Berlinale-Jurypräsident Werner HerzogHerr der Schmerzen

Der Regisseur Werner Herzog ist der Jurypräsident der 60. Berlinale. Ein Gespräch über das Gefühl, erfolglos angeschossen zu werden, brennende Liliputaner und das Leben als deutscher Einzelgänger in Hollywood

In Hollywood wird der Regisseur Werner Herzog verehrt. Nun feiert ihn auch Berlin mal wieder: als Jurypräsidenten der 60. Berlinale

In Hollywood wird der Regisseur Werner Herzog verehrt. Nun feiert ihn auch Berlin mal wieder: als Jurypräsidenten der 60. Berlinale

Die ZEIT: Werner Herzog, vor ein paar Jahren gaben Sie in Los Angeles ein TV-Interview, bei dem Sie angeschossen wurden. Beim Betrachten der Szene hat man das Gefühl, dass Sie durch nichts zu erschüttern sind.

Werner Herzog: Ich war damals aber schon überrascht. Während des Interviews habe ich eine Explosion gehört und dachte, die Kamera sei explodiert, weil es sich so anfühlte, als ob mich in Gürtelhöhe ein glühendes kiloschweres Stück Eisen traf. Die Kamera war aber völlig intakt. Weiter hinten sah ich dann einen Mann mit Gewehr, der sich hinter einer Veranda abduckte. Der hatte zum Spaß mit einem Luftgewehr auf mich geschossen.

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ZEIT: Sie haben das Interview dann nach kurzer Unterbrechung fortgesetzt…

Herzog: Das war ja keine schwere Verletzung. Die Leute von der BBC hatten aber die Hosen voll. Das war schon lustig.

ZEIT: Leben Sie gerne hier in Los Angeles?

Herzog: Ja. Für mich ist Los Angeles die amerikanische Stadt mit der größten Substanz. Ich meine natürlich nicht die reine Oberfläche, den Glitz und Glamour von Hollywood. Aber alle wichtigen Trends des vergangenen Jahrhunderts kommen aus Kalifornien: die kollektiven Träume im Kino weltweit. Die Tatsache, dass Homosexuelle als integraler Bestandteil einer Gesellschaft anerkannt werden. Die Computertechnologie. Die großen Internetinnovationen. Und im Übrigen auch die Dummheiten wie Hippie und New Age. Es gibt nur zwei Ausnahmen. Die grüne Bewegung kommt eher aus Skandinavien. Und der islamische Fundamentalismus kommt auch nicht aus Kalifornien.

Werner Herzog

wurde 1942 in München geboren. Mit nur 24 Jahren drehte er seinen ersten Spielfilm »Lebenszeichen«, der den silbernen Bären der Berlinale gewann. Herzog gehört zur Generation des Neuen Deutschen Films und ist zugleich ein Einzelgänger, der für seine manchmal wahnwitzigen Projekte physische Entbehrungen und Grenzsituationen in Kauf nimmt. Mit dem Schauspieler Klaus Kinski verband ihn eine dramatische Arbeitsbeziehung, aus der unter anderem die Filme »Aguirre, der Zorn Gottes«, »Woyzeck« und Fitzcarraldo hervorgingen. In seiner Wahlheimat, den USA, wird Herzog wie eine Kultfigur verehrt und drehte dort in den letzten Jahren äußerst erfolgreiche Dokumentarfilme, zum Beispiel Grizzly Man über einen selbst ernannten Bärenschützer, der von einem Grizzly aufgefressen wurde. Herzog ist der Jury-Präsident der 60. Berlinale, die am 11. Februar beginnt. Am 25. Februar kommt sein neuer Spielfilm Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen mit Nicolas Cage und Eva Mendes in die deutschen Kinos. Das Gespräch mit Werner Herzog fand in Los Angeles statt.

ZEIT: Früher sagten Sie, dass sich nur dem Fußgänger die Welt eröffne. Das ist hier wohl vorbei.

Herzog: Los Angeles ist ja eine Stadt, in der man nicht zu Fuß gehen kann. Sie machen sich verdächtig. Die Polizei fährt langsam neben Ihnen her und fragt, was Sie da tun. Nur wenn Sie einen Hund ausführen oder joggen, dann fallen Sie nicht auf. Aber zu Fuß gehe ich eigentlich nur, wenn ein existenzieller Grund dahinter ist.

