Bernhard Termühlen will partout kein Bauer sein – obwohl er gar nicht fürchten muss, wie einer zu wirken. Sein gebräunter Teint sieht weniger nach stundenlanger Arbeit auf dem Feld aus als nach Sonnenbank, und in Gummistiefeln kann man sich den schmalen Exvorstand des Finanzvertriebs MLP auch nicht so recht vorstellen.

Mittlerweile liegt es sieben Jahre zurück, dass der reiche Mann seinen Managerplatz räumen musste. Er lebt auf dem platten Land, genauer auf einem mehrere Hundert Hektar großen Grundstück mit einem herrschaftlich angelegten Gutshof, umsäumt von saftigen Wiesen und brauner Erde, reich an Lehm, typisch fürs norddeutsche Land. Energisch sagt Termühlen, er drehe hier im Sommer keineswegs Runden mit dem Trecker. Und sich an wiegenden Halmen und Ähren zu freuen käme ihm auch nicht in den Sinn. Kommt man ihm mit solchen Bildern, sagt er: »Es war eine systematische Anlageentscheidung.«

Bernhard Termühlen hat sich seinen Teil am Planeten gesichert.

Mit 200 Hektar norddeutschem Land fing es an, dann zog es ihn der aufgehenden Sonne entgegen, erst kaufte er Ländereien im Osten Deutschlands, dann in Polen , später in Rumänien . Wie viele Tausend Hektar es genau sind, möchte er nicht sagen, aber die Fläche eines Kleinstaates dürfte es schon sein.

Insgesamt stecken gut 20 Prozent des Termühlenschen Vermögens in der Erde. Das bringt jedes Jahr zwei bis drei Prozent, »keine Riesenrenditen«, sagt Termühlen. Aber das ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist die Wertsteigerung des Bodens selbst. Seit 2000 hat sie sich vor allem in Osteuropa durch EU-Beitritte und die damit verbundenen Agrarsubventionen beschleunigt. Allein in Polen haben sich die Preise seitdem fast vervierfacht, in Litauen verdreifacht ( siehe Grafik ).

Man muss kein Bauer mehr sein, um mit Ackerland Geld zu verdienen. Eher ist es andersherum. Investmenthäuser wie Goldman Sachs und Morgan Stanley , die führende deutsche Fondsgesellschaft DWS , die zur Deutschen Bank gehört, Spezialisten wie Agrarius und AgroEnergy, dazu Hedgefonds, die Anlagebüros von Milliardären – sie alle wetten inzwischen auf Mutter Erde und das Agro-Geschäft. Und selbst Kleinanleger sind dabei. Für sie gibt es Zertifikate auf Acker.

Landgrab, wie die Amerikaner sagen, das Grabschen nach Land, beginnt mit zwei nüchternen Zahlen, die jeder kennt, der auf Ackerland setzt. Sie stehen in jedem Fondsprospekt, in jeder Studie. Die erste Zahl sind 1,5 Milliarden. Das ist die derzeit nutzbare Ackerfläche der Erde in Hektar. Die zweite ist 200.000. So viele Menschen kommen jeden Tag zu den 6,8 Milliarden hinzu, die von der Erde leben wollen.

Schon heute hungern 850 Millionen von ihnen.

Wer sein Geld vermehren will, der kauft idealerweise Güter, die sich nicht vermehren lassen, die aber immer mehr Menschen haben wollen. Die Nachfrage ist größer als das Angebot, der Preis steigt. So einfach ist das.

 

Kaum etwas ist gefährlicher als ein hungerndes Volk

Auch Staaten haben die neue Bedeutung fruchtbaren Bodens entdeckt. Sie folgen ebenfalls einer simplen Logik: Kaum etwas ist gefährlicher als ein hungerndes Volk. Chinesen, Araber und die Vertreter anderer Nationen ziehen derzeit um den Globus, um sich fruchtbaren Boden zu sichern:

In den arabischen Staaten geht schlicht das Wasser aus. In manchen Gegenden müssen fossile Wasservorräte aus 1000 Meter Tiefe hochgepumpt werden.

In China nimmt der Fleischverbrauch rasch zu, was den Bedarf an Weideland und Getreide noch schneller wachsen lässt ( siehe Grafik ).

Überall auf der Welt will man sich vor globalen Missernten wie jener des Jahres 2007 schützen, der eine Hungersnot folgte.

