Was jetzt zu tun ist Die Lektüre zum Schnee
Ob überfrierende Nässe, Tauwetter oder Neuschnee – Bücher interessiert das nicht. Lesen Sie mal wieder welche, passend zur Jahreszeit!
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Der Winter mit erhaben glitzernden Schneewehen oder anders naturschönem Mehrwert
Die Schlittschuhläufer unter den Lesern dieser Spalte erinnern sich, dass Goethes Novelle Der Mann von 50 Jahren von einer »selig bewegten Ruhe« weiß, die bei der »Eislust« über uns kommt. Davon war zu Jahresbeginn an dieser Stelle zu lesen, als das Eis noch frisch war. Nun ist man im Winter ein paar Seiten weiter, und J. D. Salingers Tod legt es nahe, nach Holden Caulfield zu schauen. Salingers Fänger im Roggen, ein Winterbuch, ist natürlich der illusionslosere Eislauftext. Weil Held Holden deprimiert ist beim Einpacken der Schlittschuhe, die ihm seine Mutter geschenkt hat (es waren die falschen, aber Geschenke machen sowieso traurig); und weil Holden jenes Bild so »ungeheuer blöd« findet, das ein schlittschuhlaufendes Volk abgeben kann: »Und was die Sache noch schlimmer machte, waren die mindestens zweihundert Gaffer, die nichts Besseres zu tun hatten , als rumzustehen und zuzusehen, wie die Leute über sich und andere stolperten.«
Nichts Besseres, das zu tun wäre? Wer nun versucht hat, auf Schlittschuhen ein zugefrorenes Gewässer durch den frischen Neuschnee selig ruhig zu befahren, versteht, was Holden gemeint hat, und sieht auch Folgendes ein: Es ist jetzt, wo selbst das iPhone, winterempfindlich, mal schläft, fast gar nichts zu tun, was nicht besser noch wartet. Fast jeder Plan bleibt ja ohnehin auf dem Weg stecken. Wie jener Bus, der zu Beginn des Russischen Sommers, des Films über den Schriftsteller Leo Tolstoj, am Kino eintreffen sollte, sich aber am Straßenrand zu überwintern anschickte. Wie in Tolstojs Geschichte Herr und Knecht ja auch der Wagen im Schnee stecken bleibt, nur dort auf Leben und Tod; wie Tolstojs Bauernjunge Philippok im gleichnamigen Kinderbuch auf dem Weg in die Schule in den Schnee stürzt, wo ihn fremde Hunde anfallen, weshalb seine Sehnsucht, zur Schule zu gehen, mit der Angst vor einer Natur kollidiert, die ihm nicht wohl will. Tolstoj hat eine Schule für Bauernkinder gegründet, kein Wunder bei all dem Winter.
Man kann, wenn man erst herausgefunden hat, dass jetzt kaum etwas zu tun ist, dann noch ein Buch aufschlagen, man liest es unwillkürlich unter Wintergesichtspunkten neu, jedes Regal ist voll mit gedruckten Menschen im Schnee. Bücher sind auch nicht kälteempfindlich. Aufschlagen, zu, vorwärts, rückwärts blättern, läuft alles reibungslos, auch bei überfrierender Nässe, Tauwetter, Neuschnee. Mit Überraschungen: In Krieg und Frieden, noch mal Tolstoj, blättert und blättert man auf der Suche nach epischem Winter, 1400 Seiten, kaum erhaben glitzernde Schneewehen oder anders naturschöner Mehrwert. Doch die Natur ist machtvoll real, fast stillschweigend, als Dolochow im Duell stürzt, wird er buchstäblich »gierig« in Schnee beißen, und Pierre, der beklommene Sieger, verliert sich im Schnee des Waldes, kein Wintermärchen. Das sollte man jetzt wirklich lesen.
Was dann zu tun wäre: Noch mal in Goethes Mann von 50 Jahren nachsehen, wie selig die Eiskunst da war, weil sich ein Bigotterieverdacht gegen diese Schlittschuhästhetik anschleicht. Goethes Eisfläche erweist sich als gefrorene Überschwemmung, als überwundene Katastrophe, Dörfer waren von der Versorgung abgeschnitten, nun sind sie’s nicht mehr. Die »Welt des Bedürfnisses« verwandelt sich durch das Eis in das »Schauspiel der Welt«. Für die Gaffer? Für die Anschauung. Doch man kann, bis alles getaut ist, auch nach Venedig, zum Karneval.
- Datum 04.02.2010 - 15:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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