ZEIT: 1974 gingen Sie 700 Kilometer von München nach Paris zu Fuß. Aus Größenwahn oder Zuneigung oder beidem wollten Sie den Tod der schwerkranken Filmhistorikerin Lotte Eisner verhindern.

Herzog: Ich fand das nicht richtig, dass sie im Sterben liegt, wir brauchten sie ja noch. Denn es gab ja eine große Reserviertheit gegenüber dem deutschen Kino, weil uns noch der Ruf der Nazibarbarei anhaftete. Lotte Eisner hatte Bücher über Murnau und Fritz Lang geschrieben , sie war jüdische Emigrantin und Chefkonservatorin der Pariser Kinemathek. Sie hatte die Autorität, uns zu legitimieren. Und sie hatte mit ihrem Einsatz für das neue deutsche Kino in den sechziger und siebziger Jahren etwas sehr Entscheidendes geleistet. Für mich war sie auch eine Art Mentorin. Zum Beispiel schickte sie eine Kopie meines ersten Films Lebenszeichen an Fritz Lang, der gesagt hatte, dass aus Deutschland nie wieder ein Film kommen wird.

ZEIT: Sie hat dann durch Ihr Wander-Opfer erst einmal überlebt.

Herzog: Das war kein Opfer, sondern eine Erlaubnisverweigerung: Der Eisnerin wird mit physischem Nachdruck die Erlaubnis entzogen, zu sterben. 

ZEIT: Als 1970 bei den Dreharbeiten zu Ihrem Film Auch Zwerge haben klein angefangen auf Lanzarote immer wieder Darsteller verunglückten, gelobten Sie, in einen Kaktus zu springen, wenn alle den Dreh überleben sollten. Haben Sie einen Hang zu selbst auferlegten Prüfungen?

Herzog: Das war sozusagen Volksbelustigung, weil die Darsteller diese Unfälle ohne große Folgen überstanden haben. Der kleinste der Liliputaner stand zum Beispiel einmal in Flammen, und wir haben ihn angestarrt wie einen Christbaum, bis ich ihn gelöscht habe. Und dann dachte ich, dass ich den Darstellern auch mal was für ihr Familienalbum geben sollte: eine schöne Tat. So wie wenn Kids mit Snowboards abheben und dann in der Luft eine schöne Pose machen.

Leserkommentare
  1. Ja, wunderbar wie Herzog seine Lebensschau durch sein Erfahrungsfilter laufen läßt und als Extrakt wiedergibt.
    Da ist so manches von uns Konsumbürger Schall und Rauch!

    2 Leserempfehlungen
    • mr.k
    • 09.02.2010 um 12:37 Uhr

    ...den mag ich....

    2 Leserempfehlungen
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    danke für's Interview.

    danke für's Interview.

  2. danke für's Interview.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "den Herzog..."
  3. >>Weil jeder dunkle Winkel unserer Seele unbedingt ausgeleuchtet werden muss. Aber eine Wohnung, die bis zum letzten Winkel ausgeleuchtet ist, wird unbewohnbar. Und Menschen, die durch Psychoanalyse bis in den letzten Winkel erforscht sind, werden unbewohnbare Menschen.<<

    Ein von Angst geprägtes und von Kenntnis unberührtes Bild von Psychoanalyse, das Herzog da zeichnet. Schon die von z.B. Jung und Freud beobachtete Autonomie des Unbewussten ist vielmehr dazu geeignet, seelischen Bereichen einen akzeptierten Platz zuzugestehen, als dies viele andere Modelle des Menschen zulassen, eine meiner Lieblingsidiotien in diesem Zusammenhang: homo oeconomicus.

    Aus der eigenen Angst vor eigenen Abgründen wird die Intention des Analytikers, diese ausleuchten zu wollen, abgeleitet - ohne dass es dafür Belege gäbe.

    Man könnte hier von einer Projektion sprechen, und m.E. wären wir auch gesellschaftlich gesehen gut beraten, uns mit diesem analytischen Begriff zu beschäftigen.

