Weisses Gold Ran ans Porzellan

300 Jahre nach Gründung der Meissener Manufaktur will die Stadt Meißen endlich mehr von deren Ruhm abhaben.

Der Sanierer: Christian Kurtzke, Chef der Meissener Porzellanmanufaktur, posiert vor den Exponaten einer Ausstellung, die das Unternehmen anlässlich seines 300. Geburtstages vorbereitet

Der Sanierer: Christian Kurtzke, Chef der Meissener Porzellanmanufaktur, posiert vor den Exponaten einer Ausstellung, die das Unternehmen anlässlich seines 300. Geburtstages vorbereitet

Auf diesen Moment muss der Mann gewartet haben. Seine Augen sind weit geöffnet, er lächelt freundlich, öffnet die Hände, hebt sie vom Tisch und dreht sie leicht nach außen, damit sein Gesprächspartner die Handflächen sieht. Denn das, was er jetzt sagt, soll ehrlich und überzeugend wirken: »Meissener Porzellan ist mehr als Tisch und Tafel.« Die Manufaktur Meissen werde völlig zu Unrecht auf Kaffee- und Speisegeschirr reduziert, sagt er und zählt mit den Fingern mit: »Wir haben die drei Bereiche Interieur, Schmuck und eben Tisch und Tafel.«

Er sagt nicht nur ein Mal »wir«, während er von der Produktpalette der Manufaktur erzählt – gerade so, als wäre er ihr Chef oder wenigstens ihr Sprecher. Ist er aber nicht. Olaf Raschke ist der Oberbürgermeister von Meißen. Im Flur vor seinem Büro fällt das Auge des Besuchers auf ein Tischmodell der Altstadt und auf eine große Vitrine mit Andenken aus aller Welt, aus Partnerstädten in Japan, den USA, Griechenland, Tschechien, Frankreich, China, Indonesien und Baden-Württemberg. Ganz oben stehen die Modelle eines ICE und einer Lufthansa-Maschine namens Meißen. Schließlich finden sich links neben der Vitrine zwei Prospekte. In dem einen wirbt ein Model für neues, international gestyltes Meissener Porzellan: Espressotassen, Pasta-teller, Müslischalen, Sushigeschirr. Der andere ist ein Faltblatt mit den Veranstaltungen und Ausstellungen zum 300. Jahrestag der Gründung der Manufaktur.

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Am 23. Januar 1710 hatte der sächsische Kurfürst Friedrich August I., auch als August der Starke bekannt und gleichzeitig König von Polen, mit einem Dekret die Gründung der Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellanmanufaktur angeordnet. Am 6. Juni desselben Jahres nahm sie in der Meißner Albrechtsburg ihre Arbeit auf, produzierte da, bis es zu eng wurde, und bekam 1863 ihr eigenes Werk. Dort, im Stadtteil Triebischtal, werden bis heute die gekreuzten Schwerter als Markenzeichen eingebrannt.

Keine zwei Kilometer sind es von der Albrechtsburg zur Manufaktur, zu Fuß durch die Altstadt in knapp 20 Minuten zu schaffen. Doch so überschaubar und direkt die Verbindung zwischen Burg, Stadt und Manufaktur auch sein mag – das Verhältnis zwischen ihnen ist es nicht. Unlängst noch wurde darüber gestritten, wo der Festakt zum 300-Jährigen stattfinden soll. Hannes Walter, bis zu seinem Ruhestand Ende September 2008 Chef der Manufaktur, hatte für den 6. Juni eine Veranstaltung in der Dresdner Semperoper geplant. Sein Nachfolger Christian Kurtzke kippte dieses Vorhaben mit der Begründung, dass ein Festakt in der Semperoper keinen Bezug zum Meissener Porzellan habe.

