Ein Ort zum Leben ist es nicht. Weit draußen im Leipziger Osten beginnt die Wodanstraße – wo Gewerbegebiete enden. Dort rauscht höchstens vorbei, wer die Stadtgrenzen überqueren will. Ein paar Hundert Meter weiter donnern Autos über die A14. Zur nächsten Wohnsiedlung in Richtung Innenstadt ist es eine halbe Stunde Fußmarsch. In dieser Prärie will die Stadt Leipzig ein neues Asylbewerberheim bauen. "Nicht unmittelbar in einem Wohngebiet gelegen, insbesondere entfernt von Schulen, Kindergärten und Spielplätzen", lautet die Anforderung an die Lage des modernen Containerbaus; formuliert von Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD) und vom Stadtrat beschlossen. Für 300 Asylsuchende und Geduldete soll der Bau ein neues Zuhause werden. Eine ausgelagerte Zwischenstation als Heimat auf Abruf. Vielleicht für viele Jahre.

Doch der Wunsch kollidiert schnell mit der Wirklichkeit. Noch bevor im Juni vergangenen Jahres der Stadtrat den Bau des neuen Heims mit knapper Mehrheit beschließt, schlagen Organisationen wie der Flüchtlingsrat und die Gesellschaft für Völkerverständigung Alarm. Sie schreiben offene Briefe an das Sozialdezernat und kritisieren das Abschieben "sozialer Probleme" an den Rand und die Ausgliederung der Neuankömmlinge aus dem Stadtleben. Denn Fahrtkosten für Bus und Bahn könnten die Asylbewerber selbst kaum übernehmen. Juliane Nagel, Stadträtin der Linken, organisiert Unterschriftenaktionen im Internet und Protestkundgebungen vor dem Rathaus. Um Öffentlichkeit zu schaffen, wie sie sagt. "Denn so viele Menschen auf so kleinem Raum, das ist kritikwürdig."

Bis zu jenem Sommer war es eine ganze Weile still um die Neuankömmlinge in Leipzig. Rund 290 Asylbewerber leben auf zwei Heime verteilt, ein Drittel von ihnen, hauptsächlich Familien und Kinder, wohnt in der Liliensteinstraße, in Leipzigs größtem Plattenbaugebiet Grünau. Die anderen wohnen im Asylbewerberheim in der Torgauer Straße. Als sich ein Investor für das Grundstück interessiert, will die Stadt es verkaufen. Ein Ausweichquartier muss her, und zwar schnell.

Katharina Krefft erinnert sich daran, wie seltsam überstürzt alles vor sich ging. "Das Verfahren wurde durchgewunken, ohne dass die Stadtbezirksbeiräte vorher beteiligt oder Alternativen ausreichend geprüft worden wären", sagt die Stadträtin der Grünen. "Außerdem ist der geplante Bau überhaupt nicht vom Menschen her gedacht, sondern nur aus wirtschaftlicher Sicht gewollt."

Dort, wo das neue Heim entstehen soll, gab es schon früher viele Konflikte

Zu teuer ist es den Stadthaushältern, zwei Heime zu betreiben, die nur zu 60 Prozent ausgelastet sind. Verständlich. Seit Jahren sinkt die Zahl der Asylbewerber, aufgrund restriktiver EU-Gesetze. Und die finanziellen Mittel sind begrenzt: 4500 Euro stellt Sachsen für jeden Asylbewerber pro Jahr zur Verfügung. Davon sind Strom, Kleidung, Verpflegung und Unterkunft zu bezahlen. Das lässt nicht viel finanziellen Spielraum, schon gar nicht in Zeiten von Wirtschaftskrise und kommunalen Schulden.

Ein Immobiliengeschäft und die Zusammenlegung zweier Heime zu einem – wenn aber ökonomischer Nutzen die Flüchtlinge aus der Stadt drängt, geht die Zivilgesellschaft auf die Barrikaden. Auch weil es eine ähnliche Diskussion um die Wodanstraße schon einmal gab: Bereits zwischen 2000 und 2006 waren Asylbewerber auf dem Areal am Rande Leipzigs untergebracht. Bis Aggressionen, Traumata und Drogenprobleme das Leben in den alten Containern außer Kontrolle geraten ließen. Damals wurden diese abgerissen, und in der sogenannten Asylrunde unter der Leitung des damaligen Dezernenten fasste man den Beschluss, die Menschen in kleineren Heimen und festen Gebäuden unterzubringen.