Preuss-Lausitz: Das ist aber sein Job. Wenn er den nicht ausfüllt, sollte man ihn entlassen.

ZEIT: Wie gehen denn andere Länder mit der Problematik um, die wir hier diskutieren? Gibt es Nationen, von denen Deutschland lernen kann?

Preuss-Lausitz: Die meisten Industrienationen haben sehr viel weniger Förderschüler in Sonderschulen. Länder wie Italien, Spanien oder Irland haben fast ganz umgestellt auf eine gemeinsame Erziehung. Deutschland ist weltweit ein Sonderfall…

Stöppler: …um den uns Sonderpädagogen in anderen Ländern durchaus beneiden. Ich kenne die Situation in Italien recht gut. Viele Kinder mit Lernbehinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten gehen dort in den allgemeinen Schulen komplett unter. Als Reaktion darauf haben sich inzwischen viele Privatschulen gegründet, auf die begüterte Eltern ihre behinderten Kinder schicken.

ZEIT: Wie steht es mit den Kosten? Würde ein gemeinsamer Unterricht für alle billiger oder teurer?

Preuss-Lausitz: Billiger als das heutige System wird ein inklusives Schulsystem sicherlich nicht. Aber es muss auch nicht automatisch teurer werden, wie der Kollege Klaus Klemm und ich für das Bundesland Bremen exemplarisch gezeigt haben. Denn man verlagert ja nur Personal von einer Schule an die andere. Teuer ist es hingegen, zwei Systeme parallel zu finanzieren. Das können wir uns nicht leisten.

Stöppler: Ich sage Ihnen voraus, dass Ihr Modell ein Sparmodell wird und unsere Kollegen in den Regelschulen aufgesogen werden. Dort drohen die Sonderpädagogen zum einen zu Experten für alle schwierigen Schüler in einer Klasse zu werden. Zum anderen wird man zuerst an sie denken, wenn ein Lehrer krank geworden ist und man eine Vertretung braucht. Das Nachsehen haben die Förderschüler, die nicht mehr viel von ihrem Lehrer haben werden.

ZEIT: Abschlussfrage: Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer eines solchen Umbaus des Schulsystems, wie wir ihn nun diskutiert haben?

Preuss-Lausitz: Ich bin überzeugt davon, dass das gemeinsame Lernen vor allem Gewinner produziert. In erster Linie werden die betroffenen Kinder profitieren. Sie werden nicht mehr abgesondert aufwachsen, sondern zusammen mit nichtbehinderten Gleichaltrigen. Das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts könnte so zum Wendepunkt im Unterricht von Kindern mit Behinderungen in Deutschland werden.

Stöppler: Für mich ist klar, dass es zahlreiche Verlierer geben wird. Die Qualität der Förderung dieser Kinder und das fachliche Know-how der Lehrer werden zunehmend schwinden. Vermutlich werden wir auf lange Sicht eine blühende Privatschullandschaft bekommen. Die großen Verlierer werden vor allem Kinder mit Behinderungen aus bildungsfernen Familien sein.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ULRICH SCHNABEL UND MARTIN SPIEWAK