Stasi-Mitarbeiter Der Türspion
Als Schlosser besorgte der Westberliner Stasi-IM "Genua" Schlüssel für seine Auftraggeber, öffnete Wohnungen und Polizeiwachen. Wie lebt er heute damit?
Nie hätte ich mich draußen vor dem Café Kranzler verabreden sollen. Eisiger Ostwind am Ku’damm, wer nicht aus der Kälte kam, war der Ex-Spion, den ich porträtieren will. Er hatte Gründe, fernzubleiben. Ich hatte mich durch die Stasi-Akte des IM »Genua« gekämpft, 1693 Seiten, keine schmeichelt seinem Charakter. Gerade als ich gehen wollte, kreuzte eine Frau mit Begleiter auf. Sie habe mir was auszurichten: »Lassen Sie den Mann in Ruhe!« Sprachs und drückte mir einen Wisch mit der Adresse seines Anwaltes in die Hand.
Anscheinend war ich in die Fortsetzung eines Agententhrillers geraten. Mir hätte klar sein müssen, dass er jemanden vorschieben würde. Am Handy hatte »Genua« gejammert, »ich bin ein alter Knochen. Warum wollen Sie ausgerechnet über mich schreiben?« Das Muster kannte ich. Dahinter lauerte die Frage, warum ich mir keinen anderen von den 12000 inoffiziellen Mitarbeitern, IMs, der DDR-Staatssicherheit herauspickte. Die Antwort ist denkbar einfach. Wenige Vorgänge aus dem unterwanderten Berlin entlarven die Stasi so wie der exemplarische, im harten Kern jedoch einzigartige Fall: Er verscherbelte sensible Schlüssel nach drüben. Er war der Türspion.
Zu meiner Verblüffung ist sein Anwalt eine Westberliner Institution. Beim Gespräch in der Kanzlei ist der Wachsamkeit des Juristen eine sanfte Melancholie beigemischt, die in dem Job nicht ausbleibt. Er hat viel Übung darin, mit schwäbischem Zungenschlag gute Worte für Klienten zu finden. An der Wand hängt eine Zeichnung des Erpressers »Dagobert«, neben ihm der Advokat mit schlohweißem Haarkranz. Nach der Wende stand er Erich Honecker bei.
»Genua«, berlinerisch »Jenua«, trägt eine grüne Strickjacke mit Zackenrand. Der ältere Herr soll Deals für die Stasi gefingert haben? Er ist steif und käsig wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Die verschafften Hände führen zittrig die Tasse zum Mund. Man mag kaum glauben, wie behutsam der Schlosser mit Metallstiften in Schlüsselkanälen stocherte und ihr Inneres ergründete. Das ganze Gebaren ist das eines gedemütigten Menschen, der mit der Vergangenheit hadert.
Man entschuldige das Wortspiel, aber der traurige Spion gehört unbedingt in einen Schlüsselroman über die Stasi. Die taxierte IM-Kandidaten mit den Augen von Jägern, die auf leichte Beute lauern. Ich war darauf aus, seine Verstrickungsgeschichte von ihm selbst zu hören, die Geschichte von einem Schrauber, der ihr williges Werkzeug, aber auch ihr Opfer wurde, das immerhin muss man ihm zugutehalten.
Der Handwerker ist eine echte Type mit Berliner Schnauze. Im Wechsel zwischen Rage und Zerknirschung kann er einen mit seinem rauen Charme sogar für sich einnehmen. Mit diesem ertappten Gesicht und der fast befangen machenden Schutzlosigkeit, die von Personen ausgeht, die sich selbst in die Bredouille brachten. Ganz zu schweigen würde ihn auf die Rolle des Bösewichts festlegen, die er loswerden will. Jetzt redet er sich wenigstens das eine oder andere von der Seele. Die Fakten sind eh, wie sie sind, komprimiert in der von Führungsoffizier Rainer Lüer im Juni 1989 mit der Plombierzangennummer 1730 versiegelten Akte. Darin Treffberichte, Aufstellungen »über ausgezahlte Beträge und geleistete Sachwerte«, schmutzige Details in abgegriffenen Heftern des VEB Organisation-Technik Eisenberg. Das Publikum hat gelernt, solche Dossiers wie historische Schmöker zu lesen. Die Wahrheit hat nichts von ihrer Brisanz verloren. Stasi ist das aggressivste Wort der Wiedervereinigung.
Eine Unterredung im beruhigenden Ambiente schöner Kunst, trotzdem mit diesen unangenehmen Pausen, die alles sagen. Mein Gegenüber gab sich geläutert: »Ich schäme mich«, flüchtete sich aber in Wehleidigkeit: »Ich habe gesundheitliche Probleme.« – »Man ist so krank wie seine Geheimnisse«, behauptet Philip Roth. Wie viele Zuträger war der IM irgendwann, irgendwie in die Sache hineingerutscht und wollte die schnelle Mark mitnehmen. Wie andere Glücksritter erlag er dem Trugschluss, er habe alles unter Kontrolle.
