Sportgeschichte Die BRDDR holt Gold!
Deutsch-deutscher Sport im Kalten Krieg – eine sehenswerte Leipziger Schau
Zorn! Ohnmacht! Ekel vor der BRD! Das waren starke kindliche Gefühle im Februar 1968, am Lautsprecher von Radio DDR. Im fernen Grenoble liefen die Olympischen Winterspiele. Die DDR-Rodlerinnen Ortrun Enderlein und Anna-Maria Müller errangen Gold und Silber. Dann, Schock!, wurden sie disqualifiziert, von einem westlich bestochenen polnischen Schiedsrichter. Angeblich waren die Kufen unserer Mädchen illegal erhitzt. Durch diese imperialistische Intrige schmückten sich zwei bundesdeutsche Schlittenweiber mit gestohlenen Medaillen.
Die Kinderwut ist verraucht, die Geschichte unvergessen. Sie zählt zu den großen Dramen des deutschen Sports im Kalten Krieg – wie das »Wunder von Bern« 1954, die alljährliche Friedensfahrt Prag–Warschau–Berlin, die heiteren, tödlichen Münchner Sommerspiele 1972, die WM 1974 mit Sparwassers Schuss ins Fußballherz der BRD… Dies alles und viel mehr bietet eine treffliche Ausstellung im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum. Wir gegen uns heißt sie, Sport im geteilten Deutschland. Das Wichtigste vorab: Sie ist fair. Westliche Siegergeschichte wird hier nicht inszeniert.
Dazu gäbe es auch keinen Grund. Beide deutsche Staaten erstrebten internationales Prestige durch leistungssportliche Erfolge – die DDR mit identitätssüchtiger Penetranz. Dabei dekretierten Ost und West, dass Sport und Politik zu trennen seien, bei Bedarf auch das Gegenteil. 1980 boykottierten die USA, im Schlepp die BRD, die Olympischen Spiele in Moskau wegen des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan. 1984 blieb der Ostblock den Spielen von Los Angeles fern.
Noch 1968 in Mexico City hatten sich die beiden deutschen Staaten auf Druck des Internationalen Olympischen Komitees als eine Mannschaft präsentiert. Deren Zusammensetzung wurde in erbitterten deutsch-deutschen Vorkämpfen ausgefochten; der Ost-Anteil nahm stetig zu. Seit 1972 traten dann zwei Deutschländer an. Fortan wuchs und wucherte die DDR-Medaillenbeute: in München Platz 3, in Montreal 1976 bereits Platz 2 (zwischen UdSSR und USA). 1984 bei den Winterspielen von Sarajewo wurde die wirtschaftlich marodierende DDR zum stärksten Sportland der Welt. Was der allzu hohe Preis war, ist bekannt.
Die Ausstellung und der schöne Begleitband erzählen Sportgeschichte als Kampf der Systeme. Man begegnet den Ikonen der ideologisch eifernden Epoche: Täve Schur, Herbergers Recken von Bern, Ingrid Krämer, Heide Rosendahl. Wir sind in Sachsen, deshalb ist die Sympathie des Publikums hörbar auf östlicher Seite: Gugge mal, der Jens Weißflog früher, süß! Hier, de Kati Witt, als Kind war se noch ganz kleen!
Sodann erlebt man Katarina Witt, wie sie an einem Parteitagspult prophetische Weisheit leiert: »Die Zukunft ist auf unserer Seite, auf der Seite des Sozialismus.« Ähnlich bekennen sich Kristin Otto, Marita Koch, Waldemar Cierpinski und Marlies Göhr, von der sich ein karierter Zettel findet: »An Genossen Manfred Ewald. Hiermit stelle ich den Antrag auf eine Auslieferung eines Ladas 1500S.« DDR-Sportführer Ewald willfahrte dem Auto-Wunsch seiner Olympiasiegerin. Gold ward Geld.
Nahebei liegt, in krakeliger Kinderschrift, die Stasi-IM-Verpflichtung des Eiskunstläufers Ingo Steuer. Und ein Stück weiter prangen die Porträts der NS-Größen Carl Diem und Karl Ritter von Halt, die den bundesrepublikanischen Sport aufbauten. Man erblickt Hans-Ulrich Rudel, den Nazibomber der Nation (2530 Feindflüge!), den der DFB 1978, während der Fußball-WM im Argentinien des Mördergenerals Videla, ins Mannschaftsquartier einlud, auf dass er den Kickern kerndeutschen Kampfgeist spende. Der Verteidiger Berti Voigts erkannte: »Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.« Letzteres klingt glaubhaft.
Die Ausstellung wägt ab. Sie kann nicht ändern, dass die Bundesrepublik der freiere Staat war. Darin liegt ja, neben Talentsichtung und Sportwissenschaft, ein Hauptgrund für die athletische Überlegenheit der DDR. Reisen in den Westen, Devisenprämien, Sozialprestige via Sport waren Anreize im Mauerstaat. Und natürlich flohen auch deutsche Sportler – von Jürgen May bis Lutz Eigendorf, von Ralph Pöhland bis Jörg Berger – immer nur von Ost nach West. Zum Thema Doping gilt der Satz des Nachwende-Leichtathletikpräsidenten Helmut Digel: »In der DDR wurde systematisch und menschenverachtend gedopt, in der Bundesrepublik nur menschenverachtend.« Staatlich betriebenes Kinderdoping blieb der DDR vorbehalten, alles andere war gesamtdeutsch – auch die Medaillengeilheit.
»Wir gegen uns«, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6, noch bis 5. April 2010, geöffnet dienstags bis sonntags, www.hdg.de/leipzig/
- Datum 05.02.2010 - 14:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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