Siebeck Glasklare Sache
Claus Josef Riedel war der Kopernikus des Weinglases. Wolfram Siebeck erinnert sich an Gläser, die das Weintrinken revolutionierten.
Wir brauchen sie, die Querdenker. Wir brauchen Menschen, die alles infrage stellen, was wir lange als endgültige Wahrheit akzeptiert haben. Die Erde ist keine Scheibe, sondern eine Kugel? Die Sonne ein Fixstern, um den sich die Erde dreht? Da waren die Nägelkauer von damals aber perplex!
Ähnlich erging es den meisten Weinfreunden, als der österreichische Professor Claus Josef Riedel auftrat (er lebte von 1925 bis 2004) – und zum Kopernikus des Weinglases wurde: Er war einer, der Vorurteile über Bord warf und noch einmal von Grund auf über alles nachdachte.
Weil jeder Wein sein spezielles Aroma habe, brauche er auch Gläser, deren Form seine Eigenschaften optimal zur Geltung bringe, lautete das Riedelsche Dogma. Denn süße und saure, bittere und sonstige Geschmacksnuancen, über die Wein bekanntlich verfügt, werden an unterschiedlichen Stellen im Mund besonders deutlich wahrgenommen. Nach dieser Erkenntnis mussten sich praktisch alle Weintrinker der westlichen Welt neue Gläser anschaffen, am besten die, die Riedel in seiner Glashütte in Kufstein erfunden hatte. Er entwickelte überaus edle und teure Gläser, aus denen der Wein deutlich besser schmeckte als aus jenen, die seine Kollegen vor ihm produziert hatten. Sie waren hauchdünn und mundgeblasen.
Riedel wusste genau, wo die Geschmackszonen angesiedelt sind: an der Zungenspitze, am Gaumen, vorne und hinten, oben und unten. Und seine Weingläser waren so geformt, dass saure Weine zuerst auf die Stelle für Saures trafen, süße Weine aber wegen des speziellen Designs zuerst dorthin geleitet wurden, wo Süßes als besonders angenehm empfunden wird.
Alles Quatsch, behaupten manche Populisten von Zeit zu Zeit: Ein Wein vermittle sein persönliches Aroma, egal, aus welchem Glas er getrunken werde. Dem möchte ich hier ganz energisch widersprechen. Für eine Trockenbeerenauslese, die mit ihrer aufdringlichen Honigsüße alles niederwalzt, was sich ihr in den Weg stellt, mag das zutreffen. Aber ein zarter Riesling Kabinett, aus einem dicken Zahnputzglas getrunken, ist schlichtweg zum Abgewöhnen.
Außerdem sind für das komplexe Geschmackserlebnis, das wir beim Verkosten eines Weines empfinden, die gefeierten Papillen im Mundraum nur zum geringen Teil verantwortlich. Für das Erkennen der verschiedenen Aromen ist die Nase viel wichtiger, und erst in einem ideal geformten Glas entwickeln sich diese Aromen so deutlich, dass es auch einen Laien überzeugt.
Und selbst wenn dies alles nur Mumpitz wäre, so hätten die Gläser des Claus Josef Riedel (und die seiner Nachfolger und Nachahmer) der Weinkultur doch einen unschätzbaren Dienst erwiesen: Sie haben dafür gesorgt, dass wenigstens die unästhetischen Industriegläser mit den kurzen, dicken Stielen von den Tischen der Genießer verschwunden sind.
- Datum 07.02.2010 - 08:21 Uhr
- Serie Siebeck
- Quelle ZEITmagazin, 04.02.2010 Nr. 06
- Kommentare 13
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Mich würde ja interessieren, was die Fa. Riedel für diesen Artikel bezahlt hat?
[Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
... die ZEIT-Redaktion hat Schwierigkeiten, mit unangenehmen Wahrheiten umzugehen. Was aber nichts daran ändert, daß a) W.S. dringend daran gehindert werden müßte, sich weiter selbst Schaden zuzufügen und b) über einem solchen Beitrag das Wort "Anzeige" zu stehen hätte!
Also die Therorie, daß die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen auf einzelnen Abschnitten der Zunge geschmeckt werden, ist von 1901 und gilt als lange wissenschaftlich widerlegt:
http://www.sinnesphysiolo...
ist aber nur die Vorstellung ueberholt, dass es ausschliessliche Geschmackszonen gaebe. Dass die jeweiligen Rezeptorensorten in ihren alten Zonen konzentierter vorkommen als sonstwo, ist schon so.
ist aber nur die Vorstellung ueberholt, dass es ausschliessliche Geschmackszonen gaebe. Dass die jeweiligen Rezeptorensorten in ihren alten Zonen konzentierter vorkommen als sonstwo, ist schon so.
einer der bekanntesten Veraechter der, ich darf zitieren: mitunter "technisch fehlerhaften" deutschen Kueche, and einer urdeutschen Krankheit: dem Zeigefinger-Imperativ. Stets ist alles nur so und nicht anders richtig. Wenn man einen in diesem Ton geschriebenen Artikel liest, bekommt man fast schon wieder Lust die Roemerglaeser der Grosseltern vom Speicher zu holen.....
