Nie hätte ich mich draußen vor dem Café Kranzler verabreden sollen. Eisiger Ostwind am Ku’damm, wer nicht aus der Kälte kam, war der Ex-Spion, den ich porträtieren will. Er hatte Gründe, fernzubleiben. Ich hatte mich durch die Stasi-Akte des IM »Genua« gekämpft, 1693 Seiten, keine schmeichelt seinem Charakter. Gerade als ich gehen wollte, kreuzte eine Frau mit Begleiter auf. Sie habe mir was auszurichten: »Lassen Sie den Mann in Ruhe!« Sprachs und drückte mir einen Wisch mit der Adresse seines Anwaltes in die Hand.

Anscheinend war ich in die Fortsetzung eines Agententhrillers geraten. Mir hätte klar sein müssen, dass er jemanden vorschieben würde. Am Handy hatte »Genua« gejammert, »ich bin ein alter Knochen. Warum wollen Sie ausgerechnet über mich schreiben?« Das Muster kannte ich. Dahinter lauerte die Frage, warum ich mir keinen anderen von den 12000 inoffiziellen Mitarbeitern, IMs, der DDR-Staatssicherheit herauspickte. Die Antwort ist denkbar einfach. Wenige Vorgänge aus dem unterwanderten Berlin entlarven die Stasi so wie der exemplarische, im harten Kern jedoch einzigartige Fall: Er verscherbelte sensible Schlüssel nach drüben. Er war der Türspion.

Zu meiner Verblüffung ist sein Anwalt eine Westberliner Institution. Beim Gespräch in der Kanzlei ist der Wachsamkeit des Juristen eine sanfte Melancholie beigemischt, die in dem Job nicht ausbleibt. Er hat viel Übung darin, mit schwäbischem Zungenschlag gute Worte für Klienten zu finden. An der Wand hängt eine Zeichnung des Erpressers »Dagobert«, neben ihm der Advokat mit schlohweißem Haarkranz. Nach der Wende stand er Erich Honecker bei.

»Genua«, berlinerisch »Jenua«, trägt eine grüne Strickjacke mit Zackenrand. Der ältere Herr soll Deals für die Stasi gefingert haben? Er ist steif und käsig wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Die verschafften Hände führen zittrig die Tasse zum Mund. Man mag kaum glauben, wie behutsam der Schlosser mit Metallstiften in Schlüsselkanälen stocherte und ihr Inneres ergründete. Das ganze Gebaren ist das eines gedemütigten Menschen, der mit der Vergangenheit hadert.

Man entschuldige das Wortspiel, aber der traurige Spion gehört unbedingt in einen Schlüsselroman über die Stasi. Die taxierte IM-Kandidaten mit den Augen von Jägern, die auf leichte Beute lauern. Ich war darauf aus, seine Verstrickungsgeschichte von ihm selbst zu hören, die Geschichte von einem Schrauber, der ihr williges Werkzeug, aber auch ihr Opfer wurde, das immerhin muss man ihm zugutehalten.

Der Handwerker ist eine echte Type mit Berliner Schnauze. Im Wechsel zwischen Rage und Zerknirschung kann er einen mit seinem rauen Charme sogar für sich einnehmen. Mit diesem ertappten Gesicht und der fast befangen machenden Schutzlosigkeit, die von Personen ausgeht, die sich selbst in die Bredouille brachten. Ganz zu schweigen würde ihn auf die Rolle des Bösewichts festlegen, die er loswerden will. Jetzt redet er sich wenigstens das eine oder andere von der Seele. Die Fakten sind eh, wie sie sind, komprimiert in der von Führungsoffizier Rainer Lüer im Juni 1989 mit der Plombierzangennummer 1730 versiegelten Akte. Darin Treffberichte, Aufstellungen »über ausgezahlte Beträge und geleistete Sachwerte«, schmutzige Details in abgegriffenen Heftern des VEB Organisation-Technik Eisenberg. Das Publikum hat gelernt, solche Dossiers wie historische Schmöker zu lesen. Die Wahrheit hat nichts von ihrer Brisanz verloren. Stasi ist das aggressivste Wort der Wiedervereinigung.

Eine Unterredung im beruhigenden Ambiente schöner Kunst, trotzdem mit diesen unangenehmen Pausen, die alles sagen. Mein Gegenüber gab sich geläutert: »Ich schäme mich«, flüchtete sich aber in Wehleidigkeit: »Ich habe gesundheitliche Probleme.« – »Man ist so krank wie seine Geheimnisse«, behauptet Philip Roth. Wie viele Zuträger war der IM irgendwann, irgendwie in die Sache hineingerutscht und wollte die schnelle Mark mitnehmen. Wie andere Glücksritter erlag er dem Trugschluss, er habe alles unter Kontrolle.