Aparter Zufall, die Kanzlei liegt unweit des Hotels Savoy. Im Herbst 1979 hatte der IM auf billigem Papier gen Osten vermeldet: »Anbei Schließplanentwurf und Funktionsbeschreibung für die Schließanlage Savoy Hotel. Gruß Genua«. Bald folgt die elektrisierende Vollzugsmeldung: »Duplikate vom Generalhauptschlüssel und Gefahrenschlüssel« besagter Nobelherberge in der Fasanenstraße konnten »zur weiteren operativen Verwendung beschafft werden«! Damit ließen sich in dem Haus, das den Gästen »Diskretion« verspricht, »Haupteingang, Konferenzzimmer, Direktionsbüros sowie alle Hotelzimmer« schließen. Was abgeschlossen werden kann, lässt sich wieder öffnen, die eiserne Regel von Schlossern und Einbrechern. Ein Sechser im Lotto, die Stasi hatte das Savoy als »Treffpunkt des Bundesnachrichtendienstes« im Visier. Am 8. Januar 1980 streicht der IM für seine Dienste ein Stasi-Salär von 3500 D-Mark ein. Nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass er Schließtechnik mit allem Drum und Dran in die DDR verscherbelte, die er im Westen zuvor gegen Bezahlung installiert hatte.
Weit mehr als jeder klassische Spionagefall öffnet die Akte »Genua« den Blick auf die verborgene Wirklichkeit der infiltrierten Frontstadt, eine City voller Verschwiegenheiten. Berlin undercover war ein Großversuch der Stasi. Historiker dringen wie Archäologen allmählich zu den Schichten vor, in denen noch manch bittere Sensation angelagert ist. Das jetzt mögliche »Verlinken« des gesammelten Aktenwissens bestätigt in erschreckender Deutlichkeit jene, die in »Horch & Greif« eine nach Art der Organisierten Kriminalität agierende Firma sehen. Alles, was als Bande durchgeht, Betrüger, Diebe, Fälscher, Schieber, kam zum Einsatz. Die Stasi bediente sich hemmungslos ihrer Hilfe. Im Protokoll einer Referatsbesprechung steht die Forderung: »Ein System von IM aufbauen, welche in der Unterwelt verankert sind«! Die Handlanger machten sich die Hände schmutzig, wurden verheizt wie »Genua«, der seine geheimdienstliche Agententätigkeit mit 18 Monaten auf Bewährung büßen musste. Analog zur Mafia kamen die meisten Paten ungeschoren davon. Nie wieder hat er von ihnen gehört.
»Genua« war Mitte 30, als er für Mielkes berüchtigte »Hauptabteilung VIII« zu fräsen begann. Im bürgerlichen Leben bis dahin unbescholten, ein rechtschaffener Berliner, würde man sagen. Stand jemand händeringend vor seiner Tür, weil er sich ausgeschlossen hatte, war er mit kundigem »Ich mach das schon« zur Stelle.
Einen von dieser Profession »zu tippen«, zu dingen, hieß, einen Volltreffer zu landen. Geschult an Messing und blankem Stahl, erkennen Experten das Fabrikat eines Schlosses am Schnappen. Das Berufsbild passte unbedingt in die Verratsbranche. Spionage ist eben vorwiegend exakte Handarbeit. »Genuas« Metier bot die perfekte Tarnung. Außerdem war er ein netter Kerl.
Mit ihrem Gespür für Verlierer kriegte die Stasi den Kandidaten denkbar einfach dran. Tastend bewegte sie sich auf ihn zu. Sie wollte sein Know-how. Es dauerte Jahre, bis er realisierte, dass ein Job am Grenzübergang Dreilinden die listig eingefädelte Bekanntschaft mit dem Geheimdienst war. Über Funk hatte man ihn zum Öffnen eines Autos gerufen. Der Hilfesuchende ließ sich die Karte des Schlossers geben. Danach kam 1970 der telefonische Lockruf eines »Herrn Brandt«. Der verkaufte ihm die hochtrabende Lüge, beim »Ministerrat der DDR, Sektor Botschaften« zu sein. Wäre der Schlüsselmann befragt worden, er hätte geschworen, der Herr Brandt sei echt gewesen. Sie rekrutierten gern Leute, die ihre Blindheit mit Scharfsinn verwechselten. Ob er Schlüssel liefern könne, »die wir nicht anfertigen können«?
Mielkes Truppe spannte einen desillusionierten Mittelständler vor ihren Karren. Ein Schlosser galt nicht viel, Eisenwaren warfen Pfennigbeträge ab, die Miete stieg, die Steuereintreiber hatten ihn im Schwitzkasten, er fühlte sich deklassiert. Ihm schwante, mit ehrlicher Arbeit allein wird das nix: Det is Berlin, man hört die geplagte Seele aus ihm sprechen. Sein Politikverdruss spielte der Stasi in die Karten. Nur einer, den sein Los erbitterte, konnte auf ihre fadenscheinige Legende hereinfallen. Der Schlüssel-Bund funktionierte denkbar einfach: Sie zahlten, er schaffte an.
Es herrschte Kalter Krieg. Verfeindete Brüder und Schwestern in Ost und West. In der geteilten Stadt wählten Zeitgenossen wie »Genua« gemeinhin CDU, verteidigten die Freiheit gegen die verabscheute SED, ein sprichwörtliches Bollwerk gegen den Kommunismus. Umso hartnäckiger versuchte die Stasi, »kleine Gewerbetreibende aller Berufsrichtungen« umzudrehen. Mit seinem fragilen Dasein gehörte der IM einem leicht zu lenkenden Typus an – Menschen, die sich durch Verrat für mangelndes Prestige und Unterlegenheitskomplexe entschädigen, eine subtile Form der Rache. Der Agent war naiv. Aber nicht so naiv, dass er keine merkantile Fantasie gehabt hätte. Ein Vermerk hält fest, »Genua« habe die »Bedingung« gestellt, dass er das, was er ihnen verkaufe, »nicht von der Steuer absetzen muss (ohne Rechnung)«! Sie sponserten ihm sogar die 500 D-Mark für eine Hertha-Jahreskarte.
