ZEIT: Erzählen Sie uns eines.

Stöppler: Ich kenne einen stark körperbehinderten Jungen aus Baden-Württemberg, der mit nichtbehinderten Kindern aufs Gymnasium ging. Nach einigen Jahren hat er sich selbst auf eine Förderschule für Körperbehinderte angemeldet.

ZEIT: Warum?

Stöppler: Weil er an seiner Schule niemanden mit einem ähnlichen Schicksal gefunden hat. Wenn es um Themen wie Freundschaften, Sport oder Sexualität ging, konnte er sich mit keinem seiner nichtbehinderten Mitschüler austauschen. Als Junge mit körperlichen Beeinträchtigungen fühlte er sich von niemandem wirklich verstanden.

Preuss-Lausitz: Solche Bedürfnisse muss man natürlich ernst nehmen. Ich fordere ja nicht, dass wir das Problem über die Einzelintegration lösen. Das ist viel zu teuer. Vielmehr stelle ich mir vor, dass wir pro Klasse drei oder vier Förderschüler gemeinsam unterrichten…

Stöppler: …damit diese sich wieder als Minderheit fühlen. Wir hören immer wieder Berichte enttäuschter Eltern, dass ihr Kind auf der Integrationsschule erst recht die Erfahrung des Außenseiters macht, weil es in vielen Belangen langsamer und schwächer als seine Klassenkameraden ist. In der Lebenshilfe-Zeitung schrieb einmal eine Mutter, ihr Kind habe in der Integrationsschule "vor allem geduldige Hilfsbereitschaft und ein mehr oder minder gut kaschiertes Desinteresse der Mitschüler" erfahren. Erst auf der Sonderschule, unter Klassenkameraden mit ähnlichen Schwierigkeiten, sei ihre Tochter aufgeblüht.

Preuss-Lausitz: Es gibt auch Förderschüler, die sich dafür schämen, dass sie eine Sonderschule besuchen. Hören wir doch auf, von Einzelfällen zu reden, und lassen Sie uns die Empirie betrachten! Wir haben in Brandenburg untersucht, wie sich Kinder in Integrationsklassen fühlen. Dort waren nichtbehinderte Schüler im Schnitt zufriedener als in nichtintegrativen Parallelklassen, und die Kinder mit Behinderung äußerten die höchste Zufriedenheit. Zudem war das Klassenklima besser.

Stöppler: Sie sagen, im Schnitt war die Zufriedenheit größer, aber eben nicht bei allen Schülern. Gute Behindertenpädagogik aber betrachtet stets den Einzelfall. Das ist der Unterschied zwischen uns: Sie wollen alle Förderschüler in die Regelschulen pressen. Ich sage, wir müssen bei jedem einzelnen Kind fragen, wo es am besten unterstützt wird – in der Integrationsklasse, der Sonderschule oder einer Außenklasse?

ZEIT: Was ist das, eine Außenklasse? 

Stöppler: Dazu werden an allgemeinen Schulen spezielle Klassen gebildet, in denen Kinder mit Behinderungen getrennt und teilweise gemeinsam unterrichtet werden…