Stasi-Mitarbeiter Der TürspionSeite 8/8

Schon seltsam, die Begegnung mit »Genua«, der sich vor der Vergangenheit verkriechen möchte. Der Mann bleibt ein Rätsel. Hätte er den Stasi-Windbeuteln misstraut wie dem Reporter, wäre ihm viel erspart geblieben. Er sitzt wie auf Kohlen, sehnt sich nach der Süße des Vergessens, während die Anatomie der Stasi präziser und präziser wird. Konkretes steuert er kaum bei, schon gar nicht zum Fall des Jürgen Fuchs. Den 1999 verstorbenen Autor hat die Stasi besonders geschunden. Bis heute ist dem vielleicht begabtesten Lyriker der DDR keine Gerechtigkeit widerfahren; seine Peiniger blieben ungeschoren. »Genua« baldowerte Fuchs Wohnsituation im Westen aus. Zwar weihte ihn die »VIII« mit keiner Silbe in die perfide »Zersetzungsmaßnahme« ein. Aber über allem lag Niedertracht. Noch immer hält sich das Gerücht, die Stasi habe ihren »Staatsfeind« beseitigen wollen.

Bericht »zur spezifischen Aufklärung F.« vom 24. Mai 1983. Der IM wurde für die verdeckte Aktion eingespannt, beschafft zwei Nachschlüssel »zum Betreten des Hauses« am Tempelhofer Damm. Das Kerfin-Schloss stellt »eine gewisse Kompliziertheit dar«. An Fuchs Tür ein »Weitwinkelspion«, ein »Zeiss-Ikon-Kastenschloss 7 RN« mit Verriegelung, Stahlbeschlag, Bohrschutz, feststehendem Türknauf, Schließzylinder unbekannter Fabrikation: »konspiratives Eindringen« unmöglich. Die massive Bewehrung spricht dafür, dass der Literat mit dem Schlimmsten rechnete. Der IM vermutet Reserveschlüssel in Keller Nr. 69, das Vorhängeschloss »mittels Tastwerkzeug« zu öffnen, scheitert.

Das in acht Einsätzen erarbeitete, gleichwohl »sehr wertvolle Ergebnis« landet auf Mielkes Schreibtisch: »Erledigt 25.05.83«. Ende 1987 folgte ein »Bildbericht« mit 16 Aufnahmen. »Genua« testete vor Ort Fuchs Hausschlüssel. Das Relikt, mit glattem Schaft und DDR-Plastikanhänger für 15 Pfennig, wird fortan in einem Kuvert verwahrt. Der IM erhält gemäß Abrechnung 500 D-Mark.

Dann das wilde Finale. Hals über Kopf bestellt ihn Lüer in den Wendewirren zum Tierpark und schwört, »Genuas« Akte werde vernichtet: »Gegloobt hab ick et ihm nicht.« Am Tag des Mauerfalls hat der IM im Südwesten zu tun, »als vor mir ein Trabi auftauchte«. Er dachte an eine Erscheinung. Es war, als fasse eine kalte Hand nach ihm. Den mit der Stasi verabredeten Alarm-Anruf »Elke ist schwer erkrankt!« konnte er sich sparen. Der Rest war vorhersehbar, Verhaftung im Geschäft, Urteil.

Er wird durch die Akte überführt, die Lüer zu schreddern versprach: Am Anfang und am Ende hat ihn die Stasi mit einer Lüge hereingelegt.

 
Leser-Kommentare
  1. ...ist es so langsam mal notwendig, dass West-Berliner von der Birthler-Behörde überprüft werden, auch die, diejetzt in Ost oder West leben.

    Ist sich der "normale" Mensch überhaupt noch seines Lebens sicher?

    So könnte doch hinter jedem Tür-"Spion" ein IM sitzen, der bei Herrn Schäubles "Truppenteilen" in Lohn und Brot steht, vom Ministerium von Frau von der Leyen mal ganz abgesehen.

    Zitat:
    "Der Agent war naiv." - Waren es denn viele Stasi-Leute nicht auch?

