Preuss-Lausitz: …was wieder das Problem mit sich bringt, dass die betroffenen Kinder unter sich bleiben. Das ist mit der UN-Konvention nur schwer vereinbar.

Stöppler: Ihr Modell, Herr Kollege, ist erst recht nicht mit der Konvention vereinbar! Diese fordert nämlich das Selbstbestimmungsrecht der Schüler beziehungsweise ihrer Eltern. Wenn aber auf lange Sicht die Sonderschulen aufgelöst werden, können Eltern und Schüler nicht mehr wählen.

Preuss-Lausitz: Die UN-Konvention spricht nicht von Wahlfreiheit, sondern von einem Recht der Schüler auf gemeinsame Erziehung.

Stöppler: Folgt man Ihnen, wird ein Zwang daraus.

Preuss-Lausitz: Nein, ich sage nur, dass es umgekehrt kein Recht auf eine Sonderschule gibt. Wieso sollen die Eltern ein Wahlrecht auf eine bestimmte Schulform haben? Sie haben ein Recht auf sonderpädagogische Förderung, das ist etwas ganz anderes. Es gibt ein Verfassungsgerichtsurteil aus den siebziger Jahren, das besagt: Der Staat darf keinen Bildungsgang abschaffen, aber er kann selbstverständlich eine Schulform schließen – so wie es derzeit etwa mit der Hauptschule in Berlin geschieht.

ZEIT: Aber glauben Sie nicht, dass manche Eltern ihr Kind lieber auf der Sonderschule sehen?

Preuss-Lausitz: Ich argumentiere jetzt verfassungsrechtlich. Die Argumentation, auf dem Wahlrecht der Eltern zu bestehen, dient doch nur dazu, das System der Förderschulen zu erhalten. Und das ist mit der UN-Konvention überhaupt nicht kompatibel. Da sind wir völlig unterschiedlicher Meinung. Und ich hoffe, das wird irgendwann verfassungsrechtlich geklärt werden. Im Übrigen ist diese Debatte, die wir gerade führen, ziemlich fiktiv, weil heute keine Sonderschulen fehlen, sondern Integrationsklassen. Darüber müssen wir im Jahr 2010 reden.

ZEIT: Erwarten Sie künftig auch von allen Lehrern, Integrationsschüler zu unterrichten?

Preuss-Lausitz: Selbstverständlich. Das Berliner Schulgesetz etwa erteilt allen Schulen die Aufgabe, gemeinsamen Unterricht durchzuführen. Jeder Lehrer muss damit rechnen, während seiner Berufslaufbahn auch Förderschüler in seiner Klasse zu haben. Zugegeben: Die meisten Kollegen sind auf diese Herausforderungen bislang nicht vorbereitet. Ich fordere schon lange, dass alle Pädagogen das Lehren in heterogenen Klassen und den Umgang mit verhaltensauffälligen und lernbehinderten Schülern lernen müssen. 

Stöppler: Am besten auch noch die Gebärdensprache! Nicht jeder Pädagoge ist doch motiviert oder in der Lage, sich mit diesen besonderen Kindern zu befassen.