Waldviertel Schuster mit Mission

Heinrich Staudingers Schuhe sind weder schön noch schick. Dafür machen sie ihre Träger zu besseren Menschen.

Ob die Schuhe nicht ein wenig hässlich seien? Lange ringt Heinrich Staudinger nach einer Antwort. »Okay, der Schuh sagt nicht: Schau her, ich bin der Schönste«, murmelt der 57Jährige mit den ergrauten Locken, der in Bluejeans und kariertem Hemd in einer zur Kantine umgebauten Fabrikhalle sitzt. »Den tragen auch wahnsinnig elegante, fesche Gören, die das i-Tüpferl ausreizen, gerade weil das Design so reduziert ist.«

So kann man sie auch sehen, diese eigenwillig geformten Schuhe, Stiefel und Sandalen, die in einer kleinen Fabrik in Niederösterreich entstehen: die Waldviertler. Flacher Absatz, breiter Schnitt – beides angeblich gesund sowohl für Füße als auch Träger. So lautet zumindest die Werbebotschaft. Das robuste Schuhwerk hat sich in den vergangenen Jahren vom Geheimtipp zum Bestseller entwickelt.

Anzeige

Eigentlich dürfte es die mitunter quietschbunten Treter gar nicht geben. Produziert werden sie im Hochlohnland Österreich, sie sind relativ teuer, und der wenig coole Markenname bringt kaum modisches Prestige. Der reinen Managementlehre zufolge hat so etwas in einer Branche, in der milliardenschwere Konzerne wie Nike, vor allem aber die Billigproduzenten aus Fernost ihre Ware in den Markt drücken, keine Chance. Dennoch verkauft sich der Anachronismus blendend. Dass die Waldviertler wie Entenpatschen aussehen, scheint die Fans der Marke nicht zu stören. Mittlerweile schmücken die Schuhe nicht nur esoterisch angehauchte Alt-68er, sondern tauchen auch in hippen Studentencafés oder mit Edelholz vertäfelten Anwaltskanzleien auf. Die etwas klobigen Gesundheitsschuhe sind zum Kennzeichen einer Generation geworden, die soliden Werten den Vorzug gibt vor feschen Labels. Diese Leute kaufen ihr Gemüse lieber am Bauernmarkt, ihr Kaffee verspricht fair trade, bei fast jedem Wetter sind sie mit dem Fahrrad unterwegs. Die Waldviertler gehören zu diesem Konsumtrend wie selbstverständlich dazu. Ein Signal dafür, dass man zu den Guten gehört. So wie Heinrich Staudinger.

Es ist Nachmittag in der 5000-Seelen-Gemeinde Schrems im nördlichen Waldviertel. Auf dem Dach der zweistöckigen Werkshalle der ehemaligen Federkernfabrik am Ortsrand glänzen die Solarzellen, darunter wird geschustert. Ein paar Dutzend Arbeiter ziehen weinrote, haselnussbraune oder tiefschwarze Lederoberteile über hölzerne Passformen, nähen sie an Gummisohlen, klopfen sie zurecht. Die Kreationen werden einmal Namen wie Traktor, Geh Gu Ti Gut oder Südpol tragen. Ausgefallene Namen für besondere Schuhe. Einen cognacfarbenen Damenstiefel hat Staudinger gar Rosa Lux getauft. Eine lederne Reverenz an die von rechten Korpsbrüdern ermordete Pazifistin Rosa Luxemburg. »Ich fühle mich verpflichtet, meinen Kunden auch geistiges Futter mitzugeben«, sagt der Firmenchef.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service