Preuss-Lausitz: Aber Kollege Stöppler, die Vorstellung, man benötige für unterschiedliche Kinder getrennte Didaktiken, ist eine Pädagogik des 19 Jahrhunderts.

Stöppler: Wieso denn das?

Preuss-Lausitz: Wir wissen doch längst, dass es wenig Sinn ergibt, zehn lernbehinderte oder verhaltensauffällige Kinder in einem Raum zu unterrichten. Kinder lernen am besten von anderen Kindern. Wenn es aber niemanden gibt, von dem sie lernen können, sind die Fortschritte gering. Deshalb schaffen knapp achtzig Prozent aller Sonderschüler nicht einmal den Hauptschulabschluss; das gilt auch für körperbehinderte, geistig nicht beeinträchtigte Schüler. Nur zwei Prozent der Förderschüler bringen es zum mittleren Schulabschluss, die Abiturquote ist fast gleich null. Das zeigt doch das Versagen dieses Konzepts.

Stöppler: Glauben Sie wirklich, dass alle Kinder in integrativen Beschulungsformen plötzlich den Hauptschulabschluss oder gar das Abitur ablegen? Das Gegenteil wird der Fall sein! Die meisten Kinder mit Behinderungen werden dort nur nebenherlaufen. Denn die Lehrer in den Regelschulen sind bislang in keiner Weise auf die Förderschüler vorbereitet. Bevor wir von Inklusion reden, müssen wir dafür erst die notwendigen Bedingungen schaffen. Das aber kostet Zeit und Geld.

Preuss-Lausitz: Diese Art der Argumentation kenne ich seit drei Jahrzehnten: "Erst muss die allgemeine Schule ganz toll werden, dann können wir mit der Integration beginnen." Diese Logik hat dazu geführt, dass sich fast nichts getan hat. Dafür wurde das System der Sonderschulen immer weiter ausgebaut, ihre Zahl stieg in den vergangenen fünfzehn Jahren um mehr als ein Drittel.

Stöppler: Die steigenden Zahlen muss man differenziert betrachten. Tatsächlich wächst die Zahl der schwer Mehrfachbehinderten; dank des medizinischen Fortschritts überleben mehr Kinder zum Beispiel eine Frühgeburt – jedoch mit Folgeschäden. Zum anderen wachsen mehr Kinder als früher in schwierigen sozialen Umständen auf. Und auch die Zahl psychisch kranker Kinder nimmt zu.

Preuss-Lausitz: Aber wer definiert, ob jemand sonderpädagogischen Förderbedarf hat? Wer entscheidet über die Zuweisung zur Sonderschule? Die Sonderschullehrer selbst, die ein Interesse daran haben, den Unterricht in ihrer Institution zu sichern! Das kommt mir vor wie die Schwangerenberatung der katholischen Kirche, bei der auch niemand eine unbefangene Beratung erwartet.

Stöppler: Das ist eine Unterstellung! Wir Sonderschullehrer treffen schon längst nicht mehr allein die Entscheidung. Vielmehr erstellen wir sorgfältige Gutachten zusammen mit den Eltern und anderen Lehrern. Während meiner Zeit als Schulleiter haben wir viele Kinder aus der Förderschule in die allgemeine Schule integriert, wenn wir guten Gewissens sagen konnten, dass das Kind dort die nötige Unterstützung bekommt. Dennoch wird es immer Schüler geben, die eine Spezialeinrichtung brauchen. Wissen Sie, was seit einigen Jahren mit den sehbehinderten Schülern aus Schleswig-Holstein passiert?

ZEIT: Was denn? 

Stöppler: Die werden nun zu Dutzenden in Hamburg unterrichtet. Der Grund: Schleswig-Holstein hat die Förderschulen für Sehbehinderte vor einigen Jahren abgeschafft und unterrichtet die betroffenen Schüler jetzt integriert. Daraufhin sind viele Eltern, die das nicht wollten, ins Nachbarland ausgewichen, weil sie nur dort die speziellen didaktischen Konzepte finden konnten. Diesen Trend kenne ich auch aus anderen Bundesländern. Davon berichtet nur niemand. Im Augenblick lesen wir nur Beispiele geglückter Integration, niemals gescheiterter.