Max Bense zum 100. Geburtstag Präzise VergnügenSeite 2/2
Doch die Unerbittlichkeit, mit der er Lehrsätze verkündete, war bald einem Verständnis für reine Dichtkunst gewichen. Im beziehungsreichen Metaphernspiel nährte er zwar den Anschein, die zwischenmenschliche Verständigung mithilfe der Sprache hätte ihren Sinn verloren, zugleich aber reduzierte er den allmächtigen Wörterschwall der herrschenden Poesie auf ein Minimum.
Wo zünftige Literaturwissenschaftler sich mit poetologischen Begriffen wie surrealistisch, allegorisch, fantastisch in Szene setzten, spielte Bense mit neu gewonnenen Stilbezeichnungen. So bezog er Geräte, Apparate, sogar die von empfindlichen Poeten verteufelte Maschine in sein theoretisches Repertoire mit ein: Sie war für ihn kein totes technisches Instrument. »Schreiben wie eine Maschine schreibt wenn sie schreibt, in glatten Arbeitsgängen, aber anfällig für Verluste Störungen und Zufälle für Sand«, dichtete er, »man setzt sich in irgendeinen Garten, lässt das Licht durch die Blätter tropfen und schreibt. Der Genuss an der Spitze der Feder ist das Geschlecht des Geistes.«
Benses liebster Aufenthaltsort war Grignan, ein Dörfchen im Tricastin, dem Heideland unweit des linken, südlichen Rhôneufers. Hier führte er uns durch das Schloss, in dem die verheiratete Tochter der Madame de Sévigné lebte und die tausendfünfhundert Briefe ihrer Mutter empfing, die Bense als wertvolle Dokumente gesellschaftlicher Lebensformen im 17. Jahrhundert pries. Bense schrieb: »Mauern und Mauern aus Mauern von Mauern aus Mauern von Mauern aus Mauern.«
Nach einem Abendessen mit uns dichtete er: »Souper: Schwarze Pilze unter der Erde an der Schnauze des Schweins und fruchtbar im Ei serviert am Abend in Grignan.« Grignan war für Max Bense sowohl Leitmotiv für die »Beschreibung einer Landschaft« wie auch für jeden Versuch, eine Landschaft in Sprache zu verwandeln: »Alle Sätze über Grignan hängen zusammen, so oder so, und die Wollust, die sie einschließen, beruht auf der Vorstellbarkeit eines Reizes, den man durch seine Erinnerung schleppt.« Bense galt unter Eingeweihten stets als Paradiesvogel, als Tausendsassa der experimentellen Zauberkunst.
- Datum 07.02.2010 - 09:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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(viereggtext.blogspot) Rund um die visuellen Konstellationen und Bedeutungsauflösungen grüßen H.C. Artmann, Kurt Schwitters und der ganz phänomenale Ernst Jandl. Echte Akrobaten der Poesie!
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