Buchheim Museum Ab und an ein weißer Elefant

Der ZEIT-Museumsführer (39): Das Museum der Phantasie bei Bernried

Kunst am Ufer des Starnberger Sees: Das Buchheim Museum

Kunst am Ufer des Starnberger Sees: Das Buchheim Museum

Ist es ein Schiff, das da vor Anker ging? Ein Dampfer, dessen Brücke und Reling hinter dem Hügel vorspitzen? Taucht gar ein U-Boot aus dem Voralpensee auf? Am Ende ist es doch ein fester Bau, ein Museumshaus, das sich den Park hinab zum Wasser streckt.

Innen aber geht die Verwirrung weiter. Da stolpert man von den Kultmasken Afrikas in den Laubsägezirkus Buffi, javanische Puppen wechseln mit herrgottsheiligen Ikonen, dann und wann ein weißer Elefant und dazwischen grandiose Malerei: die zuckenden, leuchtenden Energiefelder des deutschen Expressionismus.

Anzeige

Das Buchheim Museum bei Bernried am Starnberger See ist alles gleichzeitig: Schiff, Zirkus, Kunsttempel und Denkmal des eigenwilligen, 2007 verstorbenen Lothar-Günther Buchheim. Der studierte Maler, durch Das Boot weltbekannte Autor und Weltkriegs-Marineoffizier gab gern den seebärbeißigen Exzentriker. Seine Schimpftiraden ließen kaum vermuten, wie stark sich Buchheim seit den Fünfzigern als Galerist für die Expressionisten einsetzte, welche klugen Bücher er über sie schrieb. Nebenher trug er eine wichtige Sammlung zusammen, mit fantastischen Entdeckungen wie Erich Heckels Der schlafende Pechstein. Unter einer Tarnübermalung hat Buchheim das Bild hervorgekratzt!

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Gründe, diese lang beargwöhnte Kunst mit derben Worten zu schützen, hatte Buchheim bis zuletzt. Nach jahrzehntelanger Suche hatte er seinen Wohnort Feldafing als Standort der Sammlung erkoren, doch die Feldafinger blamierten sich mit einem Bürgerentscheid gegen ein Museum, man fürchtete landplagenhafte Besuchermassen. Als im nahen Bernried 2001 das vom Freistaat Bayern erbaute, von Buchheims Stiftung unterhaltene Haus endlich eröffnete, hat Buchheim noch ein bisschen über den Architekten Günter Behnisch geschimpft. Nicht ganz zu Unrecht. Einerseits empfängt dessen nie auftrumpfender Bau den Besucher freundlich, schafft ohne gängelnden Besichtigungsparcours Übergänge vom Naiven zum Erhabenen, vom Kuriosen ins Virtuose. Ein jeder soll selbst die Wahlverwandtschaften der Künste entdecken. Herrliche Ausblicke auf den See gibt es, und vom weit aufs Wasser führenden Steg glaubt der Besucher zuweilen in eine Friedrichsche Stimmung zu entschweben. Andererseits, weil echte und gemalte Landschaften sich schlecht vertragen, hat man die Räume innen von der Umgebung isoliert. Zu kühl und mehrzweckhallenartig wirkt insbesondere der Hauptsaal der Expressionisten.

Dennoch erfüllt das Haus seinen aparten Zweck, verschiedenste Kunstwelten zu vereinen. Eine Großsammlung mit Max Pechstein, Otto Mueller, Emil Nolde, mit Werken Schmidt-Rottluffs, Beckmanns, Dix’ hätte jedem anderen als Lebenswerk genügt. Nicht Buchheim. Der zeigt magisch schöne indigene Masken, dazu seine psychedelischen Wegschmeiße- und Immerwiederwechsel- Plakate und fröhliche Neovolkskunst wie die Hölzernen Menschen und Viecher des Hans Schmitt. Ein Sammelsurium kreativer Grenzfälle, die wohl manchen Kunstfreund auf die Probe stellen.