    Dann könnten wir beispielsweise konstatieren, dass wir ausgerechnet zu einer Zeit, in der persönliche Freiheiten über die Massen eingeschränkt werden - die gefundenen Maultaschen, die Frikadelle, die aufgegessen werden und zum Verlust fast des gesamten bisher Ersparten führen, weil gesellschaftliche Teilhabe für den 'Teilbereich' Arbeit ab da nicht mehr gewährt wird - oder der Verlust der Privatspäre nwiederbringbar scheint, s. Facebook et al.

    (Forts. folgt)

  4. http://www.faz.net/s/Rub4...

    dass also ausgerechnet in einer solchen Zeit die unglaublich schrille Diskussion nicht über die Defizite westlicher Gesellschaften geführt wird, sondern darüber, welche Freiheiten der Islam seinen Anhängern gewährt.

    In Berlin, Thilo Sarrazin hat kürzlich darauf aufmerkasam gemacht, leben Muslime als Obst- und Gemüsehändler offenbar ganz friedlich mit ihren Frauen, Kindern, Freunden, Kunden ein, unbehelligt von Zeitarbeit und Facebook, relativ selbstbestimmtes Leben - deren Religionszugehörigkeit muss aber als Vorwand dafür herhalten, zu behaupten, dass so zu leben sich nicht lohne.

    Legt man auch nur kurz den analytischen Begriff 'Projektion' an diese neurotische Verzerrung an, käme man darauf, zu reflektieren, ob es nicht die (tatsächliche, aber - Freiheit = Westen! - nicht wahrgenommene) eigene Eingebundenheit in ein zunehmend totalitäres Gesellschaftssystem und kontrastiert dies mit der tatsächlichen Freiheit jener Muslime (die geflissentlich übersehen wird), stellt sich die überbordende Hatz auf Muslime, die in den Diskussionen zu beobachten ist, schnell als die Hexenjagd heraus, die sie tatsächlich ist.

    Demokratische Verhältnisse a la Zeitarbeit, Coca Cola und Facebook im Irak oder in Afghanistan, die der rückständige Islam zu verhindern trachtet: das Massaker von Kundus zeigt, dass wir eher unter einem Mangel an Selbstanalyse leiden.

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    Ganz offenbar überfordert mich diese Beschränkung auf 1500 Zeichen.

    Der vorletzte Absatz von #5 soll lauten:

    Legt man auch nur kurz den analytischen Begriff 'Projektion' an diese neurotische Verzerrung an, käme man darauf, zu reflektieren, ob es nicht die (tatsächliche, aber - Axiom: Freiheit = Westen! - nicht wahrgenommene) eigene Eingebundenheit in ein zunehmend totalitäres Gesellschaftssystem ist, die einen so irritiert, und kontrastiert man diese Eingebundenheit dann mit der tatsächlichen Freiheit (geflissentlich übersehen) jener Muslime, stellt sich die überbordende Hatz auf sie, die in Diskussionen immer häufiger zu beobachten ist, schnell als die Hexenjagd heraus, die sie tatsächlich ist.

    Wer sich dies klar macht, ist vielleicht eher bereit, auf den Scheiterhaufen zu verzichten.

    Ganz offenbar überfordert mich diese Beschränkung auf 1500 Zeichen.

    Der vorletzte Absatz von #5 soll lauten:

    Legt man auch nur kurz den analytischen Begriff 'Projektion' an diese neurotische Verzerrung an, käme man darauf, zu reflektieren, ob es nicht die (tatsächliche, aber - Axiom: Freiheit = Westen! - nicht wahrgenommene) eigene Eingebundenheit in ein zunehmend totalitäres Gesellschaftssystem ist, die einen so irritiert, und kontrastiert man diese Eingebundenheit dann mit der tatsächlichen Freiheit (geflissentlich übersehen) jener Muslime, stellt sich die überbordende Hatz auf sie, die in Diskussionen immer häufiger zu beobachten ist, schnell als die Hexenjagd heraus, die sie tatsächlich ist.