Eine Zeit lang war als Veranstaltungsort auch das Japanische Palais in Dresden im Gespräch. Dieses könnte einem Vorschlag des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich zufolge zu einem Porzellanmuseum, ja einem »Porzellanschloss« umgebaut werden. Doch das dürfte, wenn überhaupt, so schnell nicht zu verwirklichen sein und ist sowohl in politischen Kreisen als auch unter Fachleuten ohnehin umstritten.

Beim Streit um den Festakt zum 300. Gründungstag der Porzellanmanufaktur ging es weniger um solche Details als vielmehr darum, ob die Party in Dresden oder in Meißen stattfindet. Oberbürgermeister Raschke und der Meißner Landrat Arndt Steinbach hatten sich vehement dafür eingesetzt, dass das Porzellan dort gefeiert werden muss, wo es bis heute hergestellt wird, also in Meißen. Sie einigten sich schließlich mit Kurtzke und dem Freistaat als Eigentümer von Manufaktur und Albrechtsburg darauf, dass es am 6. Juni einen Festakt auf der Burg geben wird.

Der Direktor der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten, Christian Striefler, grinst verschmitzt, wenn er heute auf die Debatte angesprochen wird. »Für mich war schon immer klar, dass die Albrechtsburg eine zentrale Rolle beim Jubiläum spielen muss«, sagt er. »Sie gehört in die Top Ten der deutschen Schlösser.« Die Albrechtsburg solle, was die Gunst der Besucher angeht, zu einem sächsischen Neuschwanstein entwickelt werden, kündigt der Schlossherr an. Da liegt er auf einer Linie mit Manufakturchef Kurtzke, der sagt: »Ich vergleiche die Albrechtsburg immer mit Schloss Neuschwanstein.« Dass die Wortwahl übereinstimmt, ist kein Zufall. Es soll zeigen, dass die Herren über Manufaktur und Burg eine Sprache sprechen. »Früher wurde ja überhaupt nicht miteinander geredet«, sagt Striefler. Im vergangenen Sommer hatte er die bis dahin seit 15 Jahren amtierende Burgchefin überraschend in die Zentrale seiner Schlösserverwaltung versetzt. Bildlich gesprochen, hatte sie die Zugbrücke von der Burg zur Außenwelt nur selten und höchst ungern heruntergelassen. Kommentieren mag Striefler die Personalie nicht. Dafür redet er umso lieber darüber, wie er das Meissener Porzellan und seine Geschichte auf der Burg intensiv inszenieren will: beispielsweise von Mai an mit der Schau Der Stein der Wei(s)sen, die Besucher mit Geräuschen und Gerüchen in die Zeit versetzen soll, als hier in der ersten Manufaktur noch die Dampfmaschine keuchte.

MEISSEN, GERMANY - JANUARY 20: Artisan Baerbel Andreas paints an Indian-inspired vase at the manufactury of German luxury porcelain maker Meissen on January 20, 2010 in Meissen, Germany. Officially called Staatliche Porzellan Manufaktur Meissen, or Meissener Porzellan, Meissen porcelain was founded in 1710 in Meissen and will celebrate its 300th anniversary on January 23. Meissen porcelain is known for its delicate figurines and its onion-pattern blue and white tableware, though the brand also has a long history of jewellery. Meissen porcelain is still produced by hand in Meissen and is known locally as 'white gold' due to its high value. Today over half of its production goes abroad, especially to collectors in Japan and Taiwan. (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Es ist für Meissen und Meißen indes nicht immer so einfach, gemeinsame Wege zu gehen. Da ist einerseits die Manufaktur mit ihrem großen Namen und andererseits die Kleinstadt mit ihren Problemen, etwa einer Arbeitslosenquote von 13 Prozent, die auch durch die Manufaktur als drittgrößten Arbeitgeber nicht gelöst werden. Im Gegenteil: Knapp 800 Mitarbeiter sind hier beschäftigt; im Jahre 1990 waren es mehr als doppelt so viele. Das Unternehmen hängt am Tropf des Freistaates, dem es gehört. Für 2008 musste es im operativen Geschäft ein Minus von sechs Millionen Euro verbuchen. Bisher kam die Manufaktur seit der Wiedervereinigung immer auf eine schwarze Null oder auch mal auf ein kleines Plus. Für die Stadt Meißen heißt das unterm Strich, dass ihr wichtige Gewerbesteuereinnahmen fehlen.