Leser-Kommentare
    • Hokan
    • 10.02.2010 um 2:11 Uhr

    kommen nach meiner Erinnerung auch etliche Quadratmeter Wandfarbe, die von Buchheims eigenen Werken daran gehindert werden, beizeiten und in Ehren zu vergilben. Der kleine Museumsführer hier verzichtet milde, davon Notiz zu nehmen. Ich denke aber, es wäre fair, den neugierigen Lesern auch darauf vorzubereiten. Manch einer mag über einen empfindlichen Magen verfügen und es nicht problemlos verkraften, unvorbereitet auf die teils naive, teils nassforsche Kriegsromantik eines halbwegs talentierten Marineoffiziers zu stoßen. Nun, nicht alles von ihm ist von dieser Sorte. Es gibt auch etliche Stücke, an denen man entspannt vorbeilaufen kann. Und das sind seine besten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @Hokan
    Sie haben vollkommen recht. Auch mir ist hier bei einem Besuch vor einiger Zeit Verschiedenes "auf den Magen geschlagen". Ich werde dieses Museum kein zweites Mal besuchen. Es kann nicht Sinn einer Ausstellung sein, dass man Scheuklappen dabei haben muss, um sich des aufdringlichen Herrn Buchheims zu erwehren.

    @Hokan
    Sie haben vollkommen recht. Auch mir ist hier bei einem Besuch vor einiger Zeit Verschiedenes "auf den Magen geschlagen". Ich werde dieses Museum kein zweites Mal besuchen. Es kann nicht Sinn einer Ausstellung sein, dass man Scheuklappen dabei haben muss, um sich des aufdringlichen Herrn Buchheims zu erwehren.

    • hagego
    • 11.02.2010 um 16:18 Uhr

    Lothar-Günther Buchheim war ein schwieriger Mensch. Das ist nun nicht das Schlechteste, was man einem Menschen nachrufen kann! In einer Zeit der Austauschbarkeit. In einer Zeit, in der viele Menschen gezwungen werden, sich mit dem Aldiismus zu befassen. In einer Zeit der Niedriglöhne, die keinen Mindestlohn kennt. In einer Zeit, in der Siebzehnjährige Bücher schreiben, die zum Teil wohl eher abgeschrieben sind.

    Buchheim war umstritten. Buchheim war streitbar. Aber er war immer authentisch! Und so hat er "sein" Museum auch gebaut. Den Eingang für laue Kompromisse hat er einfach weggelassen! Sicher hat er sich (heimlich?) Rat von Museumsdirektoren und Kuratoren geholt. Aber ich bin nicht sicher, inwieweit er auch auf sie gehört hat.

    Denn Zuhören - das war nun nicht seine Sache. Selbst reden! Vortragen! Anklagen! Deutlich machen! Das lag ihm Zeit seines Lebens im Blute. Er brauchte keine Überziehungskredite. Er überzog einfach! Manchmal maßlos. Aber immer mit Überzeugung.

    Sein Museum kann man durchaus als einen Steckbrief seiner Überzeugungen betrachten. Kitsch neben Kunst. Und Namen neben Vorlieben. Hier, in diesem Haus riecht es nach Buchheim. Hier hängen seine Stärken, aber auch seine Schwächen.

    Drücken auch wir - beim Durchschreiten der Räume - das eine oder andere Mal einfach ein Auge zu!

  1. @Hokan
    Sie haben vollkommen recht. Auch mir ist hier bei einem Besuch vor einiger Zeit Verschiedenes "auf den Magen geschlagen". Ich werde dieses Museum kein zweites Mal besuchen. Es kann nicht Sinn einer Ausstellung sein, dass man Scheuklappen dabei haben muss, um sich des aufdringlichen Herrn Buchheims zu erwehren.

    Antwort auf "Zu all dem"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service