Immer ist der Winter schuld. Vor allem im Sommer: Zu viele Stechmücken? Der Winter war zu mild. Nutz- und Zierpflanzen im Garten leiden unter Parasiten? Der Winter war zu mild. Fremde Arten breiten sich aus, unerwünschte Einwanderer aus fernen, meist wärmeren Ländern verdrängen heimische Vertreter? Die Winter sind zu mild! Nun hat der Winter Deutschland seit einigen Wochen fest im Griff. Zeit für einen Streifzug durch Gärten und Wälder. Ist er diesmal streng genug? Oder gar schon wieder zu streng?

Rettung für die Wildsau

Von Hans Schuh

Für das Wild ist dieser Winter eine Herausforderung. Vor allem im Norden und Osten Deutschlands und in den Mittelgebirgen hat eine dicke Schneeschicht Reh-, Dam-, Rot- und Schwarzwild die Nahrungsgrundlage entzogen, bereits seit Wochen. Der Hunger treibt die Tiere in Scharen aus dem Wald.

Jäger und Wildbiologen werden von Bürgern alarmiert, die in ihren Gärten tote Rehe entdecken. "Wenn der verharschte Boden sehr tief gefroren ist und hart wie Beton, sterben die Wildtiere wie die Fliegen", sagt Sven Herzog, Experte für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Technischen Universität Dresden. Weder Hufe noch Rüssel können dann noch Fressbares freilegen, die Nahrungssuche führt das Wild immer näher an Dörfer und Siedlungen heran.

"Wehe, wenn die Wildsau kommt", warnte in der vergangenen Woche die Deutsche Wildtier Stiftung und empfahl, bei überraschenden Begegnungen den Rückzug anzutreten. Denn hungrige Wildschweine, die inzwischen auch in Städten wie Berlin, Hamburg oder München auftauchen, sind stark gestresst und geraten leicht in Panik. Sie verwüsten mal hier ein Esszimmer (wie kürzlich im ostwestfälischen Delbrück), dort einen Laden (in Kröpelin bei Rostock). In Eltville im Rheingau konnte sich ein angegriffener Polizist nur mit zwei gezielten Kopfschüssen retten.

"Es ist völlig falsch, Schwarzwild zu füttern", warnt Andreas Kinser von der Tierärztlichen Hochschule Hannover vor falscher Tierliebe. Das locke die lernfähigen Tiere nur noch verstärkt in Siedlungen, wo sie Komposthaufen, Abfallkörbe oder Müll nach Fressbarem durchstöberten.

Die Warnung gilt jedoch nicht für professionelle Notfütterungen im Wald. In witterungsbedingter Notzeit, mahnte der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, seien Jäger sogar verpflichtet, für die artgerechte Fütterung von Rehen, Hirschen und Wildschweinen zu sorgen.

Naturschützer, Land- und Forstwirte werfen den Jägern vor, durch vorgebliche Notfütterungen unnatürlich hohe Wildbestände aufrechtzuerhalten, die massive Schäden in Wald und Flur verursachten. "Das ist ökologischer Fundamentalismus", hält Sven Herzog dagegen. "Jäger sind nicht nur Schädlingsbekämpfer. Zu ihrer Pflicht gehört auch die Hege." Das Bundesjagdgesetz schreibe Notfütterungen bei extremer Witterung vor, auch aus tierethischen Gründen sei Hilfe geboten. "Wir dürfen nicht tatenlos einem Massensterben zusehen."

Unser Wild lebt nicht in einer ungestörten Natur, sondern überwiegend in einer Kulturlandschaft. So ist ihm der Rückzug aus kalten Gebirgslagen in Täler und Auen weitgehend verbaut – dort siedelt der Mensch. Winterruhe zur Schonung der Energiereserven gibt es kaum, Wanderer, Skifahrer, Hunde und Jäger scheuchen die Tiere hoch.

Viele Reserven haben sich die Tiere nicht anfressen können. Die moderne Agrarlandschaft bietet zwar zeitweise üppige Kost. Die großen Erntemaschinen räumen aber die Felder ab, oft bevor bei den Tieren das instinktive Fettfressen einsetzt. Der Mensch zwingt dem Wild unnatürliche Lebensbedingungen auf, darum ist professionelle Nothilfe in Extremlagen legitim.