Westberliner hielten sich was auf ihren Instinkt zugute. Sollte er eine Vorahnung gehabt haben, wie windig »Herrn Brandts« Herkunft war, brachte er nicht die Kraft auf, sich zu wehren. Mit dem Satz: »Lieber Freund. Weiterhin überall an Zweitschlüsseln Interesse. Wir vergüten Dir alles… Geld für Dich liegt auf der Straße« stifteten sie ihn zum Fehler seines Lebens an, der jede erdenkliche Katastrophe einschloss. »Für mich war jeder Pfennig lebenswichtig«, erklärt »Genua« kleinlaut. Das Wasser stand ihm bis zum Hals, er ließ sich treiben. Beim Aktenstudium kann man nur staunen, wie beiläufig die Einflüsterer ihn ins Unglück stießen.
Hüben war er ein klammer Handwerker, der den Umsatz durch eine Schuh-»Absatzbar« steigern und sich mit einem Kleinbus ein Zubrot verdienen musste. Die da drüben werteten ihn zur Koryphäe auf, schmeichelten ihm durch ihr Interesse, ein lang entbehrtes Gefühl. Clever, wie sie ihn unter dem Deckmantel »Ministerrat der DDR« schleichend vereinnahmten und einen schwachen Moment ausnutzten. Er konnte anfangs nicht wissen, für welches Schurkenstück er bestimmt war. Die Stasi-Zentrale fehlte auf dem Stadtplan des VEB Tourist. Seine neuen Bezugspersonen von der »HA VIII« waren abgefeimte Profis, inszenierten »Maßnahmen gegen Einzelpersonen, Gruppen und Einrichtungen« in der BRD. Ihre »Schließtechniker« studierten »Schlüsselangriffskurven« wie Wissenschaftler, machten vor keiner Türe halt. Einstweilen feilten sich die Kader »Genua« zurecht wie er ihnen die Profile.
Auch nicht dumm, bei ihm auf einen Schuss Abenteuerlust zu spekulieren. In seinem freudlosen Einerlei fühlte er sich sportlich herausgefordert. Die DDR-Partner gurkten im Moskwitsch herum. Den Unterlagen zufolge, zog er für die Geschäftspartner eine Schau ab, knackte, unbemerkt von Passanten, einen Dacia in zwölf Sekunden und behauptete, beim BMW 732 i brauche er nicht länger als 20. Binnen 40 Minuten fertigte er 24 Schlüssel für VW 1300, BMW 2000 und Mercedes 250. Fantastische Werte unter Genossen, die so etwas auf ihre Jahrespläne hochrechneten. »Genua« verfügte über die Art von zupackender Energie, die ihnen fehlte. Sogar Schlüssel für den Austin/Vauxhall waren ein Klacks. Alles, was vier Räder hatte, sollte durchsucht werden können.
Wie sich herausstellte, legte die Stasi ihn in Gestalt von Hans Kusche herein. Ein Hartgesottener in der Maske des Biedermanns, von Dank für die große Mutter Partei erfüllt, die den Traktoristen zum Akademiker machte. Einer dieser Mini-Mielkes mit kruden Gewaltfantasien gegen die BRD. Er bastelte gern Agentenringe, aufschlussreich sein Faible für fernwehkranke Tarnnamen à la »Genua«. Am Feierabend ging es heim zu Muttern in die Plattenbauidylle am Strausberger Platz.
Dienstgrade wie er waren Führungsoffiziere. Aber mehr noch waren sie Verführungsoffiziere, ihre Überredungskunst hätte Gänsen die Federn abschwatzen können. »Glaube mir!«, stand auf seiner Stirn geschrieben, aber dahinter formte sich der Gedanke: »Für Geld kann ich dir jedes Geheimnis entreißen.« Ängste von IMs an der geheimen Front zerstreuten die Bürohengste mit aufgesetztem Geplapper, man könne getrost sein Leben auf sie verpfänden. Ehrlicher klingt ihr gern kolportierter Kantinenwitz: »Spion ist, wer sich schnappen lässt!«
Agenten wollen durch Wände gehen können. Wie sollte das funktionieren? Zum Beispiel durch das »Anlegen eines übersichtlichen Schlüsselarchivs«. Kusche träumt diesen Traum aller Spione. Er befiehlt die »Forcierung der Angelegenheit betreffs Beschaffung aller zugänglichen Schlüssel aus dem Bereich WB« (West-Berlin), damit im Bedarfsfall eine »allseitige operative Nutzung möglich ist«. Eine feine Umschreibung für Einbrüche und Bespitzelung. In seiner Lakonie liefert das Dokument das Selbstbild von Größenwahnsinnigen. Das Berlin ihrer Hirngespinste ist ein total transparentes Gebilde mit einem Stadtplan der Häuser, zu denen sie sich Zugang erschleichen könnten. Durchweg gutbürgerliche Adressen.
