Catherine Millet Ich habe mich geschämtSeite 2/2

In ihrem neuen Buch schlägt Catherine Millet ein weiteres Loch in das edle Gebäude, das die intellektuellen Zirkel von Paris errichtet haben. Schon seit einigen Jahren ist bekannt, dass Simone de Beauvoir unter heftiger Eifersucht auf manche von Jean-Paul Sartres Abenteuern litt. Gisèle Halimi, große Priesterin des Feminismus à la française, berichtete in einer von Frédéric Mitterrand (heute Kulturminister und Autor einer Autobiografie, La mauvaise vie – Das schlechte Leben, in der er unter anderem seine Suche nach homosexuellen Freuden beschreibt, in einem Hotel in Pigalle und bei jungen nordafrikanischen Adonissen) moderierten Talkshow, dass sie eine Eifersuchtsszene zwischen Simone de Beauvoir und Sartre miterlebte: »Zu entdecken, dass Beauvoir eifersüchtig war«, gab Gisèle Halimi bewegt zu, »das muss ich jetzt einfach so sagen: Das hat mich so glücklich gemacht! Sie darf eifersüchtig sein, während ich es mir verbiete, im Namen der Freiheit des anderen, der Vernunft, der Intelligenz…«

»Wenn unser Typ nebenan mit einer anderen Frau vögelte, bissen wir vor Wut und Schmerz ins Kopfkissen, aber um nichts in der Welt hätten wir zugegeben, dass wir eifersüchtig waren«, gesteht heute eine weitere Mitbegründerin der französischen Frauenbewegung. Legendär auch das Verhalten eines bedeutenden Kriegsberichterstatters, der auf allen vieren auf das Autodach seiner Freundin krabbelte, um ihr Rendezvous mit einem anderen zu verhindern. Und dann die unflätigen anonymen Briefe von Françoise Giroud, Ikone des französischen Journalismus, an Jean-Jacques Servan-Schreiber, mit dem sie die Zeitschrift L’Express ins Leben gerufen hatte.

Er hatte sie gerade verlassen, um eine Tochter aus gutem Hause zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Als dieser Ausbruch von Wahnsinn bekannt wurde, war das ganze Land fassungslos. »In unserer Ahnungslosigkeit hielten wir es nicht für möglich, dass wir je von so einem Gefühl befallen werden könnten«, sagt Catherine Millet. »Denn das passte nicht zu unserer Vorstellung vom Leben, vom Paar, von dem, was sich gehört. Nicht einmal, wenn wir uns aus Eifersucht stritten, wurde das Wort in den Mund genommen, das war einfach nicht vorstellbar. Verboten, weil geächtet.« Catherine Millet hat es gewagt, ein Tabu in Worte zu fassen, in Worte von großer Klarheit. Sie öffnet sich, und dabei ist sie präzise, mitleidlos, unsentimental, und vor allem psychologisiert sie nicht. Sie öffnet Türen, sie erspart den Lesern Interpretationen, sie lässt vieles in der Schwebe. Catherine Millet sagt, sie habe »einen Mechanismus beschrieben«. Übrigens hatte sie vorher mit niemandem über diese Krise gesprochen. Sie verabscheut den Austausch von Vertraulichkeiten zwischen Freundinnen.

Wer hätte es für möglich gehalten, dass man sein Inneres noch weiter offenlegen kann als in Das sexuelle Leben der Catherine M.? In Frankreich war Eifersucht nicht so erfolgreich wie Das sexuelle Leben. Dabei ist das zweite Buch die »notwendige Fortsetzung« des ersten. Brutaler, unendlich viel schmerzhafter.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

 
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