Personenrätsel Lebensgeschichte
Kaum einer trommelte schon als junger Mann so laut für die eigene Sache wie er, auch wenn er die Highschool nur mit Mühe schaffte. »Teilgenommen« stand im Abschlusszeugnis, das er wohl nur dem Wohlwollen des Direktors verdankte, der sein Ausnahmetalent auf anderem Gebiet erkannt hatte: »Glauben Sie, ich will der Rektor einer Schule sein, die…nicht beendet hat? Der wird später an einem Abend mehr Geld verdienen als der Rektor und alle Lehrer in einem Jahr.« Der gute Mann sollte Recht behalten, denn sein schlechter Schüler kannte ohnehin nur ein einziges Ziel: Superstar wollte er werden in einer Disziplin, die er zur Kunstform adeln würde.
Eine Vision, die sich erfüllen sollte, weil er hatte, was der Konkurrenz fehlte – Stil und Charisma. Allerdings verlangte der Weg nach oben viel Verzicht. Während Gleichaltrige rauchend in den Gassen herumlümmelten, verordnete er sich einen streng terminierten Tagesablauf voller Verbote. Keine Flirts, keine Drogen, keine Party. Dazu ein strenger Speiseplan: morgens zwei rohe Eier plus ein Liter Milch, tagsüber jede Menge Wasser mit Knoblauchextrakt und viel Kraftfutter. Nur ein perfekt funktionierender Körper würde ihm ermöglichen, seinen Traum zu leben, das wusste er und lebte danach.
Der Lohn ließ nicht auf sich warten: Nur Minuten brauchte er am entscheidenden Tag, um sich an die Spitze zu katapultieren. Und während sich die Zuschauer noch ungläubig die Augen rieben, strahlte sein gewinnendes Lächeln schon um die Welt. Fast über Nacht war er zum Publikumsmagneten avanciert. Und noch etwas war passiert: Ein Minderheitenprogramm war dank ihm zum Großereignis geworden. Vom Erfolg beflügelt, trommelte er weiter in eigener Sache: »Was glauben Sie wohl, wo ich nächste Woche wäre, wenn ich nicht wüsste, wie man schreit und brüllt? Ich wäre arm und wahrscheinlich in meiner Heimatstadt, würde Fenster putzen oder einen Fahrstuhl fahren und ›yassuh‹ und ›nawsuh‹ sagen.« Und dann trommelte er ein einziges Mal zuviel – und plötzlich fiel der Vorhang. Dieses eine Mal waren seine Gegner mächtiger als er gewesen. Von nun an hieß es für ihn und seine Fans, Geduld zu haben. Doch er hielt durch und schon wenige Jahre später schien es, als wäre er nie weg gewesen.
Und dann machte er doch diesen Fehler, den so viele machen: Er verpasste den richtigen Zeitpunkt, sich zu verabschieden. Nur zehn Jahre nach seinen größten Triumphen war der Held von einst kaum wieder zu erkennen. Die Zuneigung des Publikums aber blieb ihm erhalten, ja, sie schien noch zu wachsen. Und auch privat hatte er, nach drei harten Scheidungskämpfen, endlich zur Ruhe gefunden. Seine vierte Ehe gilt trotz mancher Bürde als harmonisch. Der Prahlhans der frühen Jahre hat, so scheint es, zu innerem Frieden gefunden. Und seine Popularität nutzt er nun vor allem, um für eine gerechtere Welt zu werben. Wer ist’s?
Lösung aus Nr. 5:
Sidney Poitier wurde 1927 in Miami geboren, seine Familie lebte auf Cat-Island (Bahamas) von Tomatenzucht. Der Einfuhrstopp der USA zwang die Familie, nach Nassau umzuziehen, wo seine Mutter Steine zu Kies zerklopfte und der Vater mit einem Bauchladen Zigarren verkaufte. Bei seinem Bruder in Florida mit dem Rassismus der USA konfrontiert, floh er nach New York, wo er sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlug. Als er bei einem »All negroe«-Theater vorsprach, konnte er kaum lesen und sprach mit breitem karibischem Akzent. Kompromisslos lehnte er Rollen ab, in denen Schwarze als »Onkel Toms« dargestellt wurden. 1964 erhielt er als erster Afroamerikaner den Oscar als bester Darsteller, 2002 den Ehrenoscar
- Datum 04.02.2010 - 06:37 Uhr
- Serie Lebensgeschichte
- Quelle ZEITmagazin, 04.02.2010 Nr. 06
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