Asylbewerberheim in Leipzig Zimmer ohne AussichtSeite 2/2
Hassan Zeinel Abidine sitzt in seinem Wohnzimmer und trinkt süßen Schwarztee. Hinter ihm stapeln sich Bücher in schweren Holzvitrinen. Gestickte Teppiche an der Wand. Schon in den 1960er Jahren kam der studierte Germanist aus Syrien nach Leipzig. Er kennt das Gefühl, angekommen und trotzdem fremd zu sein. Heute ist er Mitglied im Migrantenbeirat. Fünf Jahre lang kämpfte der 70-Jährige für die Einrichtung des Beratungsgremiums. Immerhin verfüge heute rund jeder Zehnte in der Messestadt über einen Migrationshintergrund, sagt er: »Ohne Mitspracherecht aber sind sie auch keine Mitbürger.« Im Januar vergangenen Jahres stimmte der Leipziger Stadtrat – als Letzter im Freistaat – für die Gründung des Beirats.
Manchmal dauerten Entscheidungen hier länger, darauf war und ist Hassan Zeinel Abidine gefasst. Wenn er aber von dem Neubau am Stadtrand spricht, schüttelt er den Kopf. Es wurden auch andere, zentraler gelegene Standorte geprüft, die aber seien aufgrund ihrer Nähe zu einem Wohngebiet abgelehnt worden. Für ihn passe das alles nicht zusammen, da sich Leipzig doch oft einer vorbildlichen Asylpolitik rühme. Und tatsächlich: Obwohl das Land Sachsen die Unterkunft von Asylbewerbern vorrangig in Heimen geregelt sehen will, leben schon fast zwei Drittel aller Asylbewerber und Geduldeten in Leipzig in eigenen Wohnungen über die Stadt verteilt – und eigenständiger als die übrigen. In Dresden liegt dieser Anteil bei nur 17 Prozent.
Freiheiten und Toleranz hier, wirtschaftlicher Pragmatismus dort: Hin- und hergerissen zwischen beiden Seiten hüllen sich die Verantwortlichen seit einem halben Jahr in Schweigen. Als der Initiativkreis zur Unterbringung von Asylbewerberinnen im November eine Podiumsdiskussion veranstaltet, um Alternativen zu diskutieren und Modellprojekte anderer Städte vorzustellen, sagen Sozialbürgermeister Fabian sowie Vertreter des sächsischen Innenministeriums kurzerhand ab. Als könnte der Boykott die Kritik unwirksam machen. Stojan Gugutschkow, der Leipziger Integrationsbeauftragte, will sich zu dem Fall nicht äußern und weist die Kritik als unsachlich zurück. Auch habe sie in keiner Weise Einfluss auf städtische Entscheidungen.
Allerdings: Einige Forderungen nach besseren Lebensbedingungen, etwa nach mehr Wohnfläche und größeren Gemeinschaftsräumen, werden schließlich in die Ausschreibung für die Wodanstraße integriert. Offiziell hält das Sozialdezernat bis zum Schluss an dem Projekt fest – obwohl es den Beteiligten längst entglitten ist. Als vor wenigen Wochen bekannt wird, dass das Quartier Wodanstraße gescheitert ist, hat die Irrfahrt durch die Leipziger Orientierungslosigkeit ihr Ziel erreicht; Anfang und Ende einer kafkaesken Reise treffen aufeinander. Grund für das Scheitern der Ausschreibung sind ausgerechnet wieder die Finanzen. Das Gesamtkonzept aus Wohn-, und Gemeinschaftsräumen sowie Freiflächen, das die Stadt umsetzen wollte, erweist sich als zu teuer.
Leipzigs Asylpolitik schwankt zwischen Toleranz und Sparzwang
Ist die Absage nur ein Vorwand und zugleich der Versuch, eine Hals-über-Kopf-Entscheidung zu korrigieren? »Die erfolglose Ausschreibung gibt der Verwaltung die Möglichkeit, unter Wahrung ihres Gesichtes neu in die Diskussion einzusteigen und den Ton zu entschärfen«, meint Stadträtin Katharina Krefft. Nicht nur sie ist erleichtert, dass der Konflikt um die Wodanstraße ein Ende hat. Vordergründig mag es um ein Bauprojekt gegangen sein, im Kern jedoch ging es um etwas anderes. Denn Flüchtlingspolitik spiegelt die Öffnung der Gesellschaft gegenüber Menschen fremder Kulturkreise und Religionen und die Bereitschaft zu ihrer Integration. Nun bleibt die Wodanstraße Niemandsland, und die Suche nach einem neuen Ort geht weiter. Der Streit um Integration und Ausgrenzung aber bedeutet in jedem Fall einen Schritt nach vorn, denn noch einen Fehltritt dieser Art kann sich die Stadt nicht leisten.
- Datum 03.02.2010 - 18:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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