»Genua« kannte Kusche nur als »Hans«. Am 6. Juni 1975 kungelten sie im Restaurant Budapest in der Marx-Allee. Vorgeblich kreiste ihr Gespräch um Schlüssel für Depeschentaschen »made in Hongkong«, eine Order aus dem Ministerflügel. Wichtiger schien, den Treff heimlich zu knipsen. Die Fotos tauchen einen Herrn ohne Aktentasche (»Hans«) an der Seite eines Herrn mit Aktentasche (»Genua«) in Schwarz-Weiß, der eine wie der andere die Unauffälligkeit in Person. Hätte der IM von der Fahne laufen wollen, wäre er durch das Beweisbild erpressbar gewesen.
Peu à peu fügte er der Westexistenz eine östliche Schattenexistenz hinzu. Die Gespaltenheit der Stadt entsprach seiner eigenen. Hier gab er vor, der zu sein, für den man ihn hielt, da spielte er den Spitzel, zu dem die Stasi ihn laut Gericht 1975 gemacht hatte.
In den Lehrjahren mischen sich seine Transaktionen mit den tragikomischen Elementen einer »Miljöh«-Studie im Schutz der Mauer. Die Firmenreklame am Auto montierte der Grenzgänger beim Seitenwechsel alsbald ab. Unschuldig war er nicht mehr. Sicherheit war sein Beruf, nun ist Gefahr sein Geschäft.
Kusche & Co hatten ihm diverse Agententricks beigebracht. Beim Ausspionieren sollten Blumen im Arm die Harmlosigkeit unterstreichen. Platzte eine Verabredung, galt: Wiederholung nächster Tag, gleiche Zeit. Der ums Eck an einer Telefonzelle hinterlassene Satz »Grüße aus Genua« sollte signalisieren, der »tote Briefkasten« (TBK) muss geleert werden. »Es geht allen sehr gut« bedeutete, die Luft ist rein. Klingt nach Agentenkino, das im Allgemeinen mit dem Scheitern der Hauptperson endet.
Im Frühjahr 1976 hatte der IM seine Initiation mit einem besonderen Coup bestanden. Was trotz Anweisung höchster Stellen »den dafür zuständigen Diensteinheiten nicht möglich war«, schaffte »Genua«: Er organisierte »STUV-Sicherheitsschlösser Nr. 4374 G/P« für Postschließfachschränke. Nun kann man rätseln, wessen Briefe die Stasi fortan klaute.
Die »VIII« war unersättlich. Mal verlangte sie »eine Spezial Codefräsmaschine WASTA-TEX 72 zur Anfertigung von Schlüsseln, ca. 600 kopierte Schlüsselcodeunterlagen mit dazugehöriger Leittabelle, 101 Lehrenschlüssel zur Nachfertigung fast aller geläufiger Kfz-Schlüsseltypen nach Schlüsselnummer«. Mal schleppte er aus dem »NSW«, Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet, unbehelligt 80 Kilo schwere Diamond-Safes ran, feuersicher, metallic anthrazit. Gebraucht wurden 1500 D-Mark teure »Koffer mit Öffnungsbesteck«, Magnetschlösser sowie Alarm-, Rund-, Halb- und Knaufzylinder, mit und ohne Entkoppelung. Hunderte von Posten, Seite um Seite. Übergabe des Schmuggelguts an abgesicherter Stelle im Transitraum beim »Nothalt nach Hinweisschild Ausfahrt Lehnin 1000 m«. Aus Angst vor Verfolgern vor dem Umladen kurzer Stopp auf rumpeliger Zonenstraße am »Sichttreffort zum gegenseitigen Erkennen«.
Mit den von »Genua« still und leise rübergeschafften Stücken (außer der Reihe mal ein Kalender mit Jagdmotiven für den Bereichsleiter) hätte man einen Warenkatalog bestücken können. Das Gericht bezifferte den Wert später auf rund 220000 D-Mark entsprechend 1,5 Millionen Ostmark. Weit mehr als die nackte Zahl, enthüllte das Lob der Schlüsselfetischisten den eigentlichen Zweck der Trophäen, die »in vollem Umfang gegen den Gegner eingesetzt werden« konnten. Die Unterlagen seien »in keinem Fall offiziell zu beschaffen«. Die »wertvolle Quelle« habe bereits »ca. 40 Schlüssel« angefertigt. Man war »alsbald zur Herstellung jeglicher Sicherheitsschlüssel in der Lage«.
Im Stasi-Kosmos fungiert die »VIII« dabei als Lieferant streng abgeschotteter Kader. Deshalb ist kaum zu klären, was im Einzelnen mit den aufgetriebenen Teilen angestellt worden ist. Die Annahme kann nicht falsch sein, dass es einen Schnüffler bei kriminell erworbenen Schlüsseln sofort in den Fingern juckt.
Ende 1978 verbuchte die HA VIII in feiner Perlschrift die Übernahme eines »speziellen Sicherheitsschlüssels« der Westberliner Polizei, »welcher für dienstliche Obliegenheiten im gesamten Territorium verwendet wird: Betätigung aller Verkehrslichtsignaleinrichtungen, Öffnen aller Polizeirufsäulen, Öffnen der Eingangstüren aller Reviere, Öffnen aller Einfahrtstore zu Polizeiparkplätzen«. »Genua« hatte den Schlüssel aller Schlüssel bei einem Ordnungshüter abgekupfert. Fix testeten IMs die Funktionstüchtigkeit bei der Wache Prinzenallee. Noch der demonstrativ sachliche Bericht lässt ihr Triumphgeheul ahnen.
