann die unflätigen anonymen Briefe von Françoise Giroud, Ikone des französischen Journalismus, an Jean-Jacques Servan-Schreiber, mit dem sie die Zeitschrift L’Express ins Leben gerufen hatte.

Er hatte sie gerade verlassen, um eine Tochter aus gutem Hause zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Als dieser Ausbruch von Wahnsinn bekannt wurde, war das ganze Land fassungslos. »In unserer Ahnungslosigkeit hielten wir es nicht für möglich, dass wir je von so einem Gefühl befallen werden könnten«, sagt Catherine Millet. »Denn das passte nicht zu unserer Vorstellung vom Leben, vom Paar, von dem, was sich gehört. Nicht einmal, wenn wir uns aus Eifersucht stritten, wurde das Wort in den Mund genommen, das war einfach nicht vorstellbar. Verboten, weil geächtet.« Catherine Millet hat es gewagt, ein Tabu in Worte zu fassen, in Worte von großer Klarheit. Sie öffnet sich, und dabei ist sie präzise, mitleidlos, unsentimental, und vor allem psychologisiert sie nicht. Sie öffnet Türen, sie erspart den Lesern Interpretationen, sie lässt vieles in der Schwebe. Catherine Millet sagt, sie habe »einen Mechanismus beschrieben«. Übrigens hatte sie vorher mit niemandem über diese Krise gesprochen. Sie verabscheut den Austausch von Vertraulichkeiten zwischen Freundinnen.

Wer hätte es für möglich gehalten, dass man sein Inneres noch weiter offenlegen kann als in Das sexuelle Leben der Catherine M.? In Frankreich war Eifersucht nicht so erfolgreich wie Das sexuelle Leben. Dabei ist das zweite Buch die »notwendige Fortsetzung« des ersten. Brutaler, unendlich viel schmerzhafter.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

 
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