Es ist ein Land im Dauer-Krieg, die Militärausgaben sind gigantisch. Und doch ist Israel eine boomende Start-up-Nation © Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

Israels Wirtschaft wuchs 2009 um ein halbes Prozent; Deutschland, England und Italien schrumpften um die fünf Prozent. Gerade hat die Bank of Israel die Prognose für 2010 angehoben auf 3,5 Prozent. »Die Handelsbilanz ist seit 2003 im Plus«, freut sich Zentralbankchef Stanley Fisher, »und wird es auch 2010 sein.«

Das sind merkwürdige Zahlen für den einstigen internationalen Hartz-IV-Fall. Heute liegt Israels Pro-Kopf-Einkommen über dem von Südkorea, dem Wirtschaftswunderkind des späten 20. Jahrhunderts. Wieso? Drei Antworten. In den Achtzigern wurde in einem brutalen Kraftakt die Dauer-Inflation (bis zu 450 Prozent) besiegt. In den Neunzigern hat eine nicht minder brutale Reformpolitik diese realsozialistische Wirtschaft fit für den Weltmarkt gemacht. Und dann begann das Kapital zu strömen: Motorola, Intel, IBM, Google

Israel ist die »Start-up-Nation«, wie der Titel des Bestsellers von Dan Senor und Saul Singer aus dem Jahr 2009 lautet. Es zieht mehr Wagniskapital an als England, Frankreich und Deutschland zusammen. Ein Land im Dauer-Krieg, das (gemessen am BIP) fast doppelt so viel fürs Militär ausgibt wie Amerika – wie das?

Die Verteidigungslast, welch Paradox, ist zweiter Teil der Erklärung. Mit nur 7,5 Millionen Bürgern muss Israel Masse durch Technik ersetzen, Paradeplätze durch Prüfstände, Befehlsketten durch Forschungsaufträge. Die Armee ist »Schule der Nation«, aber nicht auf Preußisch. Hier werden Risiko und Initiative eingebläut, formieren sich die Netzwerke, die nach dem Studium die Start-up-Kultur nähren. Not macht erfinderisch, heißt es; in Israel produziert sie »Humankapital«.

Der einstige Chef von Intel-Israel, Mooly Eden, spricht von einer »Chuzpe-Kultur«, krass hebe sie sich von der hierarchisch-ständischen der arabischen Umwelt ab, die kaum Abweichung toleriere. »Von Geburt an werden wir dazu erzogen, das Offenkundige anzuzweifeln, alles zu debattieren.« Sind die Israelis schlauer als andere? Finnland und Singapur schneiden in Schulvergleichen besser ab, aber ihnen fehlt der dritte Faktor: Einwanderung.

Dan Senor: »Zwei von drei Israelis sind Neuankömmlinge oder Kinder und Enkel von Einwanderern. Das sind geborene Risiko-Träger; schließlich haben sie ihre Wurzeln gekappt und neu angefangen.« Gerade hier sei der Unterschied zu Europa frappierend. »Israelische Politiker übertreffen einander dabei, mehr Einwanderer ins Land holen zu wollen, nicht weniger.« 

Lässt sich Israels Start-up-Kultur exportieren? Wahrscheinlich so wenig wie die Mittelstands-Kultur, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Festgefügte Gemeinwesen wie die europäischen lassen sich nicht umstülpen. Streitkräfte, die nicht im Zentrum der Gesellschaft stehen, können nicht als Führungskader und Hightech-Labore glänzen. Und wer Einwanderung scheut, verharrt in der alten Ordnung. Das deutsche Wirtschaftswunder der Fünfziger beruhte auf den zwölf Millionen »Einwanderern« aus dem Osten. Die Treiber des Wachstums sind immer noch Menschen, ihre Talente und Ambitionen. Seit der Staatsgründung 1948 hat sich die Bevölkerung Israels verzwölffacht.