Mit dem Notschlüssel hätte die Stasi im Westen ein heilloses Chaos anrichten, sämtliche Ampeln auf Rot stellen können. In ihrem lächerlichen Hochgefühl ließ die »VIII« sich nicht lumpen, honorierte dem IM diesen »Ausdruck einer absoluten gegenseitigen Vertrauensbasis« mit 800 D-Mark Prämie.
Ihr Partner war ein Kumpeltyp, breitete sich redselig über seinen Alltag aus. Sie wussten über ihn Bescheid, mehr als er selbst: Dass ihn die Werkstatt 80000 D-Mark gekostet hatte. Dass er für fast 15000 D-Mark Rohlinge mit dicken und mit dünnen Rippen angeschafft hatte. Dass er seinem Türken 12 D-Mark die Stunde zahlte, acht weniger als den Deutschen. Dass seine krummen Dinger mit ihnen gute, weil vom Finanzamt »unkontrollierbare Einnahmen« waren. Dass er wenig Zeit an der Ladentheke verbrachte, ideal für die raschen Manöver, die sie mit ihm vorhatten.
Familienbande. Unter dem Vorwand, er besuche den Onkel in Bernau, stahl er sich zu Stasi-Terminen. Die gleichfalls im Osten gebliebene Schwiegermutter plagte ihn, wollte oft zur Tochter in den Westen. Der lange Arm der Stasi sorgte dafür, dass sie das durfte, was »weitere Dankbarkeit des IM zur Folge hatte«. »Genua« glaubte an eine fürsorgliche Geste, während die Dunkelmänner ein Netz von Abhängigkeiten sponnen, das ihnen Macht über ihn verlieh. Vordergründig scheißfreundlich, observierten die Zyniker, wohin er fuhr.
Schon beinah wieder komisch, ausgerechnet den Überwachern zu beichten, wie gern er in Touristenfallen wie der Disco in der Wisbyer Straße die Puppen tanzen ließ. Bei den Kontrollfreaks schrillten die Alarmglocken, sie fürchteten, er würde sich »dekonspirieren«.
Ehe er sichs versah, verschränkte sich seine Vita mit der von sechs auf ihn angesetzten Offizieren. Dramatisch, wie schnell ihre Hinterlist abfärbte. Beruflich pflegte »Genua« Umgang mit Schupos. Jetzt verkloppte er der Stasi für 500 D-Mark eine Liste mit 28 Personen, deren Wohnungen er im »Beisein der Polizei öffnen musste«. Fast der Gipfel der Schäbigkeit: Der Dienst baggerte gern Gestrandete an, entlockte dem IM Daten von Mietern, deren Türen er für Pfändungen aufschließen musste. So wechselte ein Schlüssel aus der Bernauer Straße die Seiten. Dort lebte ein mit 6000 D-Mark verschuldeter Polizist, für den sich die Stasi brennend interessierte. Oder: Ihr Helfer verkehrte mit dem Einbrecher Rudi. Den soll er der »VIII« als »absolut brauchbar für unsere Arbeit« empfohlen haben. Rudi bekam das Alias »Tresor« verpasst.
Solide und deutsch, der Schlosser arbeitete nach Tarif, verlangte 800 D-Mark für den Schlüssel einer »relevanten Person«, 1000 kostete der einer »Persönlichkeit im öffentlichen Leben (Politiker)«, da er »stets ein hohes Maß an Risiko zu tragen hat«. Nachdem er sich für die Stasi ruiniert hat, könnte man meinen, er habe sich weit unter Wert verkauft.
Es läuft wie geschmiert. »Genua« baut in der Goethestraße eine Schließanlage ein. Danach kassiert er drüben 500 D-Mark für den Generalschlüssel, der Haustür und fünf Wohnungen des Objekts öffnete, die Mieterliste im Honorar inbegriffen. Zur Besänftigung seines Gewissens lässt die Stasi »als Anreiz« für einen Schlüssel aus der Bismarckstraße acht Blaue springen. Damit erwirbt sie günstig Zugang zur Wohnung der Bundestagsbediensteten M. Eine Agentin, behauptet die Stasi. Bei Übergabe des »schließtechnischen Materials« ergeht die Maßgabe, die Codenummern müssten herausgeschliffen werden.
Nicht viel anders verfährt »Genua« mit dem Passepartout von Rechtsanwalt Wolfgang Büsch in der Wilmersdorfer Straße, Sprechzeit »wochentags 15–18 Uhr«. Der Innensenator a. D. (pikanterweise trat er einst in der Affäre um den inzwischen als Stasi-Spion enttarnten Todesschützen Heinz Kurras zurück) mochte gehofft haben, der Schlosser sorge für mehr Sicherheit bei ihm. Stattdessen nimmt der einen Schlüssel für die HA VIII an sich. Stolz wie Bolle prahlen sie damit im Ministerbüro. »Genua« dealt ferner mit dem Zweitschlüssel zur Wohnung einer Mitarbeiterin von CDU-Bürgermeister Lummer, den die Stasi auf dem Kieker hat. Nicht unwichtig die Warnung für potenzielle Stasi-Einbrecher, die Dame lebe mit »zwei sogenannten Edelkatzen«.
