Ein Streitgespräch zwischen Thomas Stöppler und Ulf Preuss-Lausitz.

Thomas Stöppler leitete eine Sonderschule und ist Vorsitzender des Verbandes Sonderpädagogik e.V. in Baden-Württemberg.

Ulf Preuss-Lausitz ist Professor für Erziehungswissenschaft und Sprecher des Arbeitskreises Gemeinsame Erziehung in Berlin.

DIE ZEIT: Knapp 500.000 Kinder und Jugendliche besuchen derzeit in Deutschland eine sonderpädagogische Fördereinrichtung. Sind die alle auf der falschen Schule?

Ulf Preuss-Lausitz: Zugespitzt könnte man das so formulieren. Wir brauchen zwar Sonderpädagogen, aber keine Sonderschulen. Die Aufgabe dieser speziellen Fördereinrichtungen wird es in Zukunft sein, sich selbst überflüssig zu machen. Ihre Lehrer sollen an die allgemeinen Schulen wechseln, wo sie helfen, behinderte wie nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. Denn die Kompetenz der Sonderpädagogen kann sich im gemeinsamen Unterricht am besten entfalten.

Thomas Stöppler: Ich sehe das völlig anders. Wir brauchen eigenständige Sonderschulen auch weiterhin, und zwar in ihrer ganzen Breite und Differenziertheit. Denn es gibt Schüler, die in einer sonderpädagogischen Einrichtung – zumindest zeitweise am besten gefördert werden. Dazu gehören Lernbehinderte, massiv Verhaltensgestörte oder Jugendliche mit enormen Sprachdefiziten.

Preuss-Lausitz: Aber schon die Definition, wer auf eine Sonderschule gehört, ist doch alles andere als klar! Anders ist nicht zu erklären, dass im Saarland dreimal so viele schwer sehbehinderte Kinder festgestellt werden wie in Niedersachsen; in Mecklenburg-Vorpommern haben wir angeblich doppelt so viele Fälle geistiger Behinderung wie in Baden-Württemberg; und in Thüringen werden siebenmal so viele Kinder als verhaltensauffällig eingestuft wie in Schleswig-Holstein. Da stimmt doch etwas nicht!

ZEIT: Einmal abgesehen von möglicherweise falschen Zuweisungen: Kann man sich wirklich vorstellen, dass ein geistig behindertes Kind im Rollstuhl in einem Klassenraum mit gesunden Schülern zusammen unterrichtet werden soll?

Preuss-Lausitz: Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, weil Sie es niemals in Ihrer Schulzeit erlebt haben. Auch ich habe es nicht geglaubt, bis ich es gesehen habe – zum Beispiel in einer Schule in Brandenburg, die ich jahrelang begleitet habe. Sie hat Kinder mit allen Behinderungsarten aufgenommen, und das hat ganz wunderbar geklappt. Ein körperlich und geistig schwer mehrfach behindertes Kind hat dort natürlich einen individuellen Förderlehrer an seiner Seite. Für mehrere Stunden bekommt es auch Einzelunterricht oder geht zur Physiotherapie. Aber es fühlt sich als Teil seiner Klasse und lernt dort enorm viel – jedenfalls sicherlich mehr als in einer Schule für geistig Behinderte. Aus Berlin kenne ich ähnliche Beispiele.

Stöppler: Ich höre ganz andere Meldungen. Sonderpädagogen berichten zum Beispiel aus Berlin von erschreckenden Fällen, in denen allgemeine Schulen dem individuellen Förderbedarf von behinderten Kindern in keiner Weise gerecht werden. Die meisten Lehrer sind gar nicht dafür geschult und vorbereitet, dass in ihren Klassen plötzlich Kinder sitzen, die ganz andere Lernvoraussetzungen mitbringen als die übrigen Schüler.

Preuss-Lausitz: Wir finden natürlich auch in Integrationsschulen mal guten und mal schlechten Unterricht. Aber das spricht nicht gegen das Prinzip der Inklusion. Ob der Unterricht gelingt oder nicht, hängt selten vom konkreten Kind ab, sondern liegt meist an der Teamkompetenz der Lehrer oder der Zusammenarbeit mit den Eltern.

Stöppler: Das ist Unsinn. Sonderpädagogik erfordert eine hochkomplexe Didaktik, die stets auf das einzelne Kind zugeschnitten werden muss. Ob das gelingt, hängt nicht davon ab, ob irgendjemand zufällig mit einem anderen gut kann.

ZEIT: Sondern womit?

Stöppler: Ob der Lehrer gut ausgebildet ist und ob das pädagogische Umfeld stimmt. Ein schwerst verhaltensauffälliges Kind etwa benötigt ein klar strukturiertes Lernarrangement, während ein massiv lernbehindertes Kind eine eher offene Lernsituation braucht, wo es etwas entdecken kann. Ein hörbehindertes Kind braucht eine gute Ausleuchtung, um das Mundbild ablesen zu können – für blendempfindliche sehbehinderte Kinder bedeutet aber helles Licht eine erhebliche Einschränkung. Diese Schüler kann man nicht alle mit gesunden Kindern so nebenbei im Klassenraum unterrichten!