ZEITmagazin: Herr Blatt, was ist das für ein Gefühl, in Deutschland zu sein?

Thomas Blatt: Es fühlt sich fast normal an. Dennoch bin ich letzte Nacht zweimal aus dem Bett gefallen.

ZEITmagazin: Sie werden noch von Albträumen verfolgt?

Blatt: Ja, ein Teil von mir ist noch in Sobibór, und das Schlimmste ist, dass die Erinnerung jetzt stärker ist als früher: Ich sehe einen zehn Jahre alten Jungen und denke, Gott, so alt war mein Bruder, als er in die Gaskammer ging. Ich habe Angst, es könnte sich wiederholen.

ZEITmagazin: Sie sind am 14. Oktober 1943 aus dem Vernichtungslager Sobibór geflohen. Wie kam es zum Aufstand?

Blatt: Wir wussten nicht, wie man mit Waffen umgeht. Aber glücklicherweise kam eines Tages ein Transport mit jüdischen Offizieren aus der Roten Armee. Die wussten, wie man kämpft.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst vor Spitzeln?

Blatt: Von 570 Häftlingen waren etwa 60 eingeweiht. Wir lockten SS-Männer in Hinterhalte, wo wir mit Beilen und Hämmern aus der Tischlerei warteten. Wir haben etwa ein Dutzend Deutsche umgebracht. Dann haben wir die anderen informiert, einer von uns ist auf einen Tisch gesprungen und hat gesagt, dass wir jetzt einen Aufstand machen wollten. Er sagte auch, dass nicht viele von uns überleben würden, aber wenn jemand durchkomme, sei es seine Pflicht, der Welt zu sagen, was in Sobibór geschehen ist. Dann sind wir zum Tor gerannt.

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ZEITmagazin: Aber das Lager war doch streng bewacht.

Blatt: Ja, sehr viele wurden von den Wachen erschossen. Aber wir hatten die Waffen der getöteten SS-Männer und Karabiner aus der Waffenkammer und schossen zurück. Etwa 300 konnten entkommen, doch haben sie die meisten von uns dann in den Wäldern gefunden. 

ZEITmagazin: Wohin sind Sie geflüchtet?

Blatt: Ich bin zu meinem alten Lehrer gerannt, er öffnete mir, obwohl es in Polen sehr gefährlich war, Juden zu verstecken. Ganze Dörfer wurden abgebrannt, wenn das herauskam.

ZEITmagazin: Wie lange sind Sie bei ihm geblieben?

Blatt: Nur zum Essen, dann bin ich wieder in den Wald. Ich habe unter Zweigen geschlafen. Im Wald traf ich zwei Jungen aus dem Lager. Zum Glück hatten wir Geld aus dem Wertsachenmagazin. Wir sind zu einem Bauern gegangen und haben ihn gefragt, ob er uns versteckt, wenn wir dafür bezahlen.

ZEITmagazin: Woher haben Sie gewusst, dass er Sie nicht sofort den Deutschen ausliefert?

Blatt: Wir wussten es nicht. Wir haben Licht gesehen und unser Glück versucht.

ZEITmagazin: Wie lange hat er Sie drei versteckt?

Blatt: Fünf Monate, in seiner Scheune.

ZEITmagazin: Was macht man, wenn man über Monate in einer Scheune sitzt?

Blatt: Wir haben uns Geschichten erzählt und viel geschlafen.