Nach der gewöhnlichen Maxime, die da heißt, die Stasi hortet alles, klimpert er im August 1981 mit dem Sicherheitsschlüssel B 21/ 04 77 51/ SP 30. Die Nummer führt zur Grund Kreditbank EG, Volksbank, Eichhorster Weg 93, heute eine Kneipe mit Biergarten. Das Asservat findet sich auf Seite 68 im zweiten Aktenband. Was wurde damit angestellt? Im Februar 1983 besorgt ihr Expressdienst das Original mit Sperrprofil zur Wohnung einer in »1000 Berlin 31« lebenden SFB-Redakteurin. Der IM rät zur Vorsicht, der Schlüssel dürfe »auf keinen Fall« in falsche Hände geraten, »da man hier keine Ausrede« habe. Als Anerkennung händigt man ihm 600 D-Mark aus. Dann will die Stasi die »S- und M-Sätze« für Briefkästen, 120 Schlüssel mit Mengenrabatt für 600 statt 840 D-Mark, damit seien »fast alle geläufigen Briefkästen zu öffnen«. »Genua« kommt aus Erlangen mit einem »Meteor«-Schlüssel für den »letzten Briefkasten oben rechts« eines Hauses in der Bamberger Straße zurück. Muss was Wichtiges gewesen sein, man hatte ihn dafür nach Bayern gehetzt.
Endlich der Schlüssel zum Ostberliner ARD-Fernsehstudio. Ein Angestellter, Kennung 499-22/85-K im Stasi-Fotoarchiv, hatte das Ding bei »Genua« bestellt. Der zieht fix eine Kopie. Auf Befehl von oben macht man »vorerst aus Gründen der Sicherheit für den IM« keinen Gebrauch davon.
Aufs Ganze gesehen, ist in den langen Jahren der Dusel »Genuas« wichtigster Verbündeter. Niemand kommt ihm auf Schliche, auch nicht als er, so die Akte, den Sicherheitsschlüssel zur Hauptverwaltung der Jüdischen Gemeinde in der Joachimsthalerstaße abzwackt. Nur den von ihm angebotenen Generalschlüssel zur Detektei P. verschmäht die »VIII«. Er konnte ja nicht ahnen, dass sich sein Bekannter der Stasi als »Selbstanbieter« angedient hatte und durch aktenkundige »Skrupellosigkeit« gefiel.
Im Januar 1990 ging bei der Stasi das Licht aus. Wer hat die in der Akte »Genua« inventarisierten Schlüssel zu Adressen in der Burchardstraße, Kantstraße, Rankestraße, Wundstraße, Wiener Straße mitgehen lassen? Unauffindbar, keine schöne Vorstellung.
Der Agent war weder revolutionär noch radikal. Wer einen Ami-Schlitten Chevrolet Camaro chauffierte, konnte dem Trabi-Land nichts abgewinnen. Er war bloß ein kleiner Schlosser mit großen Sorgen und der Illusion, das lächelnde Stasi-Monster erlöse ihn von der ewigen Misere. Dabei geriet er endgültig auf die Verliererstraße und vergeigte, was er retten wollte: seine Existenz. Mit einer für einschlägige Dossiers paradoxen Sorglosigkeit setzte »Genua« den Klarnamen unter Aufträge und Quittungen über empfangene Zahlungen.
Die Stasi war ein Betrieb für Junkies, gierte ständig nach stärkerem Stoff. Am 1. August 1985 dirigierte man »Genua« in die konspirative Wohnung »Amsterdam«; das Schloss hätte er mit der Nagelfeile geknackt. Es roch nach Gulasch und Rotkohl. Besonders penetrant stank es nach Verrat. Er kannte den Block in der Willi-Bredel-Straße 48, hatte dort Beträge bis 10000 D-Mark in die Hand gedrückt bekommen. Diesmal ging es um 800 absprachegemäß gewünschte »Schlüsselrohlinge« der besten Fabrikate: »Abus, BKS, Börkey, FAB, Zeiss Ikon, Corona«. Außerdem sollte er »zielstrebig« den Schlüssel des »Zielobjektes Canaria« in der Pestalozzistraße 3 beibringen und die »Möglichkeit einer konspirativen Öffnung« der Wohnung eruieren.
Man saß unter einer fünfflammigen Lampe. Kein schlechtes Versteck für eine Wanze? Die Schrankwand »Carat II« nahm viel Platz weg. Rainer Lüer, der letzte Führungsoffizier, erinnerte den Gast bei Wein und Kaffee an den »Dauerauftrag zur Bereitstellung von Duplikaten zu Wohnungsschlüsseln interessanter Personen« aus West-Berlin. Nach dem Motto, alles in der Welt hat seinen Preis, hob der Punkt »Finanzielle Mittel« die Laune: »400 DM Gehalt Juli 1985«, 500 für den Auftrag »Canaria«, 300 für Arbeitsausfall, 150 für »2 Kodak Filme und Benzinkosten«. Die Treffkosten von 38,13 Ostmark streckte »Rainer« vor, 78 Pfennige für saure Sahne inklusive.
Der Hauptmann trug Karos wie Nick Knatterton und sah entschieden zu naseweis aus. Nach außen verbindlich, bemaß der falsche Freund den IM nur nach Schlüsseln, beurteilte ihn streng wie ein Bulle: »Genuas Gesamtinformationen trugen … einen stark belastenden Charakter über Personen, Objekte und andere Sachverhalte aus dem Operationsgebiet.« Sprich: Er hatte sich strafbar gemacht, saß in der Falle. Sie hatten ihn ausgesucht, um nicht mehr von ihm abzulassen.