Das jüngste Weltwirtschaftsforum in Davos diskutierte über die Frage: »Wird der Boden bald teurer als Öl?« Geleitet wurde die Runde vom Bonner Agrarforscher Joachim von Braun, der eine Zuspitzung der Lage erwartet. »Staaten, die wenig Wasser- und Nahrungsmittelressourcen haben, wollen sich nicht mehr auf den Welthandel verlassen und kaufen nun in Entwicklungsländern Land, um ihre Versorgung zu sichern«, sagt er. »Innerhalb von zwei Jahren hat das zum Aufkauf oder zur Pacht von Land von mehr als der Ackerfläche Deutschlands geführt.«

Mancher afrikanische Diktator verrät sein Volk schnell für genügend Dollar. China soll sich mehr als 100.000 Hektar in Simbabwe gesichert haben und 2,8 Millionen Hektar im Kongo , eine Fläche fast so groß wie Brandenburg . Jordanien: 25.000 Hektar im Sudan . Südkorea ebenfalls im Sudan: 690.000 Hektar ( siehe Grafik ).

Im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten hat es sich ein kleiner Investorenkreis gemütlich gemacht. Draußen ist es kalt. Ein Winterdienstag. Drinnen im Kleinen Festsaal mit seiner getäfelten Holzdecke, den goldenen Lüstern, schweren roten Samtvorhängen und einem Marmorkamin sitzen 30 Männer in Nadelstreifen. Sie sind gekommen, um einen exklusiven Einblick in den bevorstehenden Weltuntergang zu bekommen: Dennis Meadows spricht. Meadows, ein weißbärtiger Mann mit verschmitztem Lächeln, schrieb vor 30 Jahren Die Grenzen des Wachstums. Er ist so etwas wie der Popstar der Untergangsszene.

»Habe ich die Wahl zwischen Kollaps und Weltkrieg, nehme ich den Kollaps«

Meadows steigt mit einem kleinen Spiel in seinen Vortrag ein, malt ein paar Kreise auf ein großes Stück Papier und nennt dazu eine Zahl. Das Publikum soll ein Muster erraten. Tatsächlich geht es nur um die Anzahl der Finger, die er zeigt, während er malt. Dennis Meadows freut sich: Der Aha-Effekt funktioniert. Mal wieder hat keiner auf das Offensichtliche geachtet. Genauso wie im richtigen Leben. Die Grenzen des Planeten hat Meadows vor 30 Jahren einleuchtend benannt und nun in einer Neuauflage nachgerechnet.

Er hat sich dabei viel mit den Tücken exponentieller Kurven beschäftigt. Es liegt in ihrer Natur, dass sie über einen sehr, sehr langen Zeitraum nur ganz allmählich ansteigen. Bis sie mit einem Mal so steil aufsteigen, dass innerhalb kürzester Zeit die Skala gesprengt wird. Die Vermehrung der Menschen gehorcht einer solchen Kurve. Folge die Menschheit dieser Kurve weiter, gäbe es in 600 Jahren für jeden gerade noch einen Quadratmeter Platz auf der Erde.

Dramatisch dürfte es sehr viel früher werden.

Wohin das führt? »Am liebsten wäre mir ein sanfter Abschwung, da ich aber nur die Wahl zwischen einem Kollaps und einem dritten Weltkrieg habe, nehme ich lieber den Kollaps«, sagt der Wissenschaftler. Er meint damit nie da gewesene Hungersnöte, Flüchtlingsströme, die massenhafte Verletzung von Menschenrechten.

Doch zuvor, so dürfen die Zuhörer im Saal hoffen, lässt sich noch eine Menge Geld verdienen. Meadows sagt dazu: »In jedem Fall ist es eine gute Idee, Landwirt zu sein, am besten in einer politisch stabilen Region mit ausreichend Wasser.«

Das Thema hat viele neue Spieler gelockt, die möglichst wenig über ihr neues Lieblings-Investment reden. Morgan Stanley und Goldman Sachs bestätigen zwar Berichte, sie seien auf dem Feld engagiert, geben aber kaum Details bekannt. Die DWS will offiziell nichts zu Gerüchten sagen, sie plane Fonds mit aktiven Beteiligungen an Ackerland. Schon heute aber bewirbt die Deutsche-Bank-Tochter ihre Fonds Invest Global Agribusiness und Invest Global Infrastructure, die in Agrarunternehmen investieren, mit der einfachen Rechnung von der knappen Erde. »Pro Kopf steht immer weniger Ackerfläche für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung«, heißt es im Magazin DWS active unter der Schlagzeile Megatrends . Und: »Engpässe und steigende Preise scheinen damit vorprogrammiert.«

 

Dass die Banker wie auch Investoren nicht so gerne über Landdeals sprechen, könnte damit zu tun haben, dass man die schlichte Werbebotschaft auch unerfreulicher ausdrücken kann: Die Spekulation mit der Knappheit der Erde hat einen Haken – den Hunger der anderen.