  2. ...ist es so langsam mal notwendig, dass West-Berliner von der Birthler-Behörde überprüft werden, auch die, diejetzt in Ost oder West leben.

    Ist sich der "normale" Mensch überhaupt noch seines Lebens sicher?

    So könnte doch hinter jedem Tür-"Spion" ein IM sitzen, der bei Herrn Schäubles "Truppenteilen" in Lohn und Brot steht, vom Ministerium von Frau von der Leyen mal ganz abgesehen.

    Zitat:
    "Der Agent war naiv." - Waren es denn viele Stasi-Leute nicht auch?

  3. Sehr interessant zu lesen. Was mir gefällt ist die nüchterne Betrachtung. Kein Vorurteil. Solch Menschen zu verstehen fällt einem durch einen solchen Artikel etwas leichter.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hawat
    • 09.02.2010 um 13:14 Uhr

    na ich hatte gerade den gegenteiligen Eindruck.

    • hawat
    • 09.02.2010 um 13:14 Uhr

    na ich hatte gerade den gegenteiligen Eindruck.

  4. Hochrelevanter Artikel und brillant geschrieben, besten Dank!

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und verwenden Sie die Kommentarfunktion nicht, um fortlaufend auf eine andere Website zu verweisen. Danke. Die Redaktion/sh

  5. "1981 balancierte der IM mit 150000 D-Mark Schulden am Rand der Pleite. Die Rettung war ein »ausgehändigter« Stasi-Kredit über 17000 D-Mark, zinslos, auf Heller und Pfennig zurückbezahlt."

    Wieso rettete ein 17.000 D-Mark großer Kredit die Pleite bei Schulden von 150.000 D-Mark? Langfristig konnte das doch wohl kaum eine Lösung gewesen sein. Ist hier evtl. eine Null zu viel in die Schulden hinein geraten?

    Ansonsten ein lesenswerter Artikel, auch wenn ich mich über etwas mehr Stellungnahmen von "Genua" gefreut hätte - was er aber offensichtlich nicht wollte.

  6. Auch Fotoredakteure sollten sich gründlich mit Zeitgeschichte befassen, dann käme es nicht zu peinlichen Pannen wie dieser Bildunterschrift:
    "Jürgen Fuchs, der nach Westen geflüchtet war"

    Nein, Jürgen Fuchs war nicht geflohen, das hätte ihm einiges erspart – er wurde 1977 aus dem Stasi-Knast in den Westen expediert – er wurde nach neun Monaten Stasi-U-Haft unter Androhung einer langen Haftstrafe zur Ausreise gezwungen und nach West-Berlin entlassen. Als Schriftsteller und eng mit Robert Havemann und Wolf Biermann befreundet, war er zu bekannt geworden im Westen. Übrigens auch ein Verdienst von Romy Schneider, die nicht wenig spendete für die Öffentlichkeitsarbeit des West-Berliner „Schutzkomitees“ (um Hannes Schwenger und Manfred Wilke), das sich für die Freilassung der nach der Biermann-Ausbürgerung inhaftierten Protestierenden einsetzte.
    Alles gut nachzulesen bei Udo Scheer: Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition., Reihe: Inhaftiert in Berlin-Hohenschönhausen. Berlin: Jaron Verlag, 2007.
    oder schlicht auf wikipedia.
    Zum IM "Genua" siehe auch das Buch von Jürgen Fuchs: Magdalena. Rowohlt - Berlin Verlag, 1998, ISBN 3-499-22618-9 oder hier:
    http://www.horch-und-guck...

  7. Und wie war das mit der Autobombe 1986 vor dem Wohnhaus von Jürgen Fuchs und der mörderischen Manipulation an den Bremsschläuchen seines Autos? Es sollte nun dazu auch der Führungsoffizier des auch als Autoknacker sehr versierten "Genua", Rainer Lüer, vor Gericht befragt werden. Wo kam Auftraggeber Rainer Lüer eigentlich unter?

    • hawat
    • 09.02.2010 um 13:14 Uhr

    na ich hatte gerade den gegenteiligen Eindruck.

    Antwort auf "Sehr guter Artikel"

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