Der IM nahm seinen festen Platz im Stasi-Gesamtplan ein. Das Schäbigste ist oft das Magnetische. Hätte er aussteigen können? Nur um den Preis der Entlarvung. Die Situation war ihm entglitten, er war zum Mitmachen verdammt. In »Arbeitsnachweisen« hatte er reichlich Spuren hinterlassen, tauchte in Besucherlisten »konspirativer Wohnungen« auf wie der von einem Witzbold »Palast« getauften Bude im 19. Stock der Eisler-Straße 2. Sie führten über jede Schieberei Buch, über jede geköpfte Flasche »SU-Wodka«, rechneten auf Formblatt 29 die »Rückführung von Pfandflaschen« ab. Man kann in dieser bürokratischen Obsession einen Beitrag zum Untergang der DDR sehen. Am 17. April 1989 schließt die Bilanz mit 30,56 Mark Ost für »Speisen und Getränke«.
1981 balancierte der IM mit 150000 D-Mark Schulden am Rand der Pleite. Die Rettung war ein »ausgehändigter« Stasi-Kredit über 17000 D-Mark, zinslos, auf Heller und Pfennig zurückbezahlt. Zum Kleingedruckten gehörte die »Bereitschaft, entsprechend seinen Möglichkeiten jeden Auftrag… zu realisieren«. Anno 88 half ihm die »VIII« erneut mit 7000 D-Mark »Prämie« und »Gehaltsvorauszahlung« aus der Patsche, verbunden mit dem Gelöbnis »weiterer guter Arbeitsergebnisse«.
Agenten mit finanziellen Motiven sind besser zu führen als Überzeugungstäter. Man kannte sich. Bei so einem geizte die Stasi nicht mit »Drachenfutter«: Zum Geburtstag kaufte man für seine Frau Merci-Schokolade, der IM bekam Rotkäppchen-Sekt statt billigen Zarea aus Rumänien. Zur Hochzeit kam ein »Weingeber« vom HO Kunstgewerbe. Lüer war echt von den Socken, dass sein Agent aus steuerlichen Gründen seine Gattin ein zweites Mal ehelichte, von der er sich aus ebendiesen Gründen vorher hatte scheiden lassen.
Mehr ins Gewicht fielen Boni in Form geldwerter Anerkennungen. So geschehen mit 500 D-Mark für die »sofortige Herstellung von Nachschlüsseln einer Westberliner Institution, welche im Interesse der Sicherheitsbedürfnisse der DDR benötigt wurden«. So geschehen bei jeweils 1000 D-Mark zum 30. Jahrestag der DDR-Gründung und als Prämie für 1988. So geschehen bei den 2000 D-Mark »insbesondere für die … gegebene Information zu mir bekannt gewordenen Mitgliedern einer kriminell tätigen Menschenhändlerbande in West-Berlin«, gemeint: Fluchthelfer. Das von der Stasi formulierte Bekenntnis ist vergiftet, verrät »Genua« als Verräter. 1989 zeichnet man ihn mit der »Verdienstmedaille« aus. Die 500 Mark nimmt er mit, die Medaille verbleibt in der DDR, sagt er. Bei der deprimierenden Sachlage versteht man, warum er dem Leben hinterherweint, da er noch nicht »Genua« gewesen war.
Schon seltsam, die Begegnung mit »Genua«, der sich vor der Vergangenheit verkriechen möchte. Der Mann bleibt ein Rätsel. Hätte er den Stasi-Windbeuteln misstraut wie dem Reporter, wäre ihm viel erspart geblieben. Er sitzt wie auf Kohlen, sehnt sich nach der Süße des Vergessens, während die Anatomie der Stasi präziser und präziser wird. Konkretes steuert er kaum bei, schon gar nicht zum Fall des Jürgen Fuchs. Den 1999 verstorbenen Autor hat die Stasi besonders geschunden. Bis heute ist dem vielleicht begabtesten Lyriker der DDR keine Gerechtigkeit widerfahren; seine Peiniger blieben ungeschoren. »Genua« baldowerte Fuchs Wohnsituation im Westen aus. Zwar weihte ihn die »VIII« mit keiner Silbe in die perfide »Zersetzungsmaßnahme« ein. Aber über allem lag Niedertracht. Noch immer hält sich das Gerücht, die Stasi habe ihren »Staatsfeind« beseitigen wollen.
Bericht »zur spezifischen Aufklärung F.« vom 24. Mai 1983. Der IM wurde für die verdeckte Aktion eingespannt, beschafft zwei Nachschlüssel »zum Betreten des Hauses« am Tempelhofer Damm. Das Kerfin-Schloss stellt »eine gewisse Kompliziertheit dar«. An Fuchs Tür ein »Weitwinkelspion«, ein »Zeiss-Ikon-Kastenschloss 7 RN« mit Verriegelung, Stahlbeschlag, Bohrschutz, feststehendem Türknauf, Schließzylinder unbekannter Fabrikation: »konspiratives Eindringen« unmöglich. Die massive Bewehrung spricht dafür, dass der Literat mit dem Schlimmsten rechnete. Der IM vermutet Reserveschlüssel in Keller Nr. 69, das Vorhängeschloss »mittels Tastwerkzeug« zu öffnen, scheitert.
