Weisses Gold Ran ans PorzellanSeite 2/2

MEISSEN, GERMANY - JANUARY 20: Artisan Baerbel Andreas paints an Indian-inspired vase at the manufactury of German luxury porcelain maker Meissen on January 20, 2010 in Meissen, Germany. Officially called Staatliche Porzellan Manufaktur Meissen, or Meissener Porzellan, Meissen porcelain was founded in 1710 in Meissen and will celebrate its 300th anniversary on January 23. Meissen porcelain is known for its delicate figurines and its onion-pattern blue and white tableware, though the brand also has a long history of jewellery. Meissen porcelain is still produced by hand in Meissen and is known locally as 'white gold' due to its high value. Today over half of its production goes abroad, especially to collectors in Japan and Taiwan. (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Es ist für Meissen und Meißen indes nicht immer so einfach, gemeinsame Wege zu gehen. Da ist einerseits die Manufaktur mit ihrem großen Namen und andererseits die Kleinstadt mit ihren Problemen, etwa einer Arbeitslosenquote von 13 Prozent, die auch durch die Manufaktur als drittgrößten Arbeitgeber nicht gelöst werden. Im Gegenteil: Knapp 800 Mitarbeiter sind hier beschäftigt; im Jahre 1990 waren es mehr als doppelt so viele. Das Unternehmen hängt am Tropf des Freistaates, dem es gehört. Für 2008 musste es im operativen Geschäft ein Minus von sechs Millionen Euro verbuchen. Bisher kam die Manufaktur seit der Wiedervereinigung immer auf eine schwarze Null oder auch mal auf ein kleines Plus. Für die Stadt Meißen heißt das unterm Strich, dass ihr wichtige Gewerbesteuereinnahmen fehlen.

»Ich bin als Sanierer angetreten«, sagt Christian Kurtzke. Zwei Jahre gebe er sich Zeit, um die Potenziale auszuloten. Das könne weitere Kostensenkungen bedeuten. Vor allem aber setzt er darauf, neue Produkte auf dem Markt zu platzieren. Er hofft, dass ihm das unter anderem mit neuem Schmuck gelingt, etwa mit der im Oktober auf den Markt gebrachten Kollektion Meissen Mystery. Das sind Ringe, Ohrringe und Anhänger aus einem handbemalten Stück Meissener Porzellan, eingefasst in Gold, das zusätzlich mit Diamanten besetzt ist. Kurtzke nennt sie »das neue, geheimnisvolle Kunstwerk von Meissen«. Tatsächlich erinnern die Schmuckstücke mit Dekoren wie dem feurig-roten Mingdrachen oder dem erhabenen Russischgrün so gar nicht an das, was die meisten Menschen mit Meissen verbinden.

Kurtzke muss deshalb immer wieder gegen Misstrauen argumentieren und gegen die Angst, die Manufaktur könnte sich zu weit von ihren Traditionen entfernen. So wird er nicht müde zu erklären, dass Meissen von Anfang an immer auch für Neues stand. »Wir sind keine Siedler; wir sind Pioniere«, sagt er. Als Beispiel führt er jene alte Schrift von Johann Friedrich Böttger an, der zusammen mit Ehrenfried Walther von Tschirnhaus das europäische Porzellan erfunden hatte. Darin hat Böttger selbst das Ziel formuliert, nicht nur Porzellan, sondern auch Edelsteine herstellen zu wollen. Kurtzke fand das Dokument im Archiv der Manufaktur. Ende der vorvergangenen Woche präsentierte er die Entdeckung bei der Eröffnung der Ausstellung »All Nations are Welcome«, die den Auftakt für das Jubiläumsjahr markierte.

»All Nations are Welcome« möchten auch Schlösserchef Striefler und Oberbürgermeister Raschke als ihr Motto verstanden wissen. Striefler erwartet, dass wegen des Jubiläums die Besucherzahl auf der Burg in diesem Jahr auf 180000 steigt, das wären doppelt so viele wie im letzten Jahr. Die Manufaktur zählt schon jetzt jährlich das Dreifache. Ihr Chef erklärt sich dies mit der Schnelllebigkeit des modernen Tourismus: In kurzer Zeit sollen die Reisenden möglichst viele Orte gesehen haben. Da ist die Manufaktur gegenüber Burg und Stadt klar im Vorteil. Sie hat einen eigenen Busparkplatz. Zwar können Reisebusse auch in der Meißner Altstadt ihre Fahrgäste absetzen, doch auf die Albrechtsburg geht es dann nur zu Fuß weiter. Das bereitet Mühe und kostet Zeit. Hier soll ein Aufzug Abhilfe schaffen, der gerade an den Burgfelsen gebaut wird und im Juni fertig sein soll.

Oberbürgermeister Raschke sucht derweil nach weiteren Möglichkeiten, Touristen einen Aufenthalt in der Altstadt schmackhaft zu machen, in der außer Schaufensterauslagen in Antiquariaten kaum etwas vom berühmten Porzellan zu sehen ist. Er und Manufakturchef Kurtzke wollen Gaststätten dafür gewinnen, ihre Speisen auf echtem Meissener zu servieren. Essen von edlem Geschirr als Gegenkonzept zur allgegenwärtigen Hektik. Vielleicht hilft es ja.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service