In Hollywood wird der Regisseur Werner Herzog verehrt. Nun feiert ihn auch Berlin mal wieder: als Jurypräsidenten der 60. Berlinale

Die ZEIT:Werner Herzog , vor ein paar Jahren gaben Sie in Los Angeles ein TV-Interview, bei dem Sie angeschossen wurden. Beim Betrachten der Szene hat man das Gefühl, dass Sie durch nichts zu erschüttern sind.

Werner Herzog: Ich war damals aber schon überrascht. Während des Interviews habe ich eine Explosion gehört und dachte, die Kamera sei explodiert, weil es sich so anfühlte, als ob mich in Gürtelhöhe ein glühendes kiloschweres Stück Eisen traf. Die Kamera war aber völlig intakt. Weiter hinten sah ich dann einen Mann mit Gewehr, der sich hinter einer Veranda abduckte. Der hatte zum Spaß mit einem Luftgewehr auf mich geschossen.

ZEIT: Sie haben das Interview dann nach kurzer Unterbrechung fortgesetzt…

Herzog: Das war ja keine schwere Verletzung. Die Leute von der BBC hatten aber die Hosen voll. Das war schon lustig.

ZEIT: Leben Sie gerne hier in Los Angeles?

Herzog: Ja. Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien : die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.

ZEIT: Früher sagten Sie, dass sich nur dem Fußgänger die Welt eröffne. Das ist hier wohl vorbei.

Herzog: Los Angeles ist ja eine Stadt, in der man nicht zu Fuß gehen kann. Sie machen sich verdächtig. Die Polizei fährt langsam neben Ihnen her und fragt, was Sie da tun. Nur wenn Sie einen Hund ausführen oder joggen, dann fallen Sie nicht auf. Aber zu Fuß gehe ich eigentlich nur, wenn ein existenzieller Grund dahinter ist.

ZEIT: 1974 gingen Sie 700 Kilometer von München nach Paris zu Fuß. Aus Größenwahn oder Zuneigung oder beidem wollten Sie den Tod der schwerkranken Filmhistorikerin Lotte Eisner verhindern.

Herzog: Ich fand das nicht richtig, dass sie im Sterben liegt, wir brauchten sie ja noch. Denn es gab ja eine große Reserviertheit gegenüber dem deutschen Kino, weil uns noch der Ruf der Nazibarbarei anhaftete. Lotte Eisner hatte Bücher über Murnau und Fritz Lang geschrieben , sie war jüdische Emigrantin und Chefkonservatorin der Pariser Kinemathek. Sie hatte die Autorität, uns zu legitimieren. Und sie hatte mit ihrem Einsatz für das neue deutsche Kino in den sechziger und siebziger Jahren etwas sehr Entscheidendes geleistet. Für mich war sie auch eine Art Mentorin. Zum Beispiel schickte sie eine Kopie meines ersten Films Lebenszeichen an Fritz Lang, der gesagt hatte, dass aus Deutschland nie wieder ein Film kommen wird.

ZEIT: Sie hat dann durch Ihr Wander-Opfer erst einmal überlebt.

Herzog: Das war kein Opfer, sondern eine Erlaubnisverweigerung: Der Eisnerin wird mit physischem Nachdruck die Erlaubnis entzogen, zu sterben. 

ZEIT: Als 1970 bei den Dreharbeiten zu Ihrem Film Auch Zwerge haben klein angefangen auf Lanzarote immer wieder Darsteller verunglückten, gelobten Sie, in einen Kaktus zu springen, wenn alle den Dreh überleben sollten. Haben Sie einen Hang zu selbst auferlegten Prüfungen?

Herzog: Das war sozusagen Volksbelustigung, weil die Darsteller diese Unfälle ohne große Folgen überstanden haben. Der kleinste der Liliputaner stand zum Beispiel einmal in Flammen, und wir haben ihn angestarrt wie einen Christbaum, bis ich ihn gelöscht habe. Und dann dachte ich, dass ich den Darstellern auch mal was für ihr Familienalbum geben sollte: eine schöne Tat. So wie wenn Kids mit Snowboards abheben und dann in der Luft eine schöne Pose machen.