»Ich bin als Sanierer angetreten«, sagt Christian Kurtzke. Zwei Jahre gebe er sich Zeit, um die Potenziale auszuloten. Das könne weitere Kostensenkungen bedeuten. Vor allem aber setzt er darauf, neue Produkte auf dem Markt zu platzieren. Er hofft, dass ihm das unter anderem mit neuem Schmuck gelingt, etwa mit der im Oktober auf den Markt gebrachten Kollektion Meissen Mystery. Das sind Ringe, Ohrringe und Anhänger aus einem handbemalten Stück Meissener Porzellan, eingefasst in Gold, das zusätzlich mit Diamanten besetzt ist. Kurtzke nennt sie »das neue, geheimnisvolle Kunstwerk von Meissen«. Tatsächlich erinnern die Schmuckstücke mit Dekoren wie dem feurig-roten Mingdrachen oder dem erhabenen Russischgrün so gar nicht an das, was die meisten Menschen mit Meissen verbinden.

Kurtzke muss deshalb immer wieder gegen Misstrauen argumentieren und gegen die Angst, die Manufaktur könnte sich zu weit von ihren Traditionen entfernen. So wird er nicht müde zu erklären, dass Meissen von Anfang an immer auch für Neues stand. »Wir sind keine Siedler; wir sind Pioniere«, sagt er. Als Beispiel führt er jene alte Schrift von Johann Friedrich Böttger an, der zusammen mit Ehrenfried Walther von Tschirnhaus das europäische Porzellan erfunden hatte. Darin hat Böttger selbst das Ziel formuliert, nicht nur Porzellan, sondern auch Edelsteine herstellen zu wollen. Kurtzke fand das Dokument im Archiv der Manufaktur. Ende der vorvergangenen Woche präsentierte er die Entdeckung bei der Eröffnung der Ausstellung »All Nations are Welcome«, die den Auftakt für das Jubiläumsjahr markierte.

»All Nations are Welcome« möchten auch Schlösserchef Striefler und Oberbürgermeister Raschke als ihr Motto verstanden wissen. Striefler erwartet, dass wegen des Jubiläums die Besucherzahl auf der Burg in diesem Jahr auf 180000 steigt, das wären doppelt so viele wie im letzten Jahr. Die Manufaktur zählt schon jetzt jährlich das Dreifache. Ihr Chef erklärt sich dies mit der Schnelllebigkeit des modernen Tourismus: In kurzer Zeit sollen die Reisenden möglichst viele Orte gesehen haben. Da ist die Manufaktur gegenüber Burg und Stadt klar im Vorteil. Sie hat einen eigenen Busparkplatz. Zwar können Reisebusse auch in der Meißner Altstadt ihre Fahrgäste absetzen, doch auf die Albrechtsburg geht es dann nur zu Fuß weiter. Das bereitet Mühe und kostet Zeit. Hier soll ein Aufzug Abhilfe schaffen, der gerade an den Burgfelsen gebaut wird und im Juni fertig sein soll.

Oberbürgermeister Raschke sucht derweil nach weiteren Möglichkeiten, Touristen einen Aufenthalt in der Altstadt schmackhaft zu machen, in der außer Schaufensterauslagen in Antiquariaten kaum etwas vom berühmten Porzellan zu sehen ist. Er und Manufakturchef Kurtzke wollen Gaststätten dafür gewinnen, ihre Speisen auf echtem Meissener zu servieren. Essen von edlem Geschirr als Gegenkonzept zur allgegenwärtigen Hektik. Vielleicht hilft es ja.

 
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