Das in acht Einsätzen erarbeitete, gleichwohl »sehr wertvolle Ergebnis« landet auf Mielkes Schreibtisch: »Erledigt 25.05.83«. Ende 1987 folgte ein »Bildbericht« mit 16 Aufnahmen. »Genua« testete vor Ort Fuchs Hausschlüssel. Das Relikt, mit glattem Schaft und DDR-Plastikanhänger für 15 Pfennig, wird fortan in einem Kuvert verwahrt. Der IM erhält gemäß Abrechnung 500 D-Mark.
Dann das wilde Finale. Hals über Kopf bestellt ihn Lüer in den Wendewirren zum Tierpark und schwört, »Genuas« Akte werde vernichtet: »Gegloobt hab ick et ihm nicht.« Am Tag des Mauerfalls hat der IM im Südwesten zu tun, »als vor mir ein Trabi auftauchte«. Er dachte an eine Erscheinung. Es war, als fasse eine kalte Hand nach ihm. Den mit der Stasi verabredeten Alarm-Anruf »Elke ist schwer erkrankt!« konnte er sich sparen. Der Rest war vorhersehbar, Verhaftung im Geschäft, Urteil.
Er wird durch die Akte überführt, die Lüer zu schreddern versprach: Am Anfang und am Ende hat ihn die Stasi mit einer Lüge hereingelegt.
- Datum 03.02.2010 - 18:00 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 04.02.2010 Nr. 06
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...ist es so langsam mal notwendig, dass West-Berliner von der Birthler-Behörde überprüft werden, auch die, diejetzt in Ost oder West leben.
Ist sich der "normale" Mensch überhaupt noch seines Lebens sicher?
So könnte doch hinter jedem Tür-"Spion" ein IM sitzen, der bei Herrn Schäubles "Truppenteilen" in Lohn und Brot steht, vom Ministerium von Frau von der Leyen mal ganz abgesehen.
Zitat:
"Der Agent war naiv." - Waren es denn viele Stasi-Leute nicht auch?
...ist es so langsam mal notwendig, dass West-Berliner von der Birthler-Behörde überprüft werden, auch die, diejetzt in Ost oder West leben.
Ist sich der "normale" Mensch überhaupt noch seines Lebens sicher?
So könnte doch hinter jedem Tür-"Spion" ein IM sitzen, der bei Herrn Schäubles "Truppenteilen" in Lohn und Brot steht, vom Ministerium von Frau von der Leyen mal ganz abgesehen.
Zitat:
"Der Agent war naiv." - Waren es denn viele Stasi-Leute nicht auch?
Sehr interessant zu lesen. Was mir gefällt ist die nüchterne Betrachtung. Kein Vorurteil. Solch Menschen zu verstehen fällt einem durch einen solchen Artikel etwas leichter.
na ich hatte gerade den gegenteiligen Eindruck.
na ich hatte gerade den gegenteiligen Eindruck.
Hochrelevanter Artikel und brillant geschrieben, besten Dank!
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"1981 balancierte der IM mit 150000 D-Mark Schulden am Rand der Pleite. Die Rettung war ein »ausgehändigter« Stasi-Kredit über 17000 D-Mark, zinslos, auf Heller und Pfennig zurückbezahlt."
Wieso rettete ein 17.000 D-Mark großer Kredit die Pleite bei Schulden von 150.000 D-Mark? Langfristig konnte das doch wohl kaum eine Lösung gewesen sein. Ist hier evtl. eine Null zu viel in die Schulden hinein geraten?
Ansonsten ein lesenswerter Artikel, auch wenn ich mich über etwas mehr Stellungnahmen von "Genua" gefreut hätte - was er aber offensichtlich nicht wollte.
Auch Fotoredakteure sollten sich gründlich mit Zeitgeschichte befassen, dann käme es nicht zu peinlichen Pannen wie dieser Bildunterschrift:
"Jürgen Fuchs, der nach Westen geflüchtet war"
Nein, Jürgen Fuchs war nicht geflohen, das hätte ihm einiges erspart – er wurde 1977 aus dem Stasi-Knast in den Westen expediert – er wurde nach neun Monaten Stasi-U-Haft unter Androhung einer langen Haftstrafe zur Ausreise gezwungen und nach West-Berlin entlassen. Als Schriftsteller und eng mit Robert Havemann und Wolf Biermann befreundet, war er zu bekannt geworden im Westen. Übrigens auch ein Verdienst von Romy Schneider, die nicht wenig spendete für die Öffentlichkeitsarbeit des West-Berliner „Schutzkomitees“ (um Hannes Schwenger und Manfred Wilke), das sich für die Freilassung der nach der Biermann-Ausbürgerung inhaftierten Protestierenden einsetzte.
Alles gut nachzulesen bei Udo Scheer: Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition., Reihe: Inhaftiert in Berlin-Hohenschönhausen. Berlin: Jaron Verlag, 2007.
oder schlicht auf wikipedia.
Zum IM "Genua" siehe auch das Buch von Jürgen Fuchs: Magdalena. Rowohlt - Berlin Verlag, 1998, ISBN 3-499-22618-9 oder hier:
http://www.horch-und-guck...
Und wie war das mit der Autobombe 1986 vor dem Wohnhaus von Jürgen Fuchs und der mörderischen Manipulation an den Bremsschläuchen seines Autos? Es sollte nun dazu auch der Führungsoffizier des auch als Autoknacker sehr versierten "Genua", Rainer Lüer, vor Gericht befragt werden. Wo kam Auftraggeber Rainer Lüer eigentlich unter?
na ich hatte gerade den gegenteiligen Eindruck.
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