Präsidentschaftswahl in der Ukraine Comeback des Sowjet-StarsSeite 2/2

Im Lokalfernsehen geben sich die Journalisten als Hofschmeichler und liefern gefällige Bilder; die Leute von Bjelogorsk und Feodossija stehen mit den Blauen Flaggen von Janukowitschs Partei der Regionen stramm. »Feodossija ist an Ihrer Seite!«, ruft einer, in Bjelogorsk verkündet eine Frau: »Sie sind unsere Rettung!« Der Kandidat bedankt sich mit Floskeln: »Ordnung machen«, »effektiv arbeiten«, »starken Staat bauen«. Die orange Führung des Landes ist so diskreditiert, dass alles, was Janukowitsch sagt, gut klingt.

Janukowitsch ist in Jenakijewo im Donezker Gebiet aufgewachsen, wo Abraumhalden und Schlote den Horizont verschließen. Als er zwei Jahre alt war, starb seine Mutter. Der Junge lebte, wie er später erzählte, »ohne Sandkasten, Zuckerwatte und besonderes Spielzeug« bei der Großmutter. Aufgewachsen ist er nach den Gesetzen der Straße, er zeigt eine Mischung aus Härte und Weichheit. Gouverneuren drohte er einst als Premierminister, ihnen die Beine zu brechen. Alte Frauen, die ihm beim Straßenwahlkampf unter Tränen Gesundheit wünschen, rühren ihn sichtbar. Über den Gasstreit in Europa kann er im Interview vorbereitete Statements aufsagen; erst wenn er über seine Kindheit spricht, wirkt er ganz bei sich: »Nichts demütigt den Menschen so sehr wie Armut«, sagt er.

Im Alter von 17 Jahren wurde Janukowitsch wegen Raubes zu drei Jahren Haft verurteilt. Damals gehörte er zu einer Kleinkriminellengruppe, die sich auf den Diebstahl von Pelzmützen spezialisierte. Ein Jahr und sieben Monate saß er ab. 1970 folgt die zweite Verurteilung wegen Körperverletzung. Beide Urteile wurden später unter nicht geklärten Umständen annulliert. Er nennt einen Doktortitel der Wirtschaftswissenschaften und einen Professorenrang sein Eigen. Allerdings schreibt Janukowitsch Professor zuweilen mit zwei f.

Janukowitsch schloss ein Studium als Kraftfahrzeugingenieur ab, schon mit 26 Jahren leitete er einen Fuhrbetrieb. Zur gleichen Zeit stieg der Magnat Rinat Achmetow zum reichsten Mann der Ukraine auf; bis heute besitzt er ein Imperium aus Eisenerz- und Stahlunternehmen, Versicherungen, Banken und Hotels. Achmetow verhalf Janukowitsch 2002 zum Amt des Premierministers.

Seine Generation hat den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt und sich ein Leben zwischen sozialistischen Losungen und wildem Kapitalismus eingerichtet. Sie kämpft nicht für Programme, sondern für regionale Wirtschaftsclans. Janukowitschs Partei folgt keiner Ideologie, nur dem Pragmatismus. Was aber bedeutet das für die Ukraine, wenn er gewinnt?

Wer denkt, dass er eine rein prorussische Politik machen wird, irrt. Vermutlich wird er mit Russland partnerschaftlich zusammenarbeiten, er wird sich aber auch langsam Europa annähern, zum Beispiel durch ein Freihandelsabkommen – ein Balanceakt, der das Beste aus dem Westen und Osten zu fassen versucht. Es wäre seine Politik des Pragmatismus.

Janukowitsch glaubt nicht nur an seinen Sieg, er glaubt an sich. »Wir sehen uns sicher wieder«, sagte er nach einem Interview in Kiew zu den Journalisten. »Wir haben zehn Jahre vor uns.«

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn man der italienischen Justiz Glauben schenken will, ist Berlusconi gagegen ein 'Großkrimineller'. Hindert das die Großen, die Führer/-innen der freien Welt, sich mit ihn an einen Tisch zu setzen? Schließlich wurde er demokratisch gewählt ...

    • Amon45
    • 05.02.2010 um 21:18 Uhr

    [entfernt. Bitte bleiben Sie in Ihrer Kritik sachlich und fair. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]

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