Ostkurve Brieffeindschaften

Briefe schreiben sei eigentlich kein Hobby von ihm, sagt Bernd Jentzsch. Mehr als 30 Jahre ist es her, dass der Lyriker mit inzwischen berühmten Zeilen an Erich Honecker gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierte. Er befand sich gerade in der Schweiz, die Rückreise in die DDR zu seiner Familie wurde ihm untersagt. Jentzsch wurde ausgebürgert. Aus jener Zeit werden Verletzungen geblieben sein. Sicherlich haben damals viele den Protest als naiv empfunden. Erst nach dem Untergang des Sozialismus ist aus dieser Tat eine historische geworden.

In der vergangenen Woche hat Jentzsch abermals einen Brief geschrieben. Er hat der Sächsischen Akademie der Künste aus »Frust« über eine angebliche Unterwanderung durch vergangenheitsbelastete Mitglieder seinen Austritt erklärt. Konkrete Namen aber will er nicht nennen. Auch bleibt rätselhaft, warum er diesen Schritt jetzt und nicht bereits früher unternommen hat. Jentzsch ist vorige Woche 70 Jahre alt geworden.

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Nun schneiden Worte wie Messer durch die winterkalte Luft. Aus Dresden pariert man scharf: Jentzsch sei wirr und krank, sagt Präsidialsekretär Klaus Michael, und die Akademie kein Therapiezentrum. Man werde auf die Anschuldigungen reagieren, indem man Jentzsch, dem Gründungsmitglied und nach der Wende ersten Direktor des Leipziger Literaturinstituts, eine Austrittsbestätigung zusenden.

Ein formaler, bürokratischer Akt als Antwort auf derartige Anschuldigungen? Das klingt, als sei die Akademie der Künste eine kassenärztliche Vereinigung oder ein Arbeitgeberverband. Selbst wenn sich die Vorwürfe von Bernd Jentzsch als haltlos herausstellen sollten – mit den Unangepassten von einst sollte man nicht so umgehen. Sie bleiben anders, auch in dieser Zeit.

Jana Hensel, 1976 in Leipzig geboren, Autorin des Bestsellers »Zonenkinder«, schreibt im Wechsel mit ZEIT-Autor Christoph Dieckmann die Kolumne Ostkurve

 
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