    Wer sich dies klar macht, ist vielleicht eher bereit, auf den Scheiterhaufen zu verzichten.

  5. Ganz offenbar überfordert mich diese Beschränkung auf 1500 Zeichen.

    Der vorletzte Absatz von #5 soll lauten:

    Legt man auch nur kurz den analytischen Begriff 'Projektion' an diese neurotische Verzerrung an, käme man darauf, zu reflektieren, ob es nicht die (tatsächliche, aber - Axiom: Freiheit = Westen! - nicht wahrgenommene) eigene Eingebundenheit in ein zunehmend totalitäres Gesellschaftssystem ist, die einen so irritiert, und kontrastiert man diese Eingebundenheit dann mit der tatsächlichen Freiheit (geflissentlich übersehen) jener Muslime, stellt sich die überbordende Hatz auf sie, die in Diskussionen immer häufiger zu beobachten ist, schnell als die Hexenjagd heraus, die sie tatsächlich ist.

    Wer sich dies klar macht, ist vielleicht eher bereit, auf den Scheiterhaufen zu verzichten.

    Antwort auf "Forts.4"
  6. ...verstehe gar nicht, wieso Herzog so eine Phobie - ein gepflegtes Feindbild - in Sachen Psychologie hervorkehrt. Muss meinem Vorredner da recht geben...eine reine Unterstellung und Projektion eines Ahnungslosen, sogar eines mit leichtem Schwachsinn befallenen Fanatikers... Als ob die Analyse einen Menschen vollkommen ausleuchten könnte...und er eine feste Wohnung bilde, die in ihrer Ordnung ein unveränderbar starres Gebilde ist (nur eben einmal verdunkelt und einmal beleichtet)...War für Freud die Analyse nicht ein unendliches Unterfangen? (bin kein Experte) Das starre Gebilde jedenfalls scheint mir der Herzog zu sein...nicht die "Inquisition" der Psychoanalyse...

    Eine Leserempfehlung
  7. erstmal ist ein selbstbestimmtes Leben kaum mögblich. Sicher
    waren unter den vielen Erdbebenopfer in Haiti auch viele
    die ihr Leben scheinbar "selbstbestimmt" haben"

    Meinen inneren Schweinehund kann ich selbst an die Kette
    legen. Wenn nicht,bekomme ich die Gesetzesknute zu spüren. Der Psychiater will doch nur mein Geld.
    Viel schlimmer ist die Datensammlerwut. Da bin ich schon gläsern geworden.

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    Wenn es nicht nur um Sie geht, sondern es Menschen gibt, denen Psychiater, also zumeist ausgebildete Ärzte, helfen können - wie glauben Sie, wirkt Ihre Pauschalisierung wohl auf jemanden, der vielleicht dringend Hilfe bräuchte, aber Schwierigkeiten hat, sich das einzugestehen?

    'Der will eh nur mein Geld' - so können Sie nahezu jeden Beruf denunzieren, und Sie verkennen dabei offensichtlich, dass sich niemand leisten kann, seine Arbeitszeit komplett zu verschenken.

    Mich ärgert Ihre gedankenlose Behauptung sehr, dennoch sei hier die Telefonseelsorge erwähnt: Um deren Hilfe in Anspruch zu nehmen, braucht man vielleicht nicht so tiefverwurzelte Vorurteile zu überwinden.

    Wenn es nicht nur um Sie geht, sondern es Menschen gibt, denen Psychiater, also zumeist ausgebildete Ärzte, helfen können - wie glauben Sie, wirkt Ihre Pauschalisierung wohl auf jemanden, der vielleicht dringend Hilfe bräuchte, aber Schwierigkeiten hat, sich das einzugestehen?

    'Der will eh nur mein Geld' - so können Sie nahezu jeden Beruf denunzieren, und Sie verkennen dabei offensichtlich, dass sich niemand leisten kann, seine Arbeitszeit komplett zu verschenken.

    Mich ärgert Ihre gedankenlose Behauptung sehr, dennoch sei hier die Telefonseelsorge erwähnt: Um deren Hilfe in Anspruch zu nehmen, braucht man vielleicht nicht so tiefverwurzelte Vorurteile zu überwinden.

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