Riedel hat uebrigens auch eine Serie mit Wine-Tumblern aufgelegt die "O":
https://glassware.riedel....
Ok, duennwandig, aber sonst doch ziemlich zahnputzartig.
Muß mal nachschauen: Meine Oma selig hatte Gläser im Schrank, die sahen von der Form her genauso aus wie diese "O"-Gläser, hatteber fein gelschliffene Jugendtsil-Ornamente. Hoffentlich sind die noch da. Dann gibt's Wein nur noch daraus – und der wird schmecken; schon allein, um W.S. virtuell eins auszuwischen ;-))
dass die Riedel 'O' Gläser kein bisschen "zahnputzbecherartig" sind, die Form gleicht absolut der anderer Weißweingläser, nur eben ohne Stiel. Bei der Geruchs-/Geschmacksentwicklung spielt der Stiel keine Rolle, der abgeflachte Boden wird dem Aroma auch nicht schaden. Eben etwas für Leute mit einem anderen Geschmack.
Und um dem Vorwurf zuvorzukommen: Weder besitze ich auch nur ein einziges Glas der Firma Riedel, noch finde ich Gefallen an Weingläsern ohne Stiel.
Selbstverständlich sind Siebecks Kolumnen nicht immer jedermanns Sache, aber in diesem Fall sollte man sich mal fragen: Gab es nie ein Produkt oder eine Reihe von Produkten einer bestimmten Firma im eigenen Haushalt von der man so überzeugt war, dass man gerne vor anderen davon geschwärmt hat? Soweit ich weiß ist das nicht das erste mal, dass Siebeck sich als Fan von Riedel Gläsern zu erkennen gibt.
Ausserdem: Ist es wenn man von der Form von Weingläsern spricht nicht naheliegend von der Person/Firma zu erzählen, welche in diesem Bereich erwiesenermaßen Pionierarbeit geleistet hat?
Muß mal nachschauen: Meine Oma selig hatte Gläser im Schrank, die sahen von der Form her genauso aus wie diese "O"-Gläser, hatteber fein gelschliffene Jugendtsil-Ornamente. Hoffentlich sind die noch da. Dann gibt's Wein nur noch daraus – und der wird schmecken; schon allein, um W.S. virtuell eins auszuwischen ;-))
dass die Riedel 'O' Gläser kein bisschen "zahnputzbecherartig" sind, die Form gleicht absolut der anderer Weißweingläser, nur eben ohne Stiel. Bei der Geruchs-/Geschmacksentwicklung spielt der Stiel keine Rolle, der abgeflachte Boden wird dem Aroma auch nicht schaden. Eben etwas für Leute mit einem anderen Geschmack.
Und um dem Vorwurf zuvorzukommen: Weder besitze ich auch nur ein einziges Glas der Firma Riedel, noch finde ich Gefallen an Weingläsern ohne Stiel.
Selbstverständlich sind Siebecks Kolumnen nicht immer jedermanns Sache, aber in diesem Fall sollte man sich mal fragen: Gab es nie ein Produkt oder eine Reihe von Produkten einer bestimmten Firma im eigenen Haushalt von der man so überzeugt war, dass man gerne vor anderen davon geschwärmt hat? Soweit ich weiß ist das nicht das erste mal, dass Siebeck sich als Fan von Riedel Gläsern zu erkennen gibt.
Ausserdem: Ist es wenn man von der Form von Weingläsern spricht nicht naheliegend von der Person/Firma zu erzählen, welche in diesem Bereich erwiesenermaßen Pionierarbeit geleistet hat?
Muß mal nachschauen: Meine Oma selig hatte Gläser im Schrank, die sahen von der Form her genauso aus wie diese "O"-Gläser, hatteber fein gelschliffene Jugendtsil-Ornamente. Hoffentlich sind die noch da. Dann gibt's Wein nur noch daraus – und der wird schmecken; schon allein, um W.S. virtuell eins auszuwischen ;-))
ist aber nur die Vorstellung ueberholt, dass es ausschliessliche Geschmackszonen gaebe. Dass die jeweiligen Rezeptorensorten in ihren alten Zonen konzentierter vorkommen als sonstwo, ist schon so.
Entgegen früheren Vorstellungen können die vier grundlegenden Geschmacksqualitäten mit allen sensorischen Bereichen der Zunge detektiert werden.
Entgegen früheren Vorstellungen können die vier grundlegenden Geschmacksqualitäten mit allen sensorischen Bereichen der Zunge detektiert werden.
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