Martenstein Die Mönchsgrasmücke und die Globalisierung

Harald Martenstein besucht die Insel Sylt, denkt über Zugvögel und seine politischen Überzeugungen nach.

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Ich war auf der Insel Sylt. Zwei freundliche Naturschützer unternahmen mit mir einen Spaziergang. Naturgemäß kamen wir an reetgedeckten Häusern vorbei. Einer der Naturschützer sagte, dass deutsches Reet zu teuer sei, oder zu selten, ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls komme das Reet für die reetgedeckten Häuser auf Sylt inzwischen meistens aus Rumänien oder China. Manchmal würden in dem chinesischen Reet giftige Chinaspinnen sitzen, und beißen, das sei nicht schön für die Dachdecker der Insel.

Auf den ersten Blick sieht so ein Reetdach wie der Inbegriff von Regionalismus und Tradition aus, in Wirklichkeit steht das Reetdach für totale Globalisierung. Eigentlich, meine lieben Freunde (so hat immer Professor Grzimek angefangen!), möchte ich aber über die Mönchsgrasmücke sprechen.

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Die Mönchsgrasmücke ist ein kleiner Singvogel, der im Sommer, ähnlich wie viele Deutsche, in Deutschland lebt. Zum Überwintern flogen die deutschen Grasmücken seit je, auch in dieser Hinsicht uns Deutschen ähnlich, nach Spanien. Um das Jahr 1960 herum aber kamen etliche deutsche Mönchsgrasmücken auf die Idee, den Winter in England zu verbringen statt in Spanien. In England werden Vögel im Winter besonders gern und viel gefüttert, that’s why . Nun, 50 Jahre später, ist eine neue Art entstanden.

Die Vögel, die in England mithilfe des üppigen englischen Vogelfutters überwintern, sind kräftiger geworden, sie haben eine andere Schnabelform bekommen und Flügel, die zu Langstreckenflügen ungeeignet sind. Sie haben keine Lust, sich im Frühling mit den abgemagerten, erschöpften Spanientouristen zu paaren. Die Englandart wird zahlreicher, die Spanienart schrumpft.

Seltsamerweise fliegen fast alle original englischen Grasmücken im Winter immer noch eisern nach Spanien. Sie ignorieren das Futter, das vor ihren Augen herumliegt, beziehungsweise sie überlassen es den deutschen Vögeln. Der Fall steckt überhaupt voller Seltsamkeiten. Warum sind ausgerechnet Vögel aus Baden-Württemberg auf einmal, als Erste und in Massen, nach England geflogen, woher wussten die schwäbischen Grasmücken das mit der englischen Vogelfütterung, und wie teilten sie es den anderen mit? Warum fliegen die norddeutschen Mönchsgrasmücken, die es nach England viel näher haben, bis heute fast alle nach Spanien? Wie kann Evolution überhaupt so schnell vonstattengehen? Das müsste doch eigentlich Jahrtausende dauern! Seltsam auch, dass Vogelliebhaber, die für ihren gefiederten Freund nur das Beste wollen, unbeabsichtigt in die Evolution eingreifen und am Ende womöglich, aus lauter Liebe, eine Vogelart ausrotten.

Die Mönchsgrasmückensaga illustriert meine politische Grundüberzeugung. Erstens: Bei politischen Maßnahmen aller Art kommt es nicht auf die, meist edlen, Ziele an, die damit verfolgt werden, sondern einzig und allein auf das, was dabei herauskommt. Zweitens: Es stimmt sehr häufig das Gegenteil von dem, was alle glauben.

Im Herbst haben zum Beispiel fast alle Politiker, unterstützt von fast allen Journalisten, zu Massenimpfungen aufgerufen. Jetzt wissen wir, dass die Schweinegrippe weniger Schaden anrichtet als fast jede normale Grippewelle und dass die Pharmaindustrie für rund 20 Milliarden Dollar weitgehend sinnlosen Impfstoff verkauft hat. 

Reetdächer sind gut für China. Vogelfütterung kann Vogelarten ausrotten. Und wenn wochenlang auf der ersten Seite vor der schlimmsten Seuche seit Menschengedenken gewarnt wird, dann steht es wahrscheinlich um die Volksgesundheit besser denn je.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. "...dass die Schweinegrippe weniger Schaden anrichtet als fast jede normale Grippewelle"
    Das "fast" kann getrost raus aus dem Satz.
    Ansonsten: weiter so!

  2. wer anläßlich des JAHRTAUSENDWINTERS über eine großzügige Garage oder ein auf mehreren Ebenen unterkellertes Haus verfügt, um die Notrationen, die Daunenjacken und vor allem die ganzen Batterien fürs Daisy-Radio unterzubringen.

    Herzlich
    Erdge Schoss

  3. Dieser ornithologischer Thriller wäre ein hervorragender Plot für einen neuen Bond-Film - da wird eh kaum noch gevögelt.

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