Guggenheim Museum Fordschritt und Fortschrott

Zum 50-jährigen Jubiläum des Guggenheim Museum in New York darf der junge Berliner Künstler Tino Sehgal die gesamte Rotunde füllen – mit lauter Gesprächen

Das Guggenheim Museum in New York, einer der meistfotografierten Bauten der Welt, feiert derzeit sein 50-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass zeigte das Museum zunächst eine umfassende Kandinsky-Ausstellung, dann eine Schau zum Werk von Frank Lloyd Wright, dem Architekten des Guggenheim. Und jetzt, zum Abschluss der Feierlichkeiten, darf Tino Sehgal, ein 34-jähriger Künstler aus Berlin, die komplette Rotunde des berühmten Hauses bespielen. Eine große Ehre.

Umso erstaunlicher, dass der junge Künstler die einzigartige Chance scheinbar nicht ergriffen hat: Das Museum ist leer. Sehgal hat nichts an die Wände gehängt, auch keine Skulpturen aufgestellt oder Videohöhlen gebaut. Die Besucher – oft Touristen, die rasch ein paar Sehenswürdigkeiten abhaken wollen – suchen hastigen Schritts nach der Kunst. Und laufen nicht selten an ihr vorbei.

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Dabei schüttelt einem die Kunst von Tino Sehgal sogar die Hand. »Hallo, mein Name ist Kaya«, sagt eine Grundschülerin. »Dies ist ein Werk von Tino Sehgal. Wollen Sie mir folgen?« Manche Besucher reagieren ängstlich auf Kaya und ihre Kolleginnen, sie wollen sich auf ein Gespräch mit einem fremden Kind nicht einlassen. Wer weiß, was das Kind will, am Ende gar die Adoption?

Doch folgt man dem Kind, so führt es einen die Rampe hoch in den ersten Stock und lockt einen in eine höchst ungewohnte Kunsterfahrung. In ruhigem Ton stellt Kaya einem die Frage, was denn eigentlich Fortschritt sei. Der Besucher stutzt, versucht dann dem Mädchen etwas von Entwicklung und Aufklärung, von positiven und negativen Seiten zu erklären. Das Kind hakt nach, will es genau wissen. Und übergibt einen dann – wie in einem Staffellauf – an einen neuen Gesprächspartner, einen jungen Collegestudenten. Allerdings nicht ohne diesem vorher in einem einzigen luziden Satz all das zusammenzufassen, was man gerade umständlich über den Fortschritt zusammengebracht hat.

Der junge Student greift die Gedanken auf, stellt sie infrage, erläutert seine Definition des Fortschritts. Man tauscht Lebensläufe aus, erzählt von persönlichen Fortschritten, der Zulassung aufs College, dem Nachwuchs. Bis Adam auftaucht, ein Mann Ende dreißig, der sich mit einer Beobachtung über das Lernverhalten von Kindern in das Gespräch einschleicht. Und während man weiter gemächlich die Rampe im Kreis gen Himmel emporwandert, dreht sich das Gespräch auf einmal um die Kritik an der Moderne. Um den »Fordschritt« und den »Fortschrott«. Bis Adam von Ross abgewechselt wird, einem emeritierter Gräzisten. Ross kommt wieder auf das Thema Kinder zu sprechen, fragt, angeregt durch die Geschichte des Ödipus, ob jede Familie in der Katastrophe enden müsse. Und ob sich nicht alles im Kreis drehe. Irgendwann ist man – sich im Kreise drehend – unterm Glasdach angekommen, am Ende der Spirale, und der weißhaarige Ross verabschiedet sich so freundlich und abrupt, wie er sich vorgestellt hat.

Es gibt schon viel zu viele Dinge, man muss die Welt nicht noch weiter zumüllen: Das ist das Motto von Tino Sehgals Kunst. Er will etwas Immaterielles schaffen, Kunst, die sich nur durch Worte und Bewegungen herstellt. »Konstruierte Situationen« nennt Sehgal seine Werke. Damit diese Kunst auch wirklich immateriell bleibt, darf man sie nicht fotografieren oder filmen. Nichts darf die Aura des Hier und Jetzt zerstören.

Leser-Kommentare
    • hagego
    • 19.02.2010 um 15:48 Uhr

    Tino Sehgal. Den Namen sollte man sich merken!

    Seine Interview-Idee aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Guggenheim-Museums in New York ist, nicht sehens-, aber bemerkenswert! Ebenso ist der Mut des Museums selbst zu bewundern, sich auf solche eine Interaktion einzulassen - ohne im Vorhinein genau kalkulieren zu können, wie das Miteinander zwischen Innen und Aussen, zwischen Museum und Besucher, ablaufen wird.

    Hier hat jemand; nein, hier hat Tino Sehgal eine Chance gehabt und diese genutzt!

    Ich selbst komme wohl auch eher aus der Welt der "tradierten Vorstellungen" - und schaue mir u.a. sehr gern Bilder von David Hockney, Saul Steinberg, Paul Klee, Pablo Picasso, Max Ernst oder Claude Monet (noch bis 28. Februar 2010 im Von der Heydt-Museum in Wuppertal zu sehen!) an.

    Was mir immer wieder - unangenehm - auffällt, ist diese sakrale Stille in den Museen. Warum ist das so? Ist der Mensch, von "hoher Kunst" umgeben, etwa eingeschüchtert? Sind die Blicke der Museumsbediensteten so autoritär-eindringlich, wenn sie einem beim Plaudern wie zufällig anschauen?

    Es liesse sich, ausgehend von der Sehgal-Idee, manch andere Idee verwirklichen. Man könnte das Geplauder interessierter Besucher auf Band aufnehmen und dieses Band in einem leeren Raum abspielen. Nur die hörbaren Gesprächsfetzen könnten uns einen Hinweis auf die Ausstellung geben. Chagall? Oder Mapplethorpe?

    Kunst ist nicht die "Kür" für unser Leben. Aber eine lästige Pflicht sollte sie niemals sein!

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