Die Veteranen verwandeln Redundanz in Fortschrittskritik
Heligoland nun könnte eine neue Ära der Massive-Attack-Rezeption einleiten. Nicht dass die Entscheidung, die zugegebenermaßen bezaubernde Hope Sandoval einen Gesangspart hauchen zu lassen, als echte Novität zu verbuchen wäre. Auch der Kontakt zur jüngeren Independentszene macht weder einen neuen Stil noch ein neues Publikum. Es ist die Idee der Innovation selbst, die in die Jahre gekommen ist. Während die Pioniere von damals sich in ihrem Studio vergruben, hat die Popmusik noch einmal neue Verwertungszyklen durchlaufen, um sich schließlich im Loop der Revivals stillzustellen. Nach einer Dekade forciert retroauthentischer Trends, in der die Protagonisten kamen und gingen, meist ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, zeigt sich, dass es nicht immer die Geschwindigkeit ist, die eine Sache voranbringt. Wer sich verzettelt, kommt auch ans Ziel.
Der rasende Stillstand macht’s, dass wir heute wieder wissen, was die Veteranen aus Südengland der Konkurrenz voraushaben: die Fähigkeit, Redundanz auf formal überzeugende Weise in Fortschrittskritik zu verwandeln. Die zehn Tracks von Heligoland sind wie Inseln im Meer der Beschleunigung: Sie grooven, ohne zu knüppeln, sie laden zu ausschweifenden Gedankenspaziergängen ein, bedrängen einen aber nicht mit Slogans. Atlas Air etwa tuckert über eine Distanz von fast acht Minuten vor sich hin, um dann einfach zu versiegen. Pray For Rain, gesungen von Tunde Adebimpe, erinnert an ein schamanistisches Ritual. Splitting The Atom wiederum klingt mit seinen getragenen Akkordprogressionen zu gemurmelten Lyrics wie ein in Zeitlupe abgedrehter Leonard-Cohen-Song.
Angeblich handelt es sich um Del Najas Klage über den bedauerlichen Zustand, in dem Britannien sich zwanzig Jahre nach Margaret Thatcher wieder (oder noch immer) befindet, doch so eindeutig muss man das nicht sehen. Der Massive-Attack-Sound hat etwas von einem musikalischen Rorschachtest. Man kann sich davon in die Neunziger zurückversetzen lassen, man kann aber auch den Entschluss fassen, seine E-Mails heute ausnahmsweise einmal nicht zu checken. Nur in die Zukunft schauen kann man damit nicht mehr. Heligoland ist der Soundtrack für ein Leben in der Zeitschleife. In welchen Liedern wir uns einmal an die nuller Jahre erinnern werden, weiß ohnehin kein Mensch.
- Datum 09.02.2010 - 12:39 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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enttäuscht kann man nur sein, wenn man massive attack nicht kennt oder mit pop vergleicht...
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