Schon bei seinem Erscheinen 1976 sorgte das Rock-Album Virgin Killer von den Scorpions aus Hannover für reichlich Ärger. Ein unbekleidetes junges Mädchen, das sich lasziv rekelte, zierte das geschmacklose Cover. In den Vereinigten Staaten musste die Platte in einer alternativen Hülle verkauft werden. 32 Jahre später, im Dezember 2008, sorgte das Coverfoto erneut für Schlagzeilen – und zwar in Sachen Internetzensur. Um zu verhindern, dass ihre Kunden das obszöne Bild zu sehen bekamen, sperrten die britischen Unternehmen O₂, Virgin Media, Easynet und drei weitere Internetprovider mit einem Softwarefilter den Zugang zu einem Artikel über die Platte im Onlinelexikon Wikipedia.

Es war nicht das erste Mal, dass Internetprovider in den Netzverkehr eingriffen. Der Provider Freenet blendete 2004 sogar die komplette Webseite eines verärgerten Kunden aus – statt Kritik an Freenet wurde den Surfern eine harmlose Ersatzseite gezeigt.

Internetprovider spielen eine zentrale Rolle in der digitalen Gesellschaft. Ursprünglich beschränkte sich ihre Aufgabe darauf, Daten möglichst zuverlässig weiterzuleiten, ohne sich für ihren Inhalt zu interessieren. »Die sogenannte Netzneutralität ist ein Grundprinzip, mit dem das Internet zu so einem bedeutenden Teil unseres Lebens geworden ist«, sagt Markus Beckedahl, Gründer des Blogs netzpolitik.org.

Dieses Prinzip bedeutet aber nicht nur, dass Zugangsanbieter weltanschaulich neutral agieren sollten. Auch aus technischer Sicht sollten alle Dienste gleichwertig sein. Die Bits und Bytes einer Webseite haben dasselbe Recht, so schnell wie möglich durchs Netz geleitet zu werden, wie der Datenstrom eines Onlinefilmportals oder die digitalisierten Sprachpakete, die eine Internet-Telefonie-Software wie Skype erzeugt.

Doch nun wird dieses Prinzip infrage gestellt. »Die Provider überlegen zunehmend, wie sie von den Einflussmöglichkeiten, die sie auf das Netz haben, profitieren können«, sagt die Politikwissenschaftlerin und Netzexpertin Jeanette Hofmann von der London School of Economics.

Zensur ist dabei allerdings nicht das Motiv. Es geht den Providern nicht um das Filtern von Inhalten, sondern um neue Einnahmequellen. Die Infrastruktur-Unternehmen beobachten seit Jahren, dass ihre Margen sinken, während die Anbieter von Inhalten und Dienstleistungen prächtig verdienen. Videoportale wie YouTube sorgen Jahr für Jahr für mehr Verkehr in den Leitungen und damit für höhere Kosten bei den Leitungsbetreibern. »Da stellt sich durchaus die Frage, wer diese Kosten dann trägt«, sagt Mark Nierwetberg, Sprecher der Deutschen Telekom in Bonn. Dort wird darüber nachgedacht, ob nicht bestimmte Anbieter für Premiumleitungen bezahlen sollten. Videodaten könnten dann zum Beispiel gegen Gebühr bevorzugt durchs Netz geleitet werden. »Weil das Internet so nützlich ist und so große gesellschaftliche Effekte hat, ist es eine Art Allgemeingut geworden«, sagt Nierwetberg. »Es ist aber de facto ein auf Leitungen betriebenes Netzwerk, das private Unternehmen finanzieren.«

Nicht nur die Telekom denkt darüber nach, die zentrale Position im Datenverkehr stärker als bisher zu Geld zu machen. »Die meisten Provider träumen davon, nicht nur die Nutzer, sondern auch die Inhalte-Anbieter zahlen zu lassen«, sagt J. Scott Marcus, Direktor beim Beratungsunternehmen WIK Consult in Bad Honnef. Ihr Vorbild seien die Kabelfernseh-Anbieter, die nicht nur die Abonnenten, sondern auch die Sender zur Kasse bitten.

Solche Szenarien versetzen viele Netzaktivisten in Unruhe. Sie befürchten ein Zweiklasseninternet, in dem Daten aus zahlenden Premiumdiensten mit Vollgas durch die Leitungen rasen, während der Rest der Netzwelt um die verbleibenden Kapazitäten rangeln muss. Markus Beckedahl beobachtet mit Sorge, dass die Provider bei der Modernisierung ihrer Netze immer mehr Steuerungstechnik einbauen. »Damit steigen die Möglichkeiten, den Netzverkehr zu managen und zu filtern.«

Besonders umstritten ist dabei die sogenannte Deep Packet Inspection. Dabei schauen die Provider direkt in den Datenstrom und erkennen, was gerade von A nach B übertragen wird. Ist es ein Softwarecode, ein Onlinevideo oder ein digitalisiertes Musikstück? Und wenn ja, welches? Ist es womöglich urheberrechtlich geschützt?