Bei der Hamburger Investmentgesellschaft Aquila hat man sich mit der ethischen Frage beschäftigt, auch wenn es zunächst nicht danach klingt. Aquila hatte Dennis Meadows ins Hotel Vier Jahreszeiten nach Hamburg eingeladen. Detlef Schön ist der Fondsmanager für Klima und Agraraktivitäten bei Aquila und sagt: »Meadows bereitet uns den Boden.« Knapp 40 Millionen Euro hat Schön für seine Agrarfonds eingesammelt, weitere 50 bis 100 Millionen Euro sollen bald folgen. Es ist Geld, mit dem er Land kauft und dadurch anderswo für die Einwohner den Boden knapper macht – selbst wenn sie ihn weiter bewirtschaften.

Schön sagt, für ihn seien die entscheidenden Punkte, wo er kaufe und was er hinterher mit dem Boden mache. Einmal bot man ihm ein Projekt im Kongo an. Als es um die Kosten der Farmunterhaltung ging, wurde ein hoher dreistelliger Posten genannt – für Munition. Was man dort so braucht, wenn man sein Land gegen hungrige Einheimische verteidigen will. »Von so etwas halten wir uns fern«, sagt er. Schön sucht politische Stabilität, Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit. Deshalb führen seine Dienstreisen oft nach Neuseeland und Brasilien – und eben nicht in den Kongo oder in den Sudan.

Außerdem, sagt er, wolle er nicht mit der Fläche spekulieren, sondern sie langfristig und möglichst effizient bewirtschaften. Soll heißen: Wo Aquila wirkt, wächst mehr als vorher, und mehr Menschen werden satt. Ein Großteil des Geldes fließt aus diesem Grund in Milchfarmen in Neuseeland, wo Kühe auf der Weide stehen und kaum zusätzliches Futter brauchen. Diese Kühe sind gute Kühe, weil sie Menschen keine Nahrungskonkurrenz machen. Oder wie Schön sagt: »Dann fressen sie den Menschen nicht das Getreide weg.« Gleichzeitig tut der Aquila-Mann nicht so, als ginge es ihm in erster Linie um Ethik. »Wir machen das nicht, weil wir Gutes tun sollen, aber es ist natürlich angenehmer, so Geld zu verdienen«, sagt er.

Die meisten deutschen Investmenthäuser und Fonds schreckt die Idee, es mit korrupten Staatslenkern oder gar Blutvergießen zu tun zu bekommen. Viele Anleger vertreibt so etwas. Auch einer wie Bernhard Termühlen kauft lieber auf seinem Heimatkontinent ein. »Für Afrika muss man einfach ganz andere Kenntnisse haben, zudem ist die politische Lage nicht einzuschätzen«, sagt er.

Aber selbst in Polen und Transsilvanien werden die Einheimischen misstrauisch, wenn sich Fremde ihr Heiligstes aneignen. »Wir haben uns da Stück für Stück weitergerobbt und unsere Unternehmen langsam aufgebaut«, erzählt Termühlen. Ein Investor werde immer so gut behandelt, wie er sich verhalte, hat er dabei gelernt und dem polnischen Dorf, in dem er Ackerfläche hat, erst mal ein neues Kirchendach geschenkt. Das mag Assoziationen an Neokolonialismus wecken. Aber man darf den Aquilas und Termühlens zugutehalten, dass sie den Boden beackern und die Güter verkaufen, wo sie entstehen.

Beim Geschäft mit dem Acker ist vieles erlaubt – und manchmal beraten die erdverbundensten Menschen die Staatsgesandten, die in einem Land säen, um ein anderes zu ernähren. Siegfried Hofreiter, stämmig, grünes Polohemd, grüner Pulli, süddeutscher Zungenschlag, ist noch heute Bauer durch und durch. Gummistiefel und Schaufel immer griffbereit im Kofferraum. Der Mann wirkt nicht gerade sentimental, aber er kann vom Geruch frisch aufgeworfener Erde schwärmen wie andere Menschen vom Duft köstlicher Rosenblüten. Und wenn man ihn fragt, was ihm der Mutterboden bedeute, sagt er: »Das ist das Blut in unseren Adern.«

Als zweiter von drei Brüdern musste Hofreiter den Elternhof verlassen und sich seine eigenen Felder suchen. Große Flächen hatten es ihm schon immer angetan, er fand sie in Ostdeutschland. Aus dem Ostprojekt erwuchs ein Unternehmen. Inzwischen ist Hofreiter Chef eines der größten Agrarproduzenten Europas : der KTG Agrar. Als er dann die Chance sah, brachte er sein Unternehmen vor zwei Jahren auch an die Börse. Jetzt legt er Aktionären und Analysten alle drei Monate Rechenschaft ab.

»Man braucht viel Fachwissen. Aber es ist nicht nur ein Geschäft, die Entscheidung, eine Ackerfläche zu kaufen, fällt auch im Herzen«, sagt Hofreiter.

Das mag er so fühlen. Aber er hat sich auch dem Sog der Kapitalmärkte ausgesetzt. Es hat ihn gepackt. Und so ist eben über die Jahre aus dem Bauernsohn ein Vorstandschef geworden, der an Gewinn und Wachstum gemessen wird – und sich daran misst.

Die KTG bewirtschaftet insgesamt 30.000 Hektar, davon besitzt sie 6000 Hektar Fläche, das meiste davon in Litauen – durchschnittlich beackert ein Landwirt in Deutschland um die 50 Hektar.

Damit war es aber auch noch nicht genug.

 

Hofreiter hat die KTG zusätzlich zu einem Beratungsunternehmen gemacht. Sein Büro in Hamburg ist karg eingerichtet, kein Nippes steht herum, nur auf der Fensterbank drei kleine Flaggen: eine schwarz-rot-goldene, eine rote mit Hamburger Wappen und eine grüne mit arabischen Schriftzeichen. An der Wand hängt eine Karte, die Saudi-Arabien abbildet.

Wenn der Regen ausbleibt, sind die Investoren nicht mehr interessiert

Auf der Suche nach fruchtbarem Land suchen die Abgesandten der saudi-arabischen Regierung gerne Hofreiters Rat, weil der sich in Osteuropa auskennt. »Die Saudis waren lange Massenexporteur von Getreide, jetzt werden sie binnen kürzester Zeit zum Massenimporteur. Ihr Importbedarf wird sich in den nächsten drei Jahren verdoppeln«, stellt Hofreiter nüchtern fest.

Und er ist gerne zu Diensten.

Der Unternehmer sucht eine Karte heraus, auf der die Anzahl der regenfreien Tage während der Vegetationsphase verzeichnet ist. »Man sieht, alles Gute liegt nicht immer beisammen«, sagt er und streicht mit dem Zeigefinger über die Schwarzerde-Region im südlichen Osteuropa. Dort soll es laut Klimaprognose bald 20 regenfreie Tage mehr geben. Das ist für die Saudis nicht so attraktiv.

»Ich gucke mir meine Kunden sehr genau an und arbeite nur mit denen zusammen, die nachhaltig arbeiten wollen«, sagt Hofreiter. Es komme ihm immer auf das konkrete Projekt an. Was die Araber anderswo treiben, interessiert ihn wenig. An der Absicht, in Osteuropa Land zu bewirtschaften, sei aber nun mal schwerlich etwas Unanständiges zu finden. Sie machen ja eigentlich nichts anderes als er selbst früher: Wenn die eigene Scholle nicht mehr zur Verfügung steht, sucht man sich eben eine andere.

Es ist sein pragmatischer Ansatz, den Kapitalismus und die Landwirtschaft zu verbinden. Leben und leben lassen. Und er verdient mit.

Pragmatisch betrachtet, ist es aber auch so: Wenn es hart auf hart kommt, stand das Gemeinwohl aller noch nie an erster Stelle. Beim Ausverkauf der Erde verhält es sich eben wie mit allen knappen Gütern. Die Nachfrage treibt die Preise – egal, wo man das Gut kauft. Und der